VARIA: Post scriptum

Mit den Figuren reden

Pfleger, Helmut

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Es hilft nichts, ich muss wieder einmal Dr. med. Matias Jolowicz anführen. Diesmal nicht in seiner Eigenschaft als Furcht einflößender Recke, sondern vielmehr als feinfühliger Stratege, der nicht etwa auf die Schachfiguren als ihm willenlos ausgelieferte Holzstücke, die er wie Marionetten dirigieren kann, oder auch als kühl kalkulierte Bauern-, Springer- etc. Opfer herunterblickt, sondern genau weiß, dass diese in einer „unio mystica“, zumindest während einer Partie, mit ihm im gemeinsamen Bestreben verschmelzen müssen. Was liegt also näher, als mit ihnen zu reden? So wie mit Pflanzen, vom Hund Dr. med. Hans-Joachim Hofstetters gar nicht zu reden, der seinerseits dann des Herrn Erfolge bei der Siegerehrung schon einmal freudig und lautstark kommentiert. Auf jeden Fall hatte Dr. Jolowicz die schöne Maxime verinnerlicht: „Du sollst mit den Figuren reden!“ Dummerweise tat er dies allerdings zur Unzeit, nämlich während einer Blitzpartie, bei der ihm nur fünf Minuten Bedenkzeit zur Verfügung standen. Wir können nur mutmaßen, dass sich die Figuren angenommen und wohl fühlten – die Partie indes ging leider durch Zeitüberschreitung verloren. Der Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes und Hauptschiedsrichter der Ärztemeisterschaft, Horst Metzing, merkte danach nur trocken an, man müsse eben vorher mit den Figuren reden. Ich weiß nicht, ob dieser Kommen-tar sehr hilfreich war, in jedem Fall lenkt er unser Augenmerk auf die zweite Conditio sine qua non:
die Zeit.
Da mag auch Schopenhauer philosophieren, dass diese eigentlich gar nicht existiere, im Schach gilt weiterhin: „Nicht denken, nur ziehen!“ Eine wissenschaftliche Untermauerung dieser Schachspielern geläufigen These lieferte kürzlich der holländische Professor Ap Dijksterhuis in der Zeitschrift „Science“: „Eine komplexe Entscheidung trifft man besser unbewusst, sie ist oft genauer, und man ist hinterher zufriedener.“ Da mögen Philosophen wie René Descartes und John Locke die Rationalität gepriesen haben, die Aufnahmefähigkeit des bewussten Denkens sei gering und darum nehme die Qualität der Entscheidung mit der Zahl der Variablen ab.
Sehen Sie, wie Dr. med. Giampiero Adocchio als Weißer am Zug am Ende einer wilden Partie, in der das Schlachtenglück hin und her wogte, in beiderseitiger Zeitnot den Wanderkönig des „Figurenflüsterers“ Dr. Jolowicz mit einer Opferkombination zur Strecke brachte?

Lösung:Der schnellste Weg zum Ziel war 1. f4+! Nach der Annahme des Springeropfers mit 1. . . . Kxh4 (auch 1. . . . Kh6 2. Sxf5+ ist hoffnungslos) 2. hxg4+ Kxg4 3. De3! war dem leidgeplagten schwarzen König nicht mehr zu helfen – das drohende Matt durch 4. Df3 ist (kurzzeitig) nur durch das sinnlose Damenopfer 3. . . . Dxc3 aufzuhalten.
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