ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2006G-BA und Akupunktur: Der Kaiser ist nackt

POLITIK: Kommentar

G-BA und Akupunktur: Der Kaiser ist nackt

Dtsch Arztebl 2006; 103(17): A-1118 / B-948 / C-915

Spiro, Till

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LNSLNS Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) erfreut sich seit seiner Konstituierung großer öffentlicher Beachtung, da seine Entscheidungen die Leistungsansprüche aller gesetzlich Krankenversicherten unmittelbar betreffen und damit die politische Stimmung von 90 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung beeinflussen können. Unter besonders großer medialer Anteilnahme musste er jetzt einen Beschluss gemäß § 135 Abs. 1 SGB V über die Aufnahme der Akupunktur bei bestimmten Diagnosen in den Pflichtenkatalog der Krankenkassen fassen, dessen Zustandekommen in archetypischer Weise den Antagonismus zwischen Anspruch und Wirklichkeit des gesundheitspolitischen Geschäfts aufzeigt.
Als Voraussetzung für die positive Bewertung einer neuen Behandlungsmethode fordert der genannte Paragraph unter anderem die Anerkennung des therapeutischen Nutzens nach dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der jeweiligen Therapierichtung. Die letzten vier Worte lassen den unbefangenen Leser stutzen: Welcher Wissenschaftsbegriff liegt hier zugrunde? Können wissenschaftliche Erkenntnisse richtungsabhängig sein? Ohne diesen klientelbezogenen Zusatz hätte man wahrscheinlich gar nicht in die Überprüfung der Akupunktur einsteigen müssen, weil die diesem jahrtausendealten mystisch-magischen Verfahren zugrunde liegenden Einstichpunkte mit keinerlei naturwissenschaftlichem Verfahren einer anatomischen Struktur oder Funktionseinheit zugeordnet werden können. Hier wäre mit den Worten des Bundesgerichtshofs eine Beweiserhebung unsinnig, da die Wahrheitsermittlung auf diesem Weg von vornherein ausgeschlossen ist.
Nun hat der Gesetzgeber aber den transzendenten Bedürfnissen größerer Bevölkerungsanteile in einer säkularisierten Welt Rechnung getragen, indem er nicht naturwissenschaftlich orientierten Therapierichtungen einen eigenen Erkenntniskosmos mit der Möglichkeit einer Binnenanerkennung des Nutzens okkulter Methoden eröffnet hat. Da die der Akupunktur verpflichteten Gesellschaften und Forschungsgruppen auf den wissenschaftlichen Charakter der von ihnen propagierten Heilmethode abheben, überprüfte der G-BA anhand aufwendig durchgeführter Studien, ob der schulmäßigen Nadelung im Rahmen des traditionellen Akupunkturkonzepts eine spezifische Wirkung zukommt. Diese Frage ist nach Auswertung aller Ergebnisse zu verneinen, und sie war der wichtigste Prüfgegenstand der Untersuchungen.
Dieses Resultat wurde schon vor der Beschlussfassung des G-BA bekannt, und die Reaktionen der Akupunkturapologeten waren bemerkenswert: Plötzlich mutierte die als Vergleichsstudienarm durchgeführte und gleichfalls schmerzlindernde Scheinakupunktur zu einer Akupunkturart sui generis, und die Spezifität der traditionellen Akupunkturpunkte wurde relativiert – ungeachtet des Anspruchs der Akupunkturausbilder, eine exakte Punktlokalisation als grundlegende Technik vermitteln zu müssen. Außerdem wird jetzt eine Vielzahl wichtiger Kontextfaktoren angeführt – das so genannte „Setting“–, durch welche laut Deutscher Akupunktur Gesellschaft die Lebensenergie tieferer Organebenen angeregt und der Fluss der Lebenskräfte aktiviert werden sollen; die Gesellschaft räumt allerdings ein, dass diese Umstände bisher nur wenig untersucht wurden.
Die Studien haben also nicht die feine, aber gleichwohl begreifbare Textur einer fernöstlichen Lehre offenbart, sondern das Fehlen eines wie auch immer gewebten wissenschaftlichen Kleides demonstriert. Deshalb scheidet eine wissenschaftliche Anerkennung der Akupunktur auch nach dem methodischen Binnenverständnis ihrer Verfechter aus. Außerdem macht die fehlende Spezifität der Nadelpunkte eine vom § 135 Abs. 1 SGB V geforderte Beschreibung der Qualifikation leistungserbringender Ärzte sowie der Qualitätssicherungsmaßnahmen fragwürdig.
Aus den genannten Gründen hätte eine Aufnahme von Akupunkturindikationen in den GKV-Leistungskatalog nicht erfolgen dürfen, wobei mit ihrer Ablehnung nicht die Aussage verbunden gewesen wäre, dass die Penetration menschlicher Haut keine Wirkungen hat. Diese Effekte sind aber einem Bereich zuzuordnen, der von der Solidargemeinschaft aller Versicherten unter einer Gesundheitspolitik, deren Credo seit Jahren Kostendämpfung heißt, nicht mehr bezahlt werden kann. Wundersamerweise kam aber trotz der eindeutigen Sachlage eine zustimmende Mehrheit im G-BA zustande, dank derer zwei Akupunkturindikationen nun zur GKV-Leistung geworden sind. Dieses Abstimmungsergebnis dürfte Folgen für künftige Entscheidungen im G-BA haben, die weit über den aktuellen Gegenstand hinausreichen. Interessant wären übrigens die wahren Motive derjenigen, die gerade positiv votiert haben: Sie sollten Gegenstand einer kleinen Untersuchung sein, die deutlich preiswerter, aber wahrscheinlich mit höherem Erkenntnisniveau als die Akupunkturstudien durchgeführt werden könnte. Dr. med. Till Spiro
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