ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2006Im Dienste der Staatssicherheit: „Ich stand hinter der DDR“

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Im Dienste der Staatssicherheit: „Ich stand hinter der DDR“

Dtsch Arztebl 2006; 103(18): A-1201 / B-1018 / C-981

Richter-Kuhlmann, Eva; Weil, Francesca

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Der Arzt Bernhardt Schmidt erzählt erstmals öffentlich seine Geschichte: 13 Jahre lang arbeitete er aus „politischer Überzeugung“ als inoffizieller Mitarbeiter.

Aufgewühlt ist Dr. med. Bernhard Schmidt* nur innerlich. Nach außen wirkt er ruhig, obwohl eine gewisse Nervosität im Raum liegt, wenn er über seine Vergangenheit berichtet. „Vielleicht kann man mit solch einem Gespräch ein kleines bisschen von der Schuld abtragen, die man auf sich geladen hat“, sagt er leise. Mit dem Wort Schuld habe er allerdings so seine Probleme, fügt er hinzu. Es sei nicht in Ordnung gewesen, was er getan habe, und diese „gewisse Schuld“ belaste ihn, doch als übermäßig empfinde er sie nicht.
Schmidt war als Arzt in der DDR tätig und 39 Jahre alt, als er vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als inoffizieller Mitarbeiter (IM) aus „politischer Überzeugung“ geworben wurde. 13 Jahre lang – bis zur „Wende“ im Herbst 1989 – versorgte er als IM „Klaus“ die Staatssicherheit mit Informationen, vor allem über Kollegen und das DDR-Gesundheitswesen. Regelrecht überrollt von den politischen Ereignissen, endete seine Tätigkeit offiziell nie. „Man schämt sich, wenn man das alles Revue passieren lässt, was geschehen ist“, gesteht Schmidt. Heute habe er eine andere Einstellung zu seiner „Nebentätigkeit“, aber damals habe er politisch hinter der DDR gestanden. „Ich kann es nicht ungeschehen machen; ich muss damit leben“, sagt er nachdenklich und blickt starr auf die Tischplatte. Heute steht für ihn fest: „Es gibt genügend zwischenmenschliche Probleme und Zuträgereien. Das ist schlimm genug. Und das sollte nicht von einem Staat ausgenutzt werden – nicht in dieser Art und Weise.“
Bernhard Schmidt gehörte zum Gros der inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit: angeworben aus politischer Überzeugung. Dadurch unterscheidet sich seine Geschichte deutlich von der von IM „Sabine“ (DÄ, Heft 3/2006), einer Ärztin, die aus Gründen der „Wiedergutmachung“ einige Jahre für die Stasi arbeitete. „Klaus“ stieg nicht wie „Sabine“ vorzeitig aus, sondern berichtete der Stasi bis zum Ende der DDR – in einem für einen IM durchschnittlichen Umfang.
Auch die Geschichte seiner Anwerbung ist typisch für einen IM-Lebenslauf: Sie geschah ohne Zwang, jedoch durch einen willkommenen Anlass. „Ich hatte ein paar Probleme mit meiner Wehrpflicht“, erzählt Schmidt, der von seiner Militärzeit bei der Nationalen Volksarmee zum Studium freigestellt worden war. „Nach meiner Facharztweiterbildung bin ich offenbar vergessen worden, habe ich mich nie wieder darum gekümmert, hatte aber immer im Hinterkopf: In deinem Wehrpass steht nichts drin. Und das war ein bisschen heikel.“ Als er eines Tages einen Brief vom Wehrkreiskommando erhielt, sei ihm „das Herz in die Hose gerutscht“. „Ich dachte: ,Jetzt haben sie dich.‘ Aber dann hat mich dort nicht das Wehrkreiskommando erwartet, sondern das MfS“, berichtet Schmidt. Schnell fügte sich dann eines zum anderen: Dem Arzt wurde der sofortige Einzug zur Armee vor Augen gehalten, aber auch die Möglichkeit zur Mitarbeit bei der Stasi. Schmidt zögerte nicht und schlug ein. Bedenken, der Stasi Auskunft über Mitmenschen zu geben, hatte er offenbar nicht. „Da ich voll hinter der DDR stand, war das kein Riesenproblem für mich. Und daraufhin war das Thema Armee erledigt.“
Dass ihm die Wehrzeit erlassen wurde, sieht Schmidt als einzigen Vorteil seiner Stasi-Tätigkeit an. „Ich war heilfroh, dass ich da nicht hinmusste. Dieser Drill war mir irgendwie zuwider.“ Berufliche oder finanzielle Vergünstigungen will Schmidt nicht erhalten haben. „Ich habe meinen ganz normalen Weg gemacht: eine Krankenhausabteilung aufgebaut und eine Oberarztstelle erhalten“, erzählt Schmidt. Nebenbei habe er noch andere „gesellschaftliche Arbeit“ geleistet, zum Beispiel beim Deutschen Roten Kreuz. „Ich habe niemanden aus seiner Stellung gedrängt – das war nicht mein Ding“, erklärt er. Nachteile hat der ehemalige IM nicht gespürt, auch im Umgang mit Kollegen nicht. „Die haben mir nicht alles erzählt, das wird sicher so gewesen sein“, ist er überzeugt. „Aber es hat mich auch nicht gestört, wenn ich nicht alles wusste.“
Als IM „Klaus“ hatte Schmidt regelmäßig Kontakt zum MfS, „vielleicht drei- bis viermal im Jahr“. „Ich habe die Fragen beantwortet oder die Dinge berichtet, nach denen ich gefragt worden bin.“ Notiert hätten weder er noch sein erster Führungsoffizier etwas. Es sei um das Krankenhaus und um Kollegen gegangen, nie um Patienten. „Ich habe auch die Dinge, von denen ich dachte, dass sie schlecht laufen, gesagt. Wir haben uns einfach unterhalten“, ergänzt Schmidt. „Das war übrigens ein angenehmer Zeitgenosse vom Umgang her. Ich hatte nie das Gefühl: Das hier ist etwas richtig Bedrohendes.“
Nach dem Umzug in eine andere Stadt aufgrund seiner Scheidung erhielt IM „Klaus“ neue Führungsoffiziere, zunächst „einen älteren Herrn, der sehr schlecht ausgewählt und ein Dummkopf ersten Ranges war“. Der habe „ganz primitive sexuelle Dinge“ wissen wollen und ständig mit einem Tonband gearbeitet. Später hatte „Klaus“ Kontakt zu einem jüngeren Führungsoffizier, der „angenehmer“ war. Dieser forderte den Arzt auf, Berichte zu schreiben. „Ich sollte zum Beispiel einen Kollegen einschätzen, der nach Amerika zu Verwandten fahren wollte. Und eine Kollegin, die nach Dänemark reisen wollte“, erzählt Schmidt. „Da hat man immer ausgewählt.“ Mit dem Kollegen habe er direkt und vor allem gut zusammengearbeitet. „Ich kannte seine persönliche Einstellung. Da hat man so einen Bericht schon ein bisschen positiv gefärbt“, räumt Schmidt ein. „Ich konnte ihm keine sozialistischen Ideale andichten. Aber Dinge, die nicht so gut angekommen wären, habe ich vielleicht etwas abgeschwächt. . . . Die Kollegin wiederum konnte ich absolut nicht leiden. Da habe ich das vielleicht nicht so gemacht. Und sie ist dann auch nicht nach Dänemark gefahren.“
Nach der Wende kam die fristlose Kündigung
Dieser Vorfall gehört offenbar zu den Ereignissen, für die Schmidt „eine gewisse Schuld“ einsieht. Heute schäme er sich für seine Vorgehensweise, vor allem dafür, dass sie nicht politisch, sondern persönlich motiviert war, sagt Schmidt. „Durch diese menschlichen Unzulänglichkeiten habe ich anderen vielleicht schon geschadet . . .“, meint er. Gemeldet hat sich nach der Wende jedoch keiner derjenigen bei Schmidt, über die er berichtet hatte. Der Kollege, der nach Amerika gefahren ist, sei Chefarzt geworden, weiß Schmidt. Die Kollegin sei noch immer in demselben Krankenhaus tätig.
Den letzten Kontakt zum MfS hatte Schmidt im Sommer 1989. Danach meldete sich sein Führungsoffizier nicht mehr. „Der hat wahrscheinlich eher gemerkt als ich, dass das Ganze den Bach hinunterging“, meint Schmidt. „Wir hatten uns zuletzt immer mal in seinem Auto auf dem Parkplatz getroffen. Da hat er gesagt: ‚Ach, es ist alles nicht mehr so.‘ Und ich wollte da immer noch Sozialismus.“
Nach der Wende gestand Schmidt einigen Kollegen seine Berichtstätigkeit für das MfS, unter anderem seiner Oberärztin und seinem Chef. „Und
als dann 1992 die Bögen kamen, habe ich alles reingeschrieben. Ja, und dann kam die Kündigung, die fristlose Kündigung.“ Auf Anraten von Kollegen habe er Einspruch eingelegt und eine Einzelfallüberprüfung gefordert. „Doch die haben mich nur gefragt: ,Haben Sie oder haben Sie nicht?‘ Da habe ich gesagt: ,Ja, ich habe.‘ Und das bitte schön, das war es.“
Einige Zeit hat sich Bernhard Schmidt dann mit einer Urlaubsvertretung in einer Reha-Klinik und Ernährungsberatung über Wasser gehalten. 1995 nahm er einen nichtärztlichen Job an einer Schule an, in dem er bis 2005 tätig war. Seine Stasi-Akte kennt er bis heute nicht.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Dr. phil. Francesca Weil
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