ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2006Stets zu Diensten: Der kleine Chirurg und die Publikationsfalle

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Stets zu Diensten: Der kleine Chirurg und die Publikationsfalle

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LNSLNS Es war einmal ein kleiner Chirurg. Der arbeitete in einer berühmten Klinik. Eines Tages kam sein großer Chef und sagte: „Kleiner Chirurg, ich möchte gerne, dass du eine Publikation über unser Spezialthema für unsere Freunde vom Verlag schreibst. Die liegen mir nämlich seit Urzeiten damit in den Ohren. Aber da ich dafür weder Zeit noch rechte Lust habe, dachte ich mir, dass du das ganz gut machen könntest!“ „Wird gemacht, großer Chef!“ sagte der kleine Chirurg und machte sich an die Arbeit. Und da er ein fleißiger kleiner Chirurg war, dauerte es nicht lange, und die Arbeit war getan. Der Verlag fand das toll und druckte seine Arbeit sofort in seiner Fachzeitschrift. Doch damit begann das Unheil für den kleinen Chirurgen!
Foto: BilderBox
Foto: BilderBox
Einige Wochen später erhielt er nämlich eine Rechnung vom Verlag. Er solle 1 000 Taler zahlen, weil der Verlag so arm und der Druck so teuer sei. Was sollte unser kleiner Chirurg nur tun? Die Lösung lag auf der Hand. Er gab die Rechnung seinem großen Chef, schließlich wollte dieser ja unbedingt, dass der kleine Chirurg für den Verlag „arbeitete“. Der kleine Chirurg war schon ganz stolz auf sich, dass er so eine tolle Lösung für sein Problem gefunden hatte, als kurze Zeit später die erste Mahnung vom Verlag kam. „Nanu“, sagte sich der kleine Chirurg, „da ist wohl etwas schief gelaufen!“ Also ging er nochmals zu seinem großen Chef. Der aber beruhigte den kleinen Chirurgen und versprach ihm, die Angelegenheit höchstpersönlich mit dem Verlag zu klären.
Doch gerade als der kleine Chirurg schon nicht mehr an den ganzen Schlamassel dachte, kam die zweite Mahnung. Der Verlag drohte dem kleinen Chirurgen sogar mit bösen Männern, um die 1 000 Taler einzutreiben. Also rief der kleine Chirurg beim Verlag an, um den Irrtum aufzuklären. „Doch, doch! Dein großer Chef hat bei uns angerufen“, sagte man ihm dort. „Es ist alles klar!“ – „Aber warum wollt ihr mir dann die bösen Männer schicken?“ – „Es ist alles klar, dein großer Chef hat uns gesagt, wir sollen die Rechnung an dich senden, kleiner Chirurg!“
Da war der kleine Chirurg zunächst einmal völlig baff! Jetzt war guter Rat teuer – genau genommen kostete ihn dieser 1 000 Taler, mehr als die Hälfte seines mickrigen Monatslohns. Trotzdem überwies er den Betrag brav an den Verlag, denn dies war die einzige Möglichkeit, sowohl den bösen Männern zu entwischen als auch den großen Chef nicht zu verstimmen.
„Na ja“, dachte sich nun der kleine Chirurg, „zumindest kann ich jetzt die 1 000 Taler von der Steuer absetzen. Dann war der Spaß nicht ganz so teuer“ – sprach’s und reichte seine Steuererklärung beim Finanzamt ein.
Doch seine Pechsträhne sollte nicht abreißen. Der Finanzbeamte wurde nämlich schrecklich böse, als er die Steuererklärung vom kleinen Chirurgen sah: „Du willst mich wohl veralbern, kleiner Chirurg!“ polterte er. „Von allen Steuerbetrügereien ist das eine der dreistesten Maschen, die mir je untergekommen sind. Du schreibst einen Artikel für die Zeitschrift und willst mir erzählen, dass du dafür noch Geld bezahlt hast – lächerlich! Und dann behauptest du auch noch, du müsstest so was für deinen großen Chef tun und wärst sogar durch deinen Arbeitsvertrag dazu verpflichtet! Das kannst du deiner Großmutter und dem Wolf erzählen, aber nicht mir.“
Der kleine Chirurg war geschockt: Er hatte doch alles richtig machen wollen und sogar die 1 000 Taler bezahlt, nur um seine Ruhe zu haben. Jetzt stand er mit einem Bein im Gefängnis. Er nahm seine verbliebenen Kräfte zusammen und versuchte, seine Unschuld zu beweisen. Gott sei Dank hatte er gute Freunde, die ihm dabei halfen.
Der große Chef schrieb ihm großzügigerweise ein Zeugnis, welches klarstellte, dass der kleine Chirurg solche Artikel schreiben und die Kosten selbst tragen müsse. Der Verlag bestätigte ihm selbstlos, dass es ganz normal sei, dass ein Autor die Veröffentlichung seines Manuskripts teilweise selbst bezahle. Und der Arbeitgeber ließ sich ebenfalls nicht lumpen und teilte dem Finanzamt mit, was im Arbeitsvertrag vom kleinen Chirurgen stand.
Als der kleine Chirurg freudestrahlend diese Atteste dem Finanzbeamten vorlegte, schaute dieser den kleinen Chirurgen mit einer Mischung aus Unglauben und Mitleid an und genehmigte den Steuerabzug. Da war der kleine Chirurg ganz glücklich und stolz, dass er so tolle Freunde hat, die ihm in der Not beistanden!
Und weil der kleine Chirurg und viele seiner Kollegen immer noch nicht klüger geworden sind, lassen sie sich auch heute noch von ihren Vorgesetzten veräppeln.
Der Verfasser ist Betroffener und der Redaktion namentlich bekannt.
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