ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2006Atlas der menschlichen Anatomie und der Chirurgie

BÜCHER

Atlas der menschlichen Anatomie und der Chirurgie

Dtsch Arztebl 2006; 103(17): A-1145

Bourgery, Jean-Marc; Jacob, Nicolas Henri

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LNSLNS Anatomie
Zeitzeuge der Medizingeschichte
Jean-Marc Bourgery, Nicolas Henri Jacob: Atlas der menschlichen Anatomie und der Chirurgie. Deutsch/Englisch/Französisch. Bearbeitung der Originalausgabe von 1831–1854 von Jean-Marie Le Minor und Henri Sick. Taschen Verlag, Köln, London u. a., 2005, 714 Seiten, gebunden, 150 €

726 vornehmlich lebensgroße, von dem medizinischen Zeichner Nicolas Henri Jacob angefertigte, handkolorierte humananatomische Darstellungen, die den Vorgaben des Anatomen und Chirurgen Bourgery entsprachen: Der Taschen Verlag hat hier ein Standardwerk mit 6,4 Kilogramm Buchgewicht auf 714 Seiten im XXL-Format, 290 × 405 Millimeter, neu aufgelegt.
Wenn ein Tourist ein Gotteshaus wie den Kölner Dom erstmals besucht, stellt er sich unweigerlich die Fra-ge nach den unendlichen Mühen, die Menschen bei Errichten des Werkes auf sich genommen haben; das gleiche Gefühl beschleicht einen beim Schmökern im „Bourgery“. Wobei bedacht werden sollte, dass den bis in das Detail präzisen Lithographien jeweils erst einmal anschauungsreiche anatomische Präparate zugrunde gelegt werden mussten.
Im Vergleich mit den heutigen Standardlehrbüchern, wie beispielsweise dem „Sobotta“ oder dem „Netter“, ist dem äußerst detailgetreuen und umfangreichen „Bourgery“, der exemplarisch nicht weniger als 20 Varietäten des Aortenbogens abbildet, der aktuelle „Sobotta“ jedoch nur fünf, die Last von 150 Jahren medizinischer Weiterentwicklung nicht anzumerken. Das Beharren an düsteren Tönen bei der Farbwahl legte der „Sobotta“ zugunsten einer ansprechend bunten Anschauung auch erst in den letzten Auflagen ab.
Der „Bourgery“ jedoch hat in seiner aktuellen Auflage ein Manko, weswegen er – zugegebenermaßen beabsichtigt – keinen Lehrbuchstatus der Anatomie besitzt; ihm fehlen die komplette Beschriftung sowie die Erklärungstexte. Dem Leser unbekannte Strukturen mögen zwar gekonnt zu Papier gebracht worden sein, jedoch bleiben sie ohne ausreichende Beschriftung dem eigenen begreifenden Verständnis vorenthalten. Laut Auskunft des Verlagshauses würde aber ein erneutes Abdrucken der ursprünglichen Legende den Rahmen dieses Werkes sprengen.
Aufgegliedert ist der „Bourgery“ in fünf Bände makroskopischer Anatomie; ein Band befasst sich mit der mikroskopischen Anatomie, und zwei weitere Bände handeln die chirurgischen Techniken ab, lediglich Letztere vermitteln aus heutiger Sicht einen recht antiquierten Eindruck. Ich maße mir als chirurgischer Laie hier aber kein Urteil an, sondern zitiere viel lieber Georges Cuvier, einen zeitgenössischen Professor für Anatomie und Förderer Bourgerys: „ . . . um die ersten fünf anatomischen Bände . . . mache ich mir keinerlei Sorgen . . . In der Chirurgie hingegen . . . sind Sie Irrtümern, Täuschungen und Moden preisgegeben.“
Alles in allem ist der „Bourgery“ eine Bereicherung für jede Bibliothek, medizinisch oder nicht, öffentlich oder privat; er ist ein Zeitzeuge der Medizingeschichte und illustrierendes Nachschlagewerk der Anatomie, obwohl über 150 Jahre alt.
Oliver Andreas Burgstett
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