ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2006WM 2006 - Surveillance von Infektionskrankheiten: Tagesaktueller Datenabgleich und intensivierte Kooperation

MEDIZINREPORT

WM 2006 - Surveillance von Infektionskrankheiten: Tagesaktueller Datenabgleich und intensivierte Kooperation

Krause, Gérard

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Die Gesundheitsämter der zwölf Austragungsorte, die Landesbehörden und das Robert Koch-Institut bereiten sich gemeinsam auf die Fußballweltmeisterschaft vor.

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 (WM) erfordert auch besondere Vorbereitungen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD). Die Tatsache, dass rund 3,2 Millionen Gäste aus aller Welt erwartet werden, steigert potenziell das Risiko für Krankheitsausbrüche mit internationaler Verbreitung. Ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis und
die erhöhte Medienpräsenz führen dazu, dass die Anforderungen an ein intensiviertes Frühwarnsystem für Infektionskrankheiten bei sportlichen Großveranstaltungen zunehmen. Als Ausrichter der WM hat Deutschland demnach eine besondere Verpflichtung, Infektionsrisiken bestmöglich zu vermeiden. Gelingt dies nicht, müssen Infektionen umgehend erfasst und eingedämmt werden können. Hierbei kann die Ärzteschaft einen wichtigen Beitrag leisten.
Ein wirksamer Schutz ist nur möglich, wenn Krankheitsausbrüche oder Infektionsgefahren frühzeitig erkannt werden. Die gesetzliche Grundlage hierfür ist das Infektionsschutzgesetz (IfSG), das die Meldepflicht für Ärzte und Untersuchungsstellen (Labore) regelt. Es hängt sehr von der Wachsamkeit und Sorgfalt klinisch und labordiagnostisch tätiger Ärzte ab, ob Infektionsgefahren dem örtlichen Gesundheitsamt unverzüglich gemeldet werden. Meldepflichtig sind die in § 6 IfSG genannten Krankheiten, die in § 7 IfSG definierten Erregernachweise, aber auch Erkrankungen, die in ihrer Schwere oder durch ihre Häufung eine schwerwiegende Gefahr für die Allgemeinheit darstellen (Beispiel SARS).
Eine detaillierte Aufzählung der meldepflichtigen Krankheiten und Erregernachweise sowie dazugehörige Erläuterungen und Formulare sind unter www.rki.de > Infektionsschutz > Infektionsschutzgesetz zu finden. Unabhängig von internationalen Sportereignissen müssen Ärzte wissen, wie sie ihr Gesundheitsamt auch außerhalb der normalen Dienstzeiten erreichen können. Dies wird in manchen Gesundheitsämtern über die Rettungsleitstellen, in anderen über besondere Notfallnummern gewährleistet.
Auch der ÖGD muss – unabhängig von der WM – ununterbrochen erreichbar und in der Lage sein, alle oder ausgewählte Krankenhäuser und Ärzte kurzfristig über auftretende Gefahren zu informieren. Die meisten Gesundheitsämter der Austragungsorte haben für den Fall, dass umfangreiche Infektionsschutzmaßnahmen während der WM notwendig werden, Urlaubssperren verhängt.
Interaktive Webseite
Das Sportgroßereignis erfordert einen intensiven und raschen Informationsaustausch zwischen Gesundheitsämtern, Landesbehörden und Robert Koch-Institut (RKI), da sich die Besucherströme zwischen zwölf Austragungsorten in neun Bundesländern bewegen und sich die in- und ausländischen Gäste großteils nur für wenige Tage oder Stunden an einem Ort aufhalten werden. Der auf wöchentliche Übermittlung ausgerichtete Informationsweg des IfSG mit einem durchschnittlichen Übermittlungsverzug von mehr als fünf Tagen vom Eingang der Meldung im Gesundheitsamt bis zum Eingang der Übermittlung im RKI ist hierfür ungeeignet.
Die Gesundheitsämter der Austragungsorte und die dazugehörigen Landesstellen haben sich für die Dauer der WM auf folgendes Verfahren verständigt: Die betroffenen Gesundheitsämter übermitteln die eingegangenen Meldungen täglich an die Landesstellen, diese noch am selben Tag an das RKI. Das RKI verarbeitet die Daten sofort und stellt sie der Öffentlichkeit tagesaktuell durch eine zusätzliche Anzeige in
SurvStat@RKI, einer interaktiven Webseite zur Darstellung gemäß IfSG übermittelten Daten, zur Verfügung (http://www3.rki.de/SurvStat).
Zusätzlich zum etablierten elektronischen Übermittlungsweg für meldepflichtige Infektionskrankheiten werden die Gesundheitsämter der Austragungsorte weiterführende Berichte über die epidemiologische Situation an ihre Landesstellen senden, die diese kurzfristig in einem dafür eingerichteten, geschlossenen, elektronischen Kommunikationsforum (UmInfo) zwischen den betroffenen Ämtern austauschen. Berichtet werden neben Informationen zu Ausbruchsgeschehen auch besondere Einzelfälle.
Das RKI wird die zwölf Berichte der Austragungsorte täglich zu einem Gesamtbericht zusammenfassen und um weitere – aus infektionsepidemiologischer Sicht relevante – Informationen ergänzen. Dazu gehören neben Ereignissen innerhalb Deutschlands auch Informationen aus dem Ausland über eventuell importierbare Infektionskrankheiten. Dieser tägliche Gesamtbericht wird dann dem „Nationalen Informations- und Kommunikationszentrum am Innenministerium“ (NICC), den anderen betroffenen Bundesministerien und den obersten Landesgesundheitsbehörden zur Weiterverteilung an die Gesundheitsämter zugeschickt. Eine gekürzte Fassung dieses Berichts beabsichtigt das RKI in deutscher und englischer Sprache täglich im Internet zu veröffentlichen.
Priv.-Doz. Dr. med. Gérard Krause
Dr. med. Karl Schenkel M.Sc
Dr. med. Justus Benzler

Anschrift für die Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. med. Gérard Krause
Leiter der Abteilung für Infektionsepidemiologie
Robert Koch-Institut
Seestraße 10, 13353 Berlin
Fax: +49 (0) 30/4 54 73 53

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