ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2006Medizinethik: Dialog der Kulturen

POLITIK

Medizinethik: Dialog der Kulturen

Rabbata, Samir

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner: Wolfram Höfling, Verfassungsrechtler, Nadeem Elyas,Arzt und ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, sowie der israelische Stammzellforscher Beni Gesundheit (von links) Fotos: Reinhold Schlitt
Auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner: Wolfram Höfling, Verfassungsrechtler, Nadeem Elyas,Arzt und ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, sowie der israelische Stammzellforscher Beni Gesundheit (von links) Fotos: Reinhold Schlitt
Die Globalisierung macht auch vor der Medizin nicht Halt.
Experten aus drei Kulturkreisen diskutieren,
was in der Medizin erlaubt sein darf und was nicht.

Dass das Podium zweigeteilt ist, hat allein technische Gründe. Darauf weist der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, gleich zu Beginn der Veranstaltung hin. Zwischen den beiden Tischen steht eine große Leinwand. So haben die Gäste im Berliner Savoy-Hotel einen unverstellten Blick auf die Präsentation der Referenten, die an diesem Abend über die ethischen Grenzen der Medizin in verschiedenen Kulturkreisen berichten.
Am rechten Rand des Podiums sitzen Dr. med. Beni Gesundheit und Dr. med. Nadeem Elyas, der eine jüdischen, der andere muslimischen Glaubens. Die christlich geprägte deutsche Sichtweise erläutern Hoppe und der Kölner Staatsrechtler Prof. Dr. jur. Wolfram Höfling. Sie sitzen am anderen Ende.
Doch allenfalls räumlich sind die Positionen der Experten weit auseinander. Inhaltlich wird bei der Veranstaltung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin schnell deutlich, dass die Unterschiede in Fragen der Medizinethik überschaubar sind.
Dass der eher restriktive Umgang mit Sterbehilfe, Stammzellforschung oder Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland nicht allein religiös, sondern in großem Maße historisch geprägt ist, stellt Hoppe gleich zu Beginn klar. An den Gräueltaten der Nationalsozialisten seien auch Ärzte beteiligt gewesen. Fragen der Medizinethik seien daher besonders in Deutschland ein sensibles Thema, für deren Beantwortung die Meinungen anderer Kulturkreise miteinbezogen werden müssten.
Der Blick ins Ausland macht auch deswegen Sinn, weil die Globalisierung auch die Medizin nicht ausspart. Auf dem Gebiet der humanen embryonalen Stammzellforschung lässt sich dies beispielhaft beobachten. Wegen strenger gesetzlicher Regelungen in Deutschland zieht es Forscher vermehrt in asiatische Länder oder nach Israel, wo die Bestimmungen liberaler sind. Die Medizin brauche daher universelle Werte und Normen, fordert Hoppe: „Es ist eine interkulturelle Übereinkunft darüber nötig, was als ethisches Minimum angesehen wird.“
So weit ist man indes noch nicht. Denn auch innerhalb Deutschlands gehen die Meinungen zu medizinethischen Themen weit auseinander. Dabei steht nach dem Grundgesetz außer Frage, dass die Würde des Menschen nicht interpretierbar ist. Damit sollte verhindert werden, dass darüber geurteilt wird, wem man die menschliche Würde zuerkennt und wem nicht. Doch werde in der deutschen Rechtsprechung zwischen Würdeschutz und Lebensschutz unterschieden, schränkt Verfassungsrechtler Höfling ein. So stehe der Lebensschutz gewissermaßen unter Gesetzesvorbehalt. Deshalb sei auch der so genannte finale Rettungsschuss durch die Polizei bei Geiselnahmen in einigen Bundesländern legal.
Dabei stellt sich die medizinethische Frage, ob Embryonen ohne Würdeverletzung getötet werden können. Nach Meinung Höflings ist dies weder bei extra für die Stammzellforschung erzeugten Embryonen noch bei Embryonen möglich, die nach künstlicher Befruchtung „überzählig“ sind. „Denn eine hoffnungslose Situation ist kein Grund, menschliches Leben zu töten“, sagt Höfling. Dies lasse sich ebenfalls auf den Bereich der Sterbehilfe übertragen.
Hier zieht auch der Israeli Beni Gesundheit eine klare Grenze. Er setzt vielmehr auf den Ausbau palliativmedizinischer Angebote. Seine Einstellung zu medizinethischen Fragen leitet er direkt aus der Bibel, der Mischna und dem Talmud ab. Ein Beispiel sei der Schwangerschaftsabbruch, sagt der Mediziner und zitiert auszugsweise die Mischna Ohalot: „Wenn eine Frau schwer gebärt (und dadurch in Lebensgefahr schwebt), zerschneidet man das Kind im Mutterleib und holt es stückweise heraus, weil das Leben der Mutter dem Leben des Kindes vorgeht.“ Dem ungeborenen Leben kämen damit nicht die gleichen Rechte zu wie dem geborenen. Das volle Lebensrecht werde ihm erst mit der Geburt zugesprochen. Durch diese Sichtweise werde auch die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen erleichtert. Dennoch, räumt Beni Gesundheit ein, gebe es auch in Israel heftige Diskussionen über dieses Thema.
Diese vergleichsweise liberale Einstellung zu bioethischen Fragen wird in islamischen Ländern nur bedingt geteilt. Nadeem Elyas, Gynäkologe und ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, stellt klar: „Alles, was im Islam nicht ausdrücklich verboten ist, ist zunächst erlaubt.“ Über ethische Grenzfragen befänden Gutachterräte. Insgesamt werde die humane Gentechnik zum Zwecke der Krankheitsheilung nicht als verboten angesehen. Wie in Deutschland verstoße aber die Züchtung von Embryonen gegen die Menschenwürde und sei daher untersagt. Die Verwendung überzähliger Embryonen zur Stammzellforschung sei begrenzt möglich.
Einheitliche Ziele
Aus dem Koran ließen sich klare Regeln für die Wissenschaft ableiten, sagt Elyas. So dürfe sie nicht zum Mittel der Vernichtung werden und keine Mittel dafür erschaffen. Auch sei es der Wissenschaft verboten, das Wesen der Schöpfung zu verändern. Die Risiken der Forschung müssten kalkulierbar bleiben und in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen stehen. Diese Vorgaben kämen insbesondere bei Fragen von Biomedizin, Euthanasie und Familienplanung zur Anwendung.
BÄK-Präsident Hoppe sieht gute Voraussetzungen, dass man sich international auf einen gemeinsamen medizinethischen Nenner einigen könnte. Denn schon heute definierten die meisten Kulturen die wichtigsten Ziele der Medizin ähnlich: „An erster Stelle stehen überall die Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung der menschlichen Gesundheit.“ Das Wichtigste aber sei, dass Ärzte Forschung ausschließ-lich am – und nicht mit Menschen
betreiben. Samir Rabbata
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema