ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2006Ankündigungsmedizin: Überprüfung der sprachlichen Mittel

POLITIK: Kommentar

Ankündigungsmedizin: Überprüfung der sprachlichen Mittel

Stübner, Gerhard

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Dr. Wagner experimentiert bereits seit Monaten in Fausts ehemaligem Laboratorium. Dem hinzugetretenen Mephistopheles antwortet er auf die Frage, was es denn gibt: „Es wird ein Mensch gemacht“ (2). Doch der Homunculus, der durch Mischung von vielen Hundert Stoffen entsteht und in der Phiole leuchtet, ist kein Mensch, er ist ein Geistwesen, das außerhalb seines Behältnisses nicht existieren kann und bald seinem Erschaffer entgleitet.
Was Johann Wolfgang von Goethe in seinem Sprachwunderwerk „Faust“ vor 250 Jahren in Gestalt des sowohl fortschrittsgläubigen als auch einfältigen Dr. Wagner vorausschauend gedacht hat, findet in gewissem Maße seine Parallele in der modernen Medizin, und zwar dann, wenn Erfolge schon vorausgesagt werden, obwohl wissenschaftliche Beweise noch ausstehen. Basierend auf Ergebnissen der Grundlagenwissenschaften oder beflügelt durch eigene Wunschvorstellungen, wird eine Behauptung aufgestellt, deren Kernaussage darin besteht, bisher nicht heilbare Krankheiten bald heilen zu können.
Die Forschungsrichtungen Xenotransplantation und Gentherapie geben in besonderem Maß Beleg dafür, wie Sprache als taktisches Instrument zur Erreichung bestimmter Handlungsziele manipulativ eingesetzt wird. Vor zwölf Jahren wurde angekündigt, dass der Ersatz des menschlichen Herzens durch ein Schweineherz bald anstehe (3). Drei Jahre später (1997) heißt es: „Xenotransplatation bietet die prospektive Chance, viel für die Gesundheit und Lebenserhaltung von Menschen zu tun“ (8). Um den Mangel an humanen Spenderorganen zu beheben, wird eine Entwicklung vorangetrieben, die biologische Realitäten negiert und nicht ohne Risiko ist. 130 Millionen Jahre Evolution haben bei den Säugetieren zur Ausprägung einer spezies-spezifischen Anatomie, Physiologie und Lebenszeit geführt. Das biologische Alter einer Spezies und seiner Organe ist genetisch festgelegt (Hausschwein circa zwölf Jahre, Mensch circa 80 Jahre) und passt sich dem Empfängerorganismus nicht an; das heißt, ein im Menschen implantiertes Schweineherz wächst und altert schneller als ein Allotransplantat. Darüber hinaus ist bis heute ungeklärt, ob seine anatomische Konstruktion und Pumpleistung für die Aufrechterhaltung des Kreislaufs bei einem aufrecht gehenden Individuum ausreicht (3). Die seit Jahren bekannten Risiken der hyperakuten Abstoßungsreaktion sind bisher nicht beherrschbar. Eine Übertragung von im Schweinegenom integrierten Viren (PERV, Gammaretroviren, Hepatitis E) (1, 6, 11) kann auch künftig nicht ausgeschlossen werden.
Seit zehn Jahren wird von Genetikern die Hoffnung verbreitet, durch Gentherapie Krankheiten von Alzheimer bis Krebs bald heilen zu können. Etwa 300 Genstudien mit mehr als 4 000 Patienten sind bisher weltweit durchgeführt worden, die meisten der Studienteilnehmer litten an Krebs. Klinisch nachweisbare dauerhaft positive Resultate fehlen allerdings bis heute (5). Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits sind die meisten Krankheiten nicht monogen bedingt; es sind mehrere zum Teil noch nicht bekannte Gensequenzen an der Ausprägung beteiligt; andererseits entwickeln sich chronische Erkrankungen erst im Laufe des Lebens. Die Ursache ihrer Entstehung ist oftmals weitgehend unbekannt (Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson, multiple Sklerose, Tumoren, Atherosklerose). Verschiedene Faktoren werden diskutiert, sowohl genetische Prädisposition als auch jeder andere externe (epigenetische) Einfluss kann in dem multifaktoriellen Geschehen eine Rolle spielen (9).
Die Grenzen unserer Sprache machen die Grenzen unserer Welt aus (12). Will man diese überschreiten, bedarf es sorgfältiger Vorbereitung. Zunächst wird ein gedanklicher Entwurf mitgeteilt. Eine kühne Idee wird zum Redegegenstand erklärt, wobei der Gebrauch von Wertworten wie Ethik den Denkinhalten einen goldenen Glanz verleihen soll, um den Weg für das Wünschbare zu ebnen. Aus der Wissenschaftssphäre wird der neue Gedanke in die Medienwelt übertragen, denn je weiter Forschung in ethisch problematische Bereiche vordringt, umso schwieriger, aber auch umso wichtiger ist es, allgemeine Akzeptanz zu finden.
Bei Forschungsvorhaben in Grenzbereichen der Medizin ist es daher unerlässlich, ethische Forderungen mit einzubeziehen. Diese betreffen Transparenz und die kritische Beurteilung bisheriger Ergebnisse sowie die verallgemeinerungsfähige Abwägung des Vorhabens im Sinne eines guten und gerechten Handelns. Wichtig ist aber auch die Überprüfung der sprachlichen Mittel, mit denen die Ziele benannt werden (10), denn Sprache bestimmt und lenkt unsere Wirklichkeitsauffassung. Wo sie unangemessene Realitätsinterpretation nahe legt, wirkt sie verführend (4) und weckt Hoffnung, die nicht immer zu erfüllen ist. Dr. med. Gerhard Stübner

Literaturverzeichnis im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit1806
Anzeige
1.
Denner J (2005) Fortschritte und Risiken der Xenotransplantation. Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV) in Bezug auf Chancen und Risiken der Xenotransplantation. DennerJ@rki.de27
2.
Goethe JW v. Goethes Werke. 5. Bd. Faust II. Teil. Bibliographisches Institut Leipzig und Wien, 1900, 283–285.
3.
Hammer C (1999) Xenotransplantation zwischen medizinischen Möglichkeiten und ethischen Ansprüchen. Aus Politik und Zeitgeschichte B 6/99, 30–8
4.
Krebsinformationsdienst Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg (2001) Gentherapie. Hoffnungsvolle Behandlung oder Luftschloss? http://www.krebsinformation.de
5.
Meyer R (2005) Morbus Alzheimer. Erste klinische Ergebnisse der Gentherapie. Deutsches Ärzteblatt, 102, 18, B1057. VOLLTEXT
6.
Mieth D (2004) "Konvergenzargumentation". Bastion gegen das Forschungsklonen Ethik Med 2004, 16, 160–64.
7.
Nikol S (1997) Aktueller Stand der Gentherapie. Schlusswort. Deutsches Ärzteblatt 94, 15, B799. 8. Pichlmayr R (1997) Medizinische Ethik und medizinischer Fortschritt am Beispiel Xenotransplantation. niedersächsisches ärzteblatt 7/97, 6–14. VOLLTEXT
9.
Pörksen U (1992) Plastikwörter. Die Sprache einer internationalenDiktatur. Klett-Cotta, Stuttgart 1992, 118 ff.
10.
Reiber HO (1998) DieEntstehung von Form und Krankheit. Genetisches Programm oder Selbstorganisation? Loccumer Protokolle 14/97, 197–221.
11.
Richter-Kuhlmann EA (2005) Xenotransplantation. Vorwärts in kleinen Schritten. Deutsches Ärzteblatt 102, 25, B1513. VOLLTEXT
12.
Weiss RA (1998) Transgenic pigs and virus adaption. Nature 391, 327–28
13.
Wittgenstein L (1921) Tractatus logico-philosophicus.
1. Denner J (2005) Fortschritte und Risiken der Xenotransplantation. Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV) in Bezug auf Chancen und Risiken der Xenotransplantation. DennerJ@rki.de27
2. Goethe JW v. Goethes Werke. 5. Bd. Faust II. Teil. Bibliographisches Institut Leipzig und Wien, 1900, 283–285.
3. Hammer C (1999) Xenotransplantation zwischen medizinischen Möglichkeiten und ethischen Ansprüchen. Aus Politik und Zeitgeschichte B 6/99, 30–8
4. Krebsinformationsdienst Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg (2001) Gentherapie. Hoffnungsvolle Behandlung oder Luftschloss? http://www.krebsinformation.de
5. Meyer R (2005) Morbus Alzheimer. Erste klinische Ergebnisse der Gentherapie. Deutsches Ärzteblatt, 102, 18, B1057. VOLLTEXT
6. Mieth D (2004) "Konvergenzargumentation". Bastion gegen das Forschungsklonen Ethik Med 2004, 16, 160–64.
7. Nikol S (1997) Aktueller Stand der Gentherapie. Schlusswort. Deutsches Ärzteblatt 94, 15, B799. 8. Pichlmayr R (1997) Medizinische Ethik und medizinischer Fortschritt am Beispiel Xenotransplantation. niedersächsisches ärzteblatt 7/97, 6–14. VOLLTEXT
9. Pörksen U (1992) Plastikwörter. Die Sprache einer internationalenDiktatur. Klett-Cotta, Stuttgart 1992, 118 ff.
10. Reiber HO (1998) DieEntstehung von Form und Krankheit. Genetisches Programm oder Selbstorganisation? Loccumer Protokolle 14/97, 197–221.
11. Richter-Kuhlmann EA (2005) Xenotransplantation. Vorwärts in kleinen Schritten. Deutsches Ärzteblatt 102, 25, B1513. VOLLTEXT
12. Weiss RA (1998) Transgenic pigs and virus adaption. Nature 391, 327–28
13. Wittgenstein L (1921) Tractatus logico-philosophicus.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema