ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2006Therapeutische Maßnahmen: Im Alltag wirksamer als in Studien

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Therapeutische Maßnahmen: Im Alltag wirksamer als in Studien

EB

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LNSLNS Eine Analyse der großen Herzinfarktregister mit mehr als 60 000 Patienten zeigt, dass die Wirksamkeit von therapeutischen Maßnahmen im Klinik-alltag größer ist als in den Studien, in denen sie ursprünglich geprüft worden sind. Über dieses überraschende Ergebnis berichtete Prof. Dr. med. Jochen Senges (Ludwigshafen) bei der 72. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim. Belegt hat er seine Aussage am Beispiel der Ballondilatation bei akutem Herzinfarkt: „Die aktuelle Forschung zeigt uns, dass die Bedingungen von randomisierten Studien und der Klinikalltag sehr unterschiedlich sind.“ Die Versorgungsforschung könne durch das Aufzeigen dieser Bedingungen wesentlich zu einer Verbesserung der Versorgung im Krankenhausalltag beitragen, sagte Senges. Eine Erklärung für die Unterschiede des Behandlungserfolges in kontrollierten Studien und im Klinikalltag liefere die „MITRA-Trias“, der zufolge die Risikoselektion, der Risikoprofit und das „Risikoparadoxon“ eine zentrale Rolle für die Differenzen in Sachen Behandlungserfolg spielen.

Risikoselektion bedeutet, dass sich im Krankenhausalltag mehr Hochrisikopatienten finden als in klinischen Studien, wie Senges am Beispiel des ST-Hebungsinfarktes vorrechnet: „In zahlreichen Studien wurde die Überlegenheit der Ballondehnung gegenüber der Thrombolyse-Behandlung nachgewiesen. In diesen Studien war allerdings die Hälfte der Patienten, wie wir sie in der klinischen Praxis sehen, ausgeschlossen. Und zwar genau die Patienten mit einem besonders hohen Risiko“, sagte der Kardiologe. Damit sei die Vergleichbarkeit von Studien und Alltag problematisch. Dazu trage auch der so genannte Risikoprofit bei: „Der Nutzen von therapeutischen Maßnahmen ist bei Hochrisikopatienten viel höher als bei Niedrigrisikopatienten“, betonte Senges.

Auch aufgrund des Risikoparadoxons sei die Wirksamkeit einer Behandlung unter Alltagsbedingungen nicht mit jener unter Studienbedingungen vergleichbar. „Im Gegensatz zu Studien werden im Klinikalltag paradoxerweise die gesünderen Patienten besser behandelt als die kränkeren. 90 Prozent der Herzinfarktpatienten mit einem niedrigen Risiko erhalten die optimale Therapie: eine rasche Gefäßöffnung durch Ballondehnung oder Lyse. In der Hochrisikogruppe ist das bei weniger als der Hälfte der Patienten der Fall“, sagte Senges. EB
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