ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2006Medizingeschichte(n): Embryopathie – Contergan-Katastrophe

MEDIZIN

Medizingeschichte(n): Embryopathie – Contergan-Katastrophe

Dtsch Arztebl 2006; 103(17): A-1153 / B-975 / C-940

Schott, H.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zitat: „,Wir können den ursächlichen Zusammenhang zwischen gewissen schweren Mißbildungen bei Neugeborenen und dem Einnehmen bestimmter Schlaf- und Beruhigungstabletten von seiten der Mutter zwar nicht beweisen, aber wir haben leider schwerwiegende Gründe, derartige Zusammenhänge zu vermuten‘. So kommentiert der Kinderarzt und Dozent an der Hamburger Universitätskinderklinik Dr. Widukind Lenz besorgte Warnungen, die er jetzt in einer Diskussion auf der Tagung der Vereinigung Nordwestdeutscher Kinderärzte in Düsseldorf aussprach.
In der Tat haben die Ärzte schon seit einiger Zeit mit Sorge beobachtet, daß die Fälle, in denen Kinder mit verstümmelten Extremitäten geboren wurden, sich häuften. In über einem Dutzend solcher Fälle hatten die Mütter während der ersten Schwangerschaftsmonate das betreffende Beruhigungs- und Schlafmittel eingenommen, das, wie erst in letzter Zeit bekannt wurde, bei längerem Gebrauch auch bei Erwachsenen zu bedenklichen Gesundheitsstörungen führen kann. Es wäre also durchaus denkbar, daß der empfindliche, sich entwickelnde kindliche Organismus durch diese chemische Substanz, falls sie aus dem mütterlichen auch in den kindlichen Blutkreislauf übergeht und die Schranke zwischen diesen beiden getrennten Blutkreisläufen zu passieren vermag, entsprechende Schädigungen erleidet.“

Meldung der Tageszeitung „Die Welt“ vom 27. November 1961 unter der Überschrift: „Missbildungen durch Schlaftabletten? Kinderarzt warnt vor einem gefährlichen Beruhigungsmittel“. – W. Lenz (1919–1995) war bis 1961 als Oberarzt der Eppendorfer Kinderklinik tätig und wurde dann auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Humangenetik an der Universität Hamburg berufen. Von 1965 bis 1986 war er Direktor des Humangenetischen Instituts der Universität Münster. Sein Schwerpunkt lag auf der klinischen Genetik und Chromosomenanalyse. Er setzte sich zusammen mit seiner Frau für die Aufklärung der Contergan-Katastrophe und die Entschädigung ihrer Opfer ein. – Die zitierte Zeitungsmeldung dokumentiert den ersten öffentlich geäußerten Verdacht, dass ein thalidomidhaltiges Arzneimittel, das die Firma Chemie Grünenthal in Stolberg bei Aachen unter dem Handelsnamen „Contergan“ vertrieb, schwere Missbildungen des Embryo (Dysmelie-Syndrom) hervorrufe. Bei den Bundesbehörden der Länder wurden insgesamt 2 625 betroffene Kinder registriert. Die Contergan-Katastrophe hatte das „Gesetz zur Neuregelung des Arzneimittelrechts“ zur Folge, das am 1. Januar 1978 in Kraft trat und ein striktes Zulassungsverfahren vorschrieb, unter anderem auch den vorlaufenden tierexperimentell zu prüfenden Nachweis der toxikologischen Unbedenklichkeit.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema