ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2006Lebensversicherung: Kündigen ist immer ein Verlustgeschäft

Versicherungen

Lebensversicherung: Kündigen ist immer ein Verlustgeschäft

Dtsch Arztebl 2006; 103(17): [91]

WZ

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Trotz möglicher Nachschlagszahlungen wegen
des Bundesgerichtshofsurteils

Jede zweite Lebensversicherung wird vor dem vereinbarten Vertragsablauf gekündigt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Mal sind es finanzielle Probleme, etwa als Folge eines Jobverlusts, mal zwingt die Arbeitsagentur einen Bezieher von Arbeitslosengeld II zur vorzeitigen Aufgabe seiner privaten Altersvorsorge. Immer häufiger stellt sich nach einer Weile auch die Erkenntnis ein, dass man falsch beraten wurde oder bei einem besonders leistungsschwachen Anbieter gelandet ist. Oder aber es setzt sich die Einsicht durch, dass jahrzehntelanges und monatliches Zwangssparen am Ende gerade einmal zum Gegenwert eines Gebrauchtwagens führen würde.
Letzteren Schluss lassen jedenfalls Zahlen zu, die der Bundesverband Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen ermittelt hat. Danach beträgt die Stornoquote bei Policen mit zwölfjähriger Laufzeit 32 Prozent, bei 20 Jahren sind es mit 55 Prozent schon mehr als die Hälfte der Versicherten, die frühzeitig kündigen. Und kaum zu glauben: Drei von vier Lebensversicherten mit einer Vertragsdauer von 30 Jahren verabschieden sich mittendrin (76 Prozent).
Gleichgültig, wann die Lebensversicherung gekündigt wird – es ist stets ein Verlustgeschäft. Die einst in Aussicht gestellte Ablaufleistung gibt es nicht mal anteilig, oft geht auch bereits eingezahltes Geld verloren. Selbst nach sechs Jahren kann der bei Kündigung fällige Rückkaufswert durchaus nur etwa 70 Prozent der schon geleisteten Beiträge ausmachen.
Dies liegt zum einen daran, dass alle Abschlusskosten und Provisionen für Vermittler stets am Beginn der Laufzeit auf dem Versichertenkonto als Sollsaldo gebucht werden. Diesen muss der Versicherte mit seinem Geld erst einmal „abarbeiten“, bevor es etwas Gewinn bringend anzulegen gibt. Seit Sommer 2001 weisen sie darauf beim Vertragsabschluss hin. Sie hätten es allerdings viel früher tun müssen. Bereits vom l. Juli 1994 an – nach der Einführung der europäischen Dienstleistungsfreiheit und der damit verbundenen Freigabe der Bedingungen – hätten die Unternehmen ihre Kunden über die Möglichkeit eines Geldverlusts aufklären müssen. Dazu waren sie vom Bundesgerichtshof aufgefordert worden. Wirklich in die Praxis umgesetzt haben sie dies aber erst 2001.
Der Bundesgerichtshof hat nun in einem Urteil vom 12. Oktober vergangenen Jahres Konsequenzen gezogen und die Gesellschaften zu Nachzahlungen verurteilt (Az.: IV ZR 162/03). Danach müssen alle von Juli 1994 bis Mai 2001 abgeschlossenen Policen so behandelt werden, als seien Abschlusskosten und Provisionen über die gesamte Laufzeit verteilt worden. Strafgebühren für eine vorzeitige Auflösung sind ebenfalls nicht erlaubt. Nach Abzug des Beitragsanteils für den Todesfallschutz steht den Kunden mindestens die Hälfte der eingezahlten Beiträge zu.
Dies hat Auswirkungen:
- Wer eine solche Police bereits gekündigt hat, besitzt einen Anspruch auf nachträgliche Gutschrift entsprechend zu viel kassierter Kosten und Provisionen. Vor allem bei teuren Gesellschaften kann dies eine Menge Geld ausmachen.
- Eine solche Gutschrift steht auch jenen Kunden zu, die keine Beiträge mehr für ihre Police zahlen. Das Guthaben darauf muss dann bis zum Vertragsende so verzinst werden, als sei das BGH-Urteil von vornherein berücksichtigt worden.
Doch die Versicherer wehren sich gegen nachträgliche Ansprüche gern mit einem Trick. Sie pochen auf eine fünfjährige Verjährung und sehen diese mit dem Zeitpunkt der Kündigung oder Beitragsfreistellung einsetzen. Verbraucherschützer argumentieren dagegen, für sie sei der Tag der Urteilsverkündung maßgeblich – also der 12. Oktober 2005. Im Zweifel werden Kunden ihre Ansprüche vor ordentlichen Gerichten einklagen müssen. Allerdings signalisieren einige Versicherer Kulanz. Ihr Image hat durch den Wegfall des Steuerprivilegs sowie wiederholte Absenkungen des Garantiezinses ohnehin schon genug gelitten.
Über solche Diskussionen ins Vergessen gerät: Selbst wenn der Versicherte noch einen kräftigen Nachschlag der Assekuranz erhält, bleibt es bei der generellen Aussage: Eine vorzeitige Kündigung ist immer der schlechteste Weg. Denn dabei geht nicht nur ein meist dringend benötigtes Stück Altersvorsorge verloren. Aufgegeben wird auch die Hinterbliebenenabsicherung für den Partner oder die Familie.
Immer mehr Kunden verkaufen ihre Verträge mittlerweile am Zweitmarkt, statt sie zu kündigen. Dies hat mehrere Vorteile:
Der ausgezahlte Betrag liegt in der Regel um fünf, im Einzelfall aber durchaus um bis zu 15 Prozent über dem vom Versicherer zu erwartenden Rückkaufswert. Steuerliche Nachteile entstehen nicht, weil ein Dritter die Police weiterführt. Und gute Aufkäufer schließen – auf eigene Rechnung – auch noch eine Todesfallabsicherung für den ursprünglichen Policeninhaber ab. Adressen gibt es beim Bundesverband Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen in München (Telefon: 0 89/ 59 94 39 12). WZ
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema