ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2006Neue Bundesländer: „Wir brauchen die Reformen – jetzt“

POLITIK

Neue Bundesländer: „Wir brauchen die Reformen – jetzt“

Dtsch Arztebl 2006; 103(17): A-1116 / B-946 / C-914

Merten, Martina

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LNSLNS Die Konzepte gegen den drohenden Ärztemangel
sind vielfältig – und im Verbund vielversprechender als einzeln.

Gespräche darüber, ob in Deutschland tatsächlich mit einem Mangel an Ärzten zu rechnen ist, verliefen bis vor kurzem immer gleich: die eine Seite, meist Ärzte, sahen die ärztliche Versorgung bedroht, die andere Seite – üblicherweise Politiker – hielten derlei Warnungen für überzogen. Zahlreiche Berichte über die drohende Unterversorgung vor allem in den neuen Bundesländern, untermauert durch Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), haben zwar inzwischen für Einsicht bei der Politik gesorgt. Geeignete Gegenmaßnahmen laufen aber nur schleppend an. Das Konzept gegen den drohenden Ärztemangel scheint es nicht zu geben.
So stehen zum einen politische Reformen wie die geplante Änderung des Vertragsarztrechts auf der Agenda, die eine Flexibilisierung der vertragsärztlichen Tätigkeit vorsieht. Gerade das Land Brandenburg könne die Probleme nicht länger aufschieben, betonte Winfried Alber, Staatssekretär im dortigen Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie bei einem sozialpolitischen Fachgespräch der Volkssolidarität* in Berlin. 82 Vertragsarztsitze seien neu zu besetzen. In Regionen wie Lübben, Luckau oder Eisenhüttenstadt gebe es keinen Augenarzt. Die dortige Arztdichte (siehe Grafik) sei bundesweit die niedrigste. „Da ist es hilfreich, wenn Vertragsärzte künftig andere Ärzte auch mit anderen Facharztbezeichnungen anstellen können“, sagte KBV-Vorstand Ulrich Weigeldt zu den geplanten Änderungen im Vertragsarztrecht.
Im Osten werden deutlich mehr Patienten versorgt als im Westen.
Im Osten werden deutlich mehr Patienten versorgt als im Westen.
Ebenso notwendig ist es aus Sicht von Staatssekretär Alber, den Risiko­struk­tur­aus­gleich und die ärztliche Vergütung morbiditätsorientiert zu gestalten. Auch hier drängt die Zeit, denn in Brandenburg versorgt der Arzt Alber zufolge mehr und ältere Patienten als in anderen Bundesländern. „Wir brauchen die Reformen jetzt“, betonte der brandenburgische Staatssekretär. Daneben setzt er auf eine gute Familien- und Bildungspolitik. Gerade für Ärztinnen sei ein attraktives Angebot an Kindergartenplätzen und Bildungseinrichtungen häufig ausschlaggebend für die Standortwahl.
Auf die Möglichkeiten der Integrierten Versorgung zur Bekämpfung des Ärztemangels setzt der Bundesgeschäftsführer der Volkssolidarität, Dr. med. Bernd Niederland. „Versorgungsnetzen und Gesundheitszentren, die in einer Region sowohl die haus- als auch die fachärztliche Versorgung sicherstellen und eng mit den Krankenhäusern kooperieren, gehört die Zukunft“, zeigte sich Niederland überzeugt. Zumal die ostdeutschen Ärzte Medizinischen Versorgungszentren aufgrund ihrer Erfahrungen mit der poliklinischen Versorgungsstruktur in der DDR offener gegenüberstünden als die Ärzte im Westen, sagte Dr. med. Frank-Michael Pietzsch. Pietzsch ist Vorsitzender des Landesverbandes der Volkssolidarität in Thüringen und war dort von 1999 bis 2003 Ge­sund­heits­mi­nis­ter. Als „Unterbau“ solcher Netze insbesondere auf dem Land setzen Niederland und Pietzsch auf die Arbeit von Pflegediensten und Gemeindeschwestern. In einem Modellprojekt in Brandenburg wird derzeit geprüft, ob und wie Gemeindeschwestern die ambulante ärztliche Versorgung entlasten können.
Die Volkssolidarität hält nicht zuletzt eine verbindlichere gesetzliche Definition für die Feststellung einer unmittelbar drohenden Unterversorgung für wichtig. „Erst wenn die Landesausschüsse aus Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen Regionen mit drohender Unterversorgung festlegen, kann mit den Kassen über mögliche Sicherstellungszuschläge für das Ärztebudget verhandelt werden“, kritisierte Geschäftsführer Niederland. Sicherstellungszuschläge wurden nach Angaben der KBV bislang in Sachsen und Sachsen-Anhalt gezahlt.
„Es gibt nicht die eine Maßnahme, mit der wir der drohenden Unterversorgung entgegenwirken können“, stellte KBV-Vorstand Weigeldt abschließend fest. Die Reform des Vertragsarztrechts sei nur ein Baustein, wenn auch ein wichtiger. Notwendig sei eine gemeinschaftliche Kraftanstrengung aller Akteure. Martina Merten
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