ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2006Telematik: Klinikketten setzen auf die elektronische Fallakte

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Telematik: Klinikketten setzen auf die elektronische Fallakte

Dtsch Arztebl 2006; 103(18): A-1192 / B-1011 / C-975

Krüger-Brand, Heike E.

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Eine offene Spezifikation für den fallbezogenen Austausch medizinischer Daten soll die sektorübergreifende Kommunikation zügig vorantreiben.

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ist für die Krankenhäuser mit erheblichen Kosten verbunden, ohne dass sich daraus unmittelbar ein großer Nutzen für sie ergibt, denn die Pflichtanwendungen der Karte – wie elektronisches Rezept und Klärung des Versichertenstatus – spielen im stationären Sektor praktisch keine Rolle. Gleichzeitig wächst bei den Krankenhäusern der Bedarf, einrichtungs- und sektorübergreifend zu kommunizieren. Beispiel Integrierte Versorgung: „Viele Krankenhäuser bauen zurzeit Portale zum Austausch medizinischer Daten mit den niedergelassenen Ärzten auf, mit der Gefahr, dass so Insellösungen entstehen, die zueinander inkompatibel sind“, erklärte Dr. Jörg Caumanns, Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) Berlin. Abhilfe soll eine Lösung schaffen, die das ISST derzeit im Auftrag der privaten Klinikkonzerne Asklepios, Rhön-Klinikum und Sana entwickelt: die Spezifikation einer interoperablen Architektur für den Austausch medizinischer Daten zwischen stationären und ambulanten Leistungserbringern.
An dem Telematikprojekt beteiligt sich auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Außerdem sind über den Projektbeirat weitere öffentliche und kirchliche Krankenhausträger eingebunden. „Das Interesse der Krankenhäuser an einer einheitlichen Lösung ist außerordentlich groß“, betonte Caumanns. Die Spezifikation berücksichtigt bestehende Systeme und Standards und soll allen Krankenhäusern und Herstellern von Primärsystemen (Arztpraxissoftware und Krankenhausinformationssystemen – KIS) kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Das Projekt orientiert sich an den bisherigen Vorgaben der eGK-Lösungsarchitektur. Es ist nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Arbeit der gematik zu verstehen, die für die Spezifikationen der eGK verantwortlich ist. Ziel ist es, Synergieeffekte zu nutzen und für die Krankenhäuser möglichst kostengünstig und praktikabel einen Migrationsweg zur elektronischen Patientenakte zu schaffen, die mittelfristig mit der eGK angestrebt wird.
Direkte Anbindung an die Praxissoftware
Die Spezifikation beschreibt ein Verfahren, wie verschiedene Leistungserbringer innerhalb kooperativer ärztlicher Behandlungsszenarien fallbezogen kommunizieren können. Im Mittelpunkt steht deshalb nicht eine (vom Patienten geführte) umfassende Patientenakte, sondern eine netzbasierte elektronische Fallakte (eFA), die als Mehrwertdienst die eGK-Infrastruktur nutzt (www.fallakte.de). Die Behandlungsdaten verbleiben dabei dezentral an ihren originären Speicherorten und werden lediglich in einem virtuellen Dateisystem zusammengeführt und verwaltet (Grafik). Die Fallakte als eine Anwendung dieses virtuellen Dateisystems ermöglicht den Nutzern entsprechend ihrer Berechtigung den Zugriff auf die verteilt gespeicherten Daten. Sie ist eine „standardisiert strukturierte Sicht auf die verteilte Behandlungsdokumentation eines Patienten“, so Caumanns. Sämtliche an einer Behandlung beteiligten Ärzte können Dokumente in die Fallakte einstellen und aus ihr auslesen. Der Patient muss einmalig in die einrichtungsübergreifende Verwendung der eFA einwilligen und kann außerdem spezielle Zugriffsrechte erteilen.
Einsatzszenarien für die eFA sind vor allem Disease-Management-Programme und Integrationsverträge. So soll die Akte über eine Schnittstelle auch direkt an die Praxissoftware des niedergelassenen Arztes angebunden werden, sodass dieser aus seiner Dokumentation heraus zum Beispiel Befunde aus der Fallakte abrufen kann. Die Praxissoftwarehersteller Compugroup und Docexpert wollen das Projekt unterstützen. Auf KIS-Anbieterseite arbeiten unter anderem SAP und GWI an entsprechenden Schnittstellen für ihre Produkte.
Die Spezifikation wird voraussichtlich im Mai fertig gestellt und soll dann in mehreren Phasen – abhängig vom Entwicklungsstand der eGK – umgesetzt werden. So sind in der ersten Pilotphase keine zentralen Dienste erforderlich. Auch werden die Ärzte, da der elektronische Heilberufsausweis noch nicht verfügbar ist, zunächst Chipkarten mit qualifizierter Signatur verwenden, um sich zu authentifizieren. Heike E. Krüger-Brand
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