ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1997„Ecstasy„: Psychotrope Effekte, Komplikationen, Folgewirkungen

MEDIZIN: Aktuell

„Ecstasy„: Psychotrope Effekte, Komplikationen, Folgewirkungen

Thomasius, Rainer; Jarchow, Christian

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LNSLNS Obwohl in den Medien zunehmend über die gesundheitlichen Gefahren von "Ecstasy" berichtet wird, liegen gegenwärtig kaum Arbeiten vor, die den internationalen Forschungsstand dokumentieren. Die vorliegende Arbeit schließt hier eine Lücke und informiert über die wichtigsten Untersuchungsbefunde.


Epidemiologische Studien und Frühwarnsysteme im Drogenbereich weisen auf einen exponentiellen Anstieg des Konsums der Modedroge Ecstasy hin. Parallel zu dieser Entwicklung häufen sich die Berichte über Todesfälle, schwere psychiatrische, neurologische und internistische Komplikationen, die auf den Gebrauch von Ecstasy zurückgeführt werden. Im vorliegenden Beitrag sollen kurz die wichtigsten Untersuchungsbefunde zu Ecstasy skizziert (10) und unsere Forschungsaktivitäten am UniversitätsKrankenhaus Eppendorf vorgestellt werden.


Begriffsdefinition
"Ecstasy" ist ein Sammelbegriff für verschiedene Substanzen mit einem recht ähnlichen Wirkungsspektrum. Hierzu gehören als wichtigster Vertreter MDMA (Methylendioxymethamphetamin) sowie die Verbindungen MDEA (Methylendioxyethylamphetamin) und MDA (Methylendioxyamphetamin). Wenn in dieser Arbeit dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend der Terminus "Ecstasy" verwendet wird, so läßt sich daraus keine Differenzierung dieser Substanzen ableiten. Des weiteren fallen unter diesen Sammelbegriff Wirkstoffkombinationen, die unter Umständen zusätzlich noch Amphetamine oder Halluzinogene enthalten können. Von MDMA wird hier nur dann gesprochen, wenn sich Untersuchungsbefunde explizit auf diese Substanz beziehen.


Epidemiologie
Obwohl gegenwärtig keine Repräsentativerhebung bezüglich des Ecstasy-Gebrauchs in der Gruppe der Jugendlichen und Jungerwachsenen vorliegt, deuten verschiedene Studien darauf hin, daß der Ecstasy-Konsum in den letzten Jahren in dieser Gruppe deutlich zugenommen hat. Daten des Bundeskriminalamtes zeigen, daß die Anzahl der sichergestellten Ecstasy-Tabletten 1993 im Vergleich zum Vorjahr um 300 Prozent und 1994 noch einmal um mehr als 200 Prozent angestiegen ist. Während die Zuwachsrate erstauffälliger Heroinkonsumenten in den Jahren 1993 bis 1994 nur 1,5 Prozent betrug, erhöhte sich der Anteil erstauffälliger Ecstasy-Konsumenten im gleichen Zeitraum um 46,7 Prozent (2).
In der Zusammenschau aller epidemiologisch relevanten Daten muß man grundlegende Veränderungen in der deutschen Drogenszene vermuten. Während der Konsum von betäubenden Drogen eher rückläufig ist, werden Ecstasy und andere aktivierende Drogen immer häufiger konsumiert. Die Konsumenten scheinen sich im wesentlichen auf die Gruppe der 15- bis 25jährigen zu beschränken.


Psychotrope Effekte
Bei MDMA handelt es sich um eine psychotrope Substanz, die sowohl eine ampethamintypische Aktivierung als auch eine halluzinogene Wirkung hervorruft. Die psychotrope Wirkung von MDMA setzt nach etwa 20 bis 60 Minuten ein (75 bis 150 mg MDMA) und zeichnet sich durch eine plötzliche Stimmungsaufhellung und Euphorisierung aus. Der Höhepunkt der Euphorie wird ungefähr eine Stunde nach Wirkbeginn erreicht. Nach weiteren zwei Stunden klingen die psychotropen Wirkungen ab. Der Textkasten Positiv erlebte Akuteffekte faßt die von den Konsumenten positiv bewerteten psychotropen Effekte zusammen, die durch die Einnahme von MDMA ausgelöst werden können. Im Textkasten Negativ erlebte Akuteffekte sind dagegen die negativ bewerteten psychotropen Effekte aufgeführt (4, 7).


Psychiatrische Befunde
Eine Hauptgefahr des Mißbrauchs von Ecstasy liegt in den potentiellen psychiatrischen Komplikationen und Folgewirkungen (Tabelle 1). In der Literatur werden Fälle von Verhaltensauffälligkeiten, Panik-, Derealisations- und Depersonalitätsstörungen, depressiven Syndromen, drogeninduzierten, paranoiden und atypischen Psychosen berichtet (5, 6). Auch kann es nach dem Konsum von Ecstasy zu sogenannten "Flashbacks" kommen, die von ein paar Minuten bis zu mehreren Tagen dauern (6, 9). Über die Vorkommenshäufigkeit solcher Komplikationen können in bezug auf die Gesamtheit aller
Ecstasy-Konsumenten bisher keine Aussagen gemacht werden. Es ist zu vermuten, daß bestehende Prädispositionen für psychische Erkrankungen beim Auftreten der geschilderten psychiatrischen Komplikationen und Folgewirkungen, im Sinne des "Diathese-Streß-Modells", eine wichtige Rolle spielen. So ist bei einer unbekannten Anzahl der Fälle davon auszugehen, daß die Einnahme von Ecstasy die Funktion eines "Triggers" bei der Auslösung schwerer psychischer Störungen (beispielsweise psychotische Dekompensationen) hat. Ungeklärt bleibt in den Untersuchungen aber, welche Bedeutung dem gleichzeitigen Mißbrauch anderer Drogen beizumessen ist. Es gibt jedoch Hinweise darauf, daß die gleichzeitige Einnahme von Cannabis und Ecstasy das Risiko psychotischer Dekompensationen erhöht. Darüber hinaus scheint eine Tendenz zur Überdosierung das Auftreten psychiatrischer Folgeerkrankungen zu begünstigen. Auffallend ist, daß nach einmaliger Einnahme von Ecstasy kaum über psychiatrische Komplikationen berichtet wird, diese treten überwiegend erst nach einer kumulativen Dosis von 40 bis 50 Tabletten auf.
Mögliche Verunreinigungen der MDMA-Tabletten mit anderen Suchtstoffen spielen bei der Auslösung psychiatrischer Erkrankungen eher eine untergeordnete Rolle, da bei betroffenen Patienten häufig hochreines MDMA gefunden wurde und sich die meisten Störungen auch im Tierexperiment induzieren lassen. Die Untersuchungsbefunde sprechen für eine schnelle Toleranzentwicklung gegenüber MDMA; die positiven Effekte nehmen rasch zugunsten der negativen ab. Die Konsumenten wirken diesem Verlauf durch zyklische Verwendungsmuster entgegen, indem sie drogenfreie Intervalle einlegen.
Nach unseren Erfahrungen und denen anderer Forschungsgruppen nutzen einige Konsumenten Ecstasy zur Bewältigung intrapsychischer Konflikte und anderer Lebensbelastungen. Diese Untergruppe, die
Ecstasy auch regelmäßig und allein über die Woche hinweg verwendet, ist am stärksten von einer psychischen Abhängigkeitsentwicklung bedroht; nach heutigem Erkenntnisstand verursacht Ecstasy jedoch keine körperliche Abhängigkeit.
In diesem Kontext ist allerdings zu bedenken, daß Ecstasy in seltenen Fällen als "Einstiegsdroge" in eine schwerwiegende stoffgebundene Abhängigkeit fungieren kann. Darüber hinaus ist hier zu berücksichtigen, daß die meisten Ecstasy-Verwender polytoxikoman sind, also eine Vielzahl anderer Suchtmittel (zum Beispiel Cannabis, Amphetamine, LSD oder Kokain) neben Ecstasy verwenden.


Neurologische und neurobiologische Befunde
Die am häufigsten beschriebenen neurologischen Störungen, die mit der Einnahme von Ecstasy in Zusammenhang gebracht werden, sind zerebrale Krampfanfälle (Textkasten Neurologische Komplikationen). Weitaus seltener wird in der Literatur über territorial begrenzte Hirninfarkte, Hirnblutungen und korneale Epitheliopathien berichtet. Das Auftreten dieser Komplikationen scheint in keiner einfachen linearen Beziehung zur eingenommenen Ecstasy-Dosis zu stehen; dies spricht für die Bedeutung individueller Vulnerabilitäten.
MDMA ist eine Substanz, die direkt in den Neurotransmitter-Stoffwechsel eingreift. Im Tierversuch konnte gezeigt werden, daß MDMA zu einer Erhöhung der Serotonin-Konzentration im synaptischen Spalt führt; MDMA bewirkt vermutlich eine Serotoninfreisetzung aus den präsynaptischen Vesikeln, eine Hemmung des abbauenden Enzyms MAO-A sowie eine Inhibition der Rückspeicherung des Serotonins in die präsynaptische Endigung (1). Neben dem Serotonin- beeinflußt MDMA auch die Aktivität des Dopamin-NeurotransmitterSystems; dieses jedoch weit weniger stark als das serotonerge System. Wahrscheinlich führt eine durch MDMA ausgelöste Ausschüttung von Serotonin indirekt auch zu einer erhöhten Dopaminfreisetzung.
Untersuchungen an Affen konnten belegen, daß die hochdosierte Verabreichung von MDMA zu einer irreversiblen Schädigung des serotonergen Neurotransmitter-Systems führt. Hierbei erwies sich die Hippocampus-Formation, die für Gedächnisprozesse und die Entstehung von Angst bedeutsam ist, als am stärksten betroffen (8). Im Rattenversuch konnte die Irreversibilität der Schädigung jedoch nicht nachgewiesen werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß bei Versuchstieren mit sehr niedriger SerotoninKonzentration im Vergleich zu nichtgeschädigten Kontrolltieren keine Verhaltensabweichungen festzustellen waren.


Internistische Befunde
Im Bereich des Vegetativums kommt es etwa eine Stunde nach der Einnahme von Ecstasy zu einem Anstieg der Herzrate und des Blutdrucks. In dieser akuten Intoxikationsphase werden von den Konsumenten die in der Tabelle 2 aufgeführten Begleiterscheinungen des Rausches berichtet. In der postakuten Phase können Störungen wie Übelkeit, Trismus oder Bruxismus fortbestehen und dann auch mit psychophysischer Erschöpfbarkeit, arterieller Hypotension und Muskelschmerzen verbunden sein (4, 7).
Bei den aufgetretenen Todesfällen, die mit dem Mißbrauch von Ecstasy in Zusammenhang gebracht werden, ließ sich gehäuft eine Trias, bestehend aus Hyperthermie, Rhabdomyolyse und disseminierter intravasaler Koagulation feststellen. Bedingungsfaktoren für die Entstehung dieses Störungsbildes werden in der Überhitzung des Körpers, dem hohen Flüssigkeitsverlust und dessen unzureichender Kompensation durch Flüssigkeitsaufnahme gesehen. Außerdem greift MDMA direkt in die zentrale Temperaturregulation ein. Die Schwere dieses Störungsbildes ist offensichtlich unabhängig von der Ingestions-Dosis. Des weiteren erkrankten Ecstasy-Konsumenten an einem akuten Nierenversagen und andere an einer nicht infektösen Hepatitis (3). Der nephro- und hepatotoxische Effekt des MDMA sind inzwischen belegt. Daneben werden Fälle von Kreislaufdysregulationen, Herzarrhythmien, Kammerflimmern und plötzlichem Herztod beschrieben.


Aktuelle Forschungsarbeiten
Gegenwärtig führen wir eine repräsentative Befragung an Psychiatrischen, Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken, Drogen- und Erziehungsberatungstellen und Sozialpsychiatrischen Diensten zum Ecstasy-Konsum durch. Bundesweit wurden insgesamt 1 400 Einrichtungen angeschrieben. Diese Befragung soll unter anderem Aufschluß über die Vorkommenshäufigkeit, die Altersstruktur und die Geschlechtsverteilung von EcstasyKonsumenten in diesen Institutionen geben. Darüber hinaus sollen in dieser Studie die Gründe (psychische und körperliche Symptomatik), die für den Kontakt mit den angeschriebenen Einrichtungen verantwortlich waren, aufgehellt werden; diese Studie befindet sich gegenwärtig in der Abschlußphase der Auswertung.
Die Übersicht über den gegenwärtigen Forschungsstand verdeutlicht, daß Ecstasy eine gesundheitspolitische Herausforderung ersten Ranges ist, die der weiteren wissenschaftlichen Aufhellung bedarf; so liegen für den psychiatrischen, neurologischen und internistischen Bereich jeweils interessante Einzelbefunde vor, die jedoch bisher unzureichend, im Sinne einer integrativen Perspektive, aufeinander bezogen wurden. Auf dieses Defizit zielt eine interdisziplinäre Studie, die wir im Winter 1996/97 mit Mitteln des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums beginnen werden. Diese Studie soll einerseits Aufschluß über die Beziehungen zwischen den drei Analyseebenen geben und andererseits die Entwicklung eines Risiko-Klassifikationssystems ermöglichen, das den Gefährdungsgrad einzelner Ecstasy-Verwendergruppen bezüglich psychischer und organischer Störungen prognostiziert.
Ein Hauptziel unserer Untersuchung ist es, diejenigen persönlichkeits- und neurosenspezifischen Prädiktoren zu identifizieren, die mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko verbunden sind. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen darüber hinaus einen Beitrag zur Entwicklung präventiver Maßnahmen leisten.
In Rahmen einer psychiatrisch-psychodynamischen Diagnostik werden die Ecstasy-Konsumenten, die wir in Techno-Discotheken anwerben, zunächst hinsichtlich ihrer Persönlichkeits- und Neurosenstruktur untersucht. Danach erfolgt eine klinisch-apparative Diagnostik, mit deren Hilfe neurologische und internistische Störungen erfaßt werden. Hierzu setzen wir unter anderem die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) ein. Da sich die existierenden Tierstudien auf morphologische Analysen stützen, die post mortem durchgeführt wurden, leisten wir mit unserer Studie einen wichtigen Beitrag zur Verifizierung der tierexperimentellen Befunde am lebenden Menschen. Darüber hinaus ist unsere Studie, soweit wir wissen, die gegenwärtig einzige, die eine relativ unselektierte Stichprobe von MDMA-Konsumenten in der vorliegenden Größe interdisziplinär untersucht.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-372-376
[Heft 7]


Literatur:
1. Battaglia G, Yeh SJ, De Souza EB: MDMA-induced neurotoxicity: parameters of degeneration and recovery of brain Serotonin neurons. Pharmacol Biochem Behav 1988; 29: 269-274
2. Bundeskriminalamt: Rauschgiftjahresbericht 1994. Wiesbaden, 1996
3. Henry JA: Ecstasy and the dance of death. Br Med J 1992; 305: 5-6
4. Liester MB, Grob CS, Bravo GL, Walsh RN: Phenomenology and sequelae of 3,4 methylenedioxymethamphetamine use. J Nerv Ment Dis 1992; 180: 345-352
5. McCann UD, Ridenour A, Shaham Y, Ricaurte GA: Serotonin neurotoxicity after (±) 3,4 methylenedioxymethamphetamine (MDMA; "Ecstasy"): a controlled study in humans. Neuropsychopharmacol 1994; 10: 129-138
6. McGuire PK, Cope H, Fahy TA: Diversity of psychopathology associated with use of 3,4-methylenedioxymethamphetamine ("Ecstasy"). Br J Psych 1994; 165: 391395
7. Peroutka SJ, Newman H, Harris H: Subjective effects of 3,4-methylenedioxymethamphetamine in recreational users. Neuropsychopharmacol 1988; 1: 273-277
8. Ricaurte GA, Martello AL, Katz JL, Martello MB: Lasting effects of (±)-3,4methylenedioxymethamphetamine (MDMA) on central serotonergic neurons in nonhuman primates: neurochemical observations. J Pharmacol Exp Therap 1992; 261: 616-622
9. Schifano F, Magni G: MDMA ("Ecstasy") abuse: psychopathological features and craving for chocolate: a case series. Biol Psych 1994; 36: 763-767
10. Thomasius R, Schmolke M, Kraus D: MDMA-("Ecstasy")Konsum: Ein Überblick zu psychiatrischen und medizinischen Folgen. Fortschr Neurol Psychiat 1997; (im Druck)


Anschrift der Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. med. Rainer Thomasius
Dr. phil. Christian Jarchow
Psychiatrische und Nervenklinik der Universität Hamburg
Universitäts-Krankenhaus Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg

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