ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2006Niedergelassene Ärzte: „Die KV hat mehr Vorteile, als manchen bewusst ist“

POLITIK

Niedergelassene Ärzte: „Die KV hat mehr Vorteile, als manchen bewusst ist“

Dtsch Arztebl 2006; 103(18): A-1196 / B-1013 / C-977

Stüwe, Heinz

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Foto: Jürgen Gebhardt
Foto: Jürgen Gebhardt
Prof. Dr. med. Hans Joachim Sewering, Ehrenmitglied des Vorstands der Bundes­ärzte­kammer, warnt die Vertragsärzte davor, ihr Heil in Einzelverträgen mit den Kassen zu suchen.

Schon im Frühjahr steht fest: Das Jahr 2006 wird als Protestjahr in die Geschichte der deutschen Ärzteschaft eingehen. Wie beurteilt ein ehemaliger Funktionsträger, der im Lauf der Jahrzehnte manchen Strauß für die Ärzteschaft ausgefochten hat, die anhaltende Protestwelle? „Ich habe volles Verständnis für die Proteste“, stellt Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hans Joachim Sewering im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt heraus. „Und ich bedauere, dass Ärzte es nötig haben, auf die Straße zu gehen.“ Kritische Untertöne klingen an, wenn Sewering davon spricht, dass nach seinem Eindruck „der Unmut sehr emotional gesteuert ist“. 36 Jahre (von 1955 bis 1991) stand der Internist und Lungenfacharzt aus Dachau an der Spitze der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, 20 Jahre war er Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (von 1972 bis 1992) und fünf Jahre (bis 1978) Präsident der Bundes­ärzte­kammer. „Ich erinnere mich an Zeiten, als wir die Dinge in intensiven und guten Gesprächen mit den Politikern ausgehandelt haben.“ Dabei hat Sewering, der schon 1959 Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer geworden war, vor Augen, „wie wir zu Adenauer marschiert sind. Damals wäre kein Arzt auf die Idee gekommen, zu Demonstrationen aufzurufen.“ Lässt sich aber die aktuelle Lage der Niedergelassenen heute mit der von damals vergleichen? Zu Anfang der 50er-Jahre sei die Honorarsituation sicher schlechter gewesen, versichert Sewering. Es folgten die guten 60er- und 70er-Jahre. „Im Jahr 1965 haben wir erstmals die Einzelleistungsvergütung erreichen können.“ Allerdings: Lediglich für einige Jahre, bis Anfang der siebziger, wurde die Gesamtvergütung nach Einzelleistungen berechnet. Vorher und nachher gab es immer Begrenzungen und Pauschalierungen.
Eine Gebührenordnung in Euro und Cent, wie sie nun auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt befürwortet, hält Sewering für richtig, er warnt zugleich aber vor Naivität. „Auch in Zeiten, in denen es eine Gebührenordnung in Mark und Pfennig gab, hat – von den wenigen Ausnahmejahren abgesehen – die Gesamtvergütung nie ausgereicht, um das Honorar zu bezahlen, das in der Gebührenordnung stand.“ Dem einzelnen Kassenarzt sei pro Quartal eine Auszahlungsquote von beispielsweise 76,5 Prozent mitgeteilt worden. Für Sewering steht außer Frage: „Die Gesamtvergütung ist begrenzt und wird es auch bleiben.“ Die finanziellen Nöte der Kassen, denen durch die Arbeitslosigkeit Millionen von Beitragszahlern fehlten, ließen gar nichts anderes zu. Deshalb sei es „ein Schwindel ohnegleichen“, wenn die Politik den Eindruck erwecke, die Kassenärzte bekämen künftig alle Leistungen bezahlt.
Sewerings Sorge ist, dass eine Einheitsgebührenordnung kommen und die private Kran­ken­ver­siche­rung auf Zusatzangebote reduziert werden könnte. Dem oft gehörten Vorwurf, die Privatversicherten entzögen sich der Solidarleistung, hält Sewering entgegen, dass vor Jahren ganz anders argumentiert wurde: „Damals galten freiwillig gesetzlich Versicherte manchen als Schmarotzer, die nur die Vorteile der GKV, insbesondere die beitragsfreie Mitversicherung der Kinder, ausnutzen wollten.“
Dass viele Kassenärzte das überaus komplexe Honorarsystem durch etwas ganz Neues abgelöst sehen möchten, kann Sewering sehr gut nachvollziehen. Begonnen habe die negative Entwicklung mit der gesetzlichen Vorgabe, die Gesamtvergütung in einen hausärztlichen und einen fachärztlichen Teil zu trennen. „Damit ist es der Politik gelungen, eine Frontstellung Hausärzte gegen Fachärzte aufzubauen.“ Die Aufteilung in Töpfe und Töpfchen schüre den Neid unter den Fachgruppen, eine „unglückselige Entwicklung, die in der Forderung nach einer Hausarzt-KV gipfelt“. Seinen Nachfolgern in Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und Verbänden rät Sewering eindringlich, die einzelnen Gruppen in der Kassenärzteschaft wieder zu einer Einheit zusammenzuführen. „Ansonsten werden wir ein abhängiger Berufsstand.“
Dass mancher Arzt in Einzelverträgen mit den Krankenkassen eine Perspektive sieht, endlich dem engen Honorarkorsett zu entkommen, weiß der frühere KV-Chef. Sicher werde es immer gesuchte Spezialisten geben. Aber in Einzelverträgen sieht Sewering keine Lösung. „Im Moment werben die Kassen noch um Ärzte. Sie werden aber die Zügel anziehen. Dann sind die vertraglich an die Kassen gebundenen Ärzte die Schwachen.“ Diese Abhängigkeit zu verhindern sei ja gerade Sinn der Gründung der Kassenärztlichen Vereinigungen und des 1955 beschlossenen Kassenarztrechts. „Damals hat die Politik unmissverständlich klar gemacht: Ihr bekommt den Sicherstellungsauftrag und könnt Kassenärztliche Vereinigungen gründen mit Pflichtmitgliedschaft. Die Conditio sine qua non war die verbindliche Schlichtung, um einen vertragslosen Zustand und auch Streiks auszuschließen.“ Die Konsequenz: Die KVen wurden alleinige Vertragspartner der Kassen. „Das hat mehr Vorteile, als manchen Kollegen bewusst ist“, stellt Sewering heraus. „Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, hat Recht: Wenn man die KVen auflöst, ist das so, als wenn jeder Arbeitnehmer allein mit einem Konzern über den Lohn verhandelt.“ Dass die Alleinstellung der KVen durch das GKV-Modernisierungsgesetz durchlöchert wurde, hält Sewering für sehr bedenklich. „Meine größte Sorge ist, dass unsere Selbstverwaltung vom Gesetzgeber demontiert wird.“ Zudem befürchtet Sewering, dass Kassenärzte zunehmend in Abhängigkeit von Krankenhausambulanzen geraten könnten. Während über manches schon vor Jahrzehnten gestritten wurde, gibt es auch Auseinandersetzungen, die sich überlebt haben. Sewering stand in den 70er-Jahren im Zentrum eines Streits mit den Kassen, weil er die gemeinsame Apparatenutzung durch Vertragsärzte propagiert und in seiner Gemeinschaftspraxis auch realisiert hatte. Heute sei dies längst selbstverständlich.
Sewering sorgt sich, dass sich künftig weniger junge Ärzte für die Niederlassung entscheiden könnten, „wenn sie immer nur hören, wie schlecht es uns geht“. Es sei ja nicht alles schlechter geworden. Sewering ruft in Erinnerung, dass früher vor der Quartalsabrechnung die Praxis geschlossen wurde, weil alle verfügbaren Kräfte benötigt wurden, um die Krankenscheine zu sortieren. Der Computer habe die Arbeit erleichtert. Auch die Klagen über zu viel Bürokratie beurteilt er differenziert: „Ganz ohne Schriftkram geht es nicht. Wo Geld fließt, muss auch ein Nachweis geführt werden.“ Eine wesentliche Herausforderung der Zukunft sieht Sewering darin, jungen Ärztinnen die Möglichkeit zu geben, in der ambulanten Versorgung tätig zu werden. „Sie wollen und können keine Praxis auf dem Land übernehmen, schon gar nicht, wenn sie Familie haben.“ Hier liege der Schlüssel zur Behebung des Ärztemangels.
Heinz Stüwe
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