ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2006Melancholie: Die Kunst zwischen Genie und Wahnsinn

VARIA: Feuilleton

Melancholie: Die Kunst zwischen Genie und Wahnsinn

Lange, Joachim

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LNSLNS Eine Ausstellung in Berlin zwischen künstlerischer Spurensuche und medizinischem Befund

Ob nun wirklich gerechtfertigt oder nicht – zur allgemeinen Zeitgeiststimmung scheint eine Ausstellung, die die Melancholie zum Thema hat, jedenfalls zu passen. Und dass Kunst ein Geschäft „zwischen Genie und Wahnsinn“ ist, wie der Untertitel der schon im Pariser Grand Palais erfolgreich gezeigten Schau vorgibt, das wird auch kaum jemand bestreiten.
In Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie in Berlin stehen die Exponate der Themen-Ausstellung nicht allein für sich selbst, sondern für die These, die ihr Titel vorgibt. Jedes Gemälde, jede Plastik, jeder Stich wird da vor allem zu einem Kronzeugen: Zu einem solchen, der die Melancholie als eine Quelle von künstlerischer Kreativität behauptet. Giorgio de Chirico etwa wird in einem der aphoristischen Mottos über den griffigen Erläuterungstexten mit dem Spruch zitiert: „Es gilt als grundsätzlich erwiesen, dass der Wahnsinn ein immanentes Element jeder profunden Äußerung von Kunst ist.“ Die Kunstwerke werden aber auch zu einem Spiegel eben dieser sich inhaltlich im Laufe der Zeit deutlich wandelnden Melancholie ihrer Schöpfer. Oder sie übersetzen dieses menschliche Sentiment in eine Tragödie der Landschaft, wie sie in den Beispielen von Caspar David Friedrichs Sehnsuchtsbildern, etwa dem „Mönch am Meer“ (1808–1810) oder der „Abtei im Eichwald“ (1809–1810) ihren faszinierenden Ausdruck finden.
Mehr als 300 Meisterwerke
Solche Art „belegende“ Kunst wird für den eventverwöhnten Besucher von heute umso glaubwürdiger, je spektakulärer ihre Beispiele sind und je markanter sie für ihre Epoche stehen. Und da können die Ausstellungsmacher mit viel Prominenz aufwarten: Es sind mehr als 300 Meisterwerke der Malerei, Skulptur, Druckgrafik, Fotografie und Videokunst (zu denen auch das Medizinhistorische Museum der Charité Exponate beisteuerte) versammelt. Sie sind in 15 Abteilungen, chronologisch geordnet, mit Querverweisen aufgebrochen, und sie bieten den Besuchern alle Chancen, sich auch einmal anregend „zu verlaufen“.
Ein erster Höhe- und Bezugspunkt ist Albrecht Dürers Kupferstich „Melancolia I“ von 1514. Dieser traurige Engel, zwischen faustischem Streben nach Erkenntnis und weltabgewandtem Grübeln, inmitten von wissenschaftlichen Insignien wie Kugel, Zirkel oder Waage, regte stets neu zu Deutungen an und wurde zur Inspiration für nachfolgende Künstlergenerationen. Nicht nur der in der Hand ruhende Kopf des Dürerschen Engels wird zu einer Konstante über die Epochen hinweg. Alberto Giacometti beispielsweise greift den rätselhaften Kubus in Dürers Stich mit seinem eigenen, knapp ein Meter hohen „Kubus“ aus Bronze (1933/34) ebenso auf, wie es Anselm Kiefer in der Skulptur „Melancholia“ (1989) oder Jörg Immendorff in seinem Gemälde „Entaffte“ (2005) machen.
Und dann findet sich neben einem Kleinod wie Hieronymus Boschs „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ (1490), die, ganz im Geist der Zeit, Melancholie als Todsünde zeigt, die vom Teufel selbst kommt, ein paar Abteilungen weiter, Ron Muecks „Dicker Mann“ (2000). Er hockt in einem leeren Raum mit all seiner naturalistisch überlebensgroßen Präsenz, fett, nackt und glatzköpfig schmollend in der Ecke der Einsamkeit von heute. Er ist ein besonders eindrucksvoller Beleg dafür, wie die soziologischen Phänomene Entfremdung und Vereinsamung heute immer noch mit der Me-lancholie zusammengedacht werden können. Auch wenn der Inhalt dieses Begriffes seit den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts auf den modern massenhaften Befund „Depression“ verkürzt wird. Kunst kann aus diesem Impuls allemal entstehen.
Auch die unbestritten klassischen Ikonen der Melancholie wie Edvard Munch mit verschiedenen Beispielen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, Arnold Böcklin mit einer Version seiner „Toteninsel“ oder Edward Hopper mit „Kino in New York“ (1939) sind vertreten.
Der Anspruch, mit dieser Ausstellung nicht weniger als das spirituelle Geheimnis der Entstehung von Kunst zu lüften, mag allzu vollmundig geraten sein. Aber die Behauptung, ein Generalthema der europäischen Kunst aufzugreifen, kann die Ausstellung eindrucksvoll belegen. Und was sie dabei dem medizinisch gebildeten Besucher an Exaktheit der Begriffsgenese sicherlich vorenthalten mag, das gibt sie dem Kunstfreund durch ihre anregend assoziative Unschärfe zu einem Gutteil wieder zurück.
Joachim Lange


Die Ausstellung ist noch bis 7. Mai zu sehen. Sie wird durch ein Rahmenprogramm ergänzt. Internet: www.melancholieinberlin.org. Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs und sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 10 bis 22 Uhr, freitags und samstags von 10 bis 20 Uhr. Außerhalb der Öffnungszeiten wird die „black box“ zum Ort für ein vielseitiges, melancholisches Veranstaltungsprogramm.
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