ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2006Katastrophenschutz in den USA: Die Spuren des 11. September

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Katastrophenschutz in den USA: Die Spuren des 11. September

Spielberg, Petra

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Bombenanschlag auf einen Linienbus: Polizei und Feuerwehr von Torrance, der viertgrößten Gemeinde von Los Angeles, bereiten sich auf den Ernstfall vor. Fotos: Petra Spielberg
Bombenanschlag auf einen Linienbus: Polizei und Feuerwehr von Torrance, der viertgrößten Gemeinde von Los Angeles, bereiten sich auf den Ernstfall vor. Fotos: Petra Spielberg
Die Metropole Los Angeles rüstet sich für etwaige Katastrophen. Doch der Kostendruck lastet schwer auf der notfallmedizinischen Versorgung.

Es ist ein Bild des Schreckens: Vom Bus selbst ist nicht viel mehr als ein Gerippe übrig. Mehrere Fahrgäste liegen blutüberströmt auf dem Asphalt. Andere hängen verletzt und apathisch in ihren Sitzen oder stehen um Hilfe rufend am Straßenrand.
Eine Bombe hat den Bus zerfetzt und die Insassen von einer Sekunde auf die nächste zu Opfern eines terroristischen Anschlags gemacht. Rettungskräfte mit Schutzanzügen und teilweise mit Atemschutzgeräten ausgestattete Feuerwehrleute sowie zahlreiche Polizisten sichern den Einsatzort weiträumig ab. Sie bemühen sich, die Schwerverletzten von den weniger traumatisierten Opfern zu trennen.
Nur wer ganz genau hinsieht, erkennt, dass das Blut nicht echt ist, sondern lediglich rote Farbe, und dass keiner der Beteiligten tatsächlich verletzt oder gar tot ist. Denn bei dem vermeintlichen Terroranschlag handelt es sich um eine Katastrophenschutzübung der Polizei und Feuerwehr der Stadt Torrance, der viertgrößten Gemeinde von Los Angeles.
Die für die notfallmedizinische Versorgung und den Katastrophenschutz Verantwortlichen in der 13 Millionen Einwohner umfassenden Metropole haben ihre Lehren aus den Attentaten vom 11. September 2001 gezogen, bei denen das islamistische Terrornetzwerk Al-Qaida Selbstmordanschläge mit vollbesetzten Passagierflugzeugen auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington verübt hatte. Seither finden ein-mal im Jahr in allen 88 Gemeinden von Los Angeles groß angelegte Katastrophenschutzübungen statt, um Rettungskräfte, Polizei und Feuerwehr in der Bewältigung terroristischer Großanschläge zu schulen. Flugzeugentführungen werden dabei ebenso simuliert wie Bomben- oder Giftgasattentate auf öffentliche Verkehrsmittel und Gebäude.
Das Besondere an der Notfallversorgung bei Großschadensereignissen in den USA ist, dass sich Polizei und Feuerwehr das Kommando teilen. Notärzte, die, wie in Europa, die medizinische Erstversorgung am Einsatzort übernehmen und koordinieren, gibt es in den USA nicht. Erste Hilfe vor Ort leisten stattdessen nicht ärztlich ausgebildete Rettungskräfte, so genannte Paramedics. Rund 3 100 von ihnen, in der Regel Angestellte der Gemeindefeuerwehren, gibt es zurzeit in Los Angeles. Zu ihren Aufgaben gehört auch, die Verletzten nach der Erstversorgung zum nächstgelegenen Krankenhaus zu begleiten. Den Transport dorthin übernehmen zumeist dann nicht die Feuerwehren, sondern private Anbieter. Somit erhalten die Patienten erst im Emergency Room des Krankenhauses Hilfe von speziell ausgebildeten Notfallmedizinern.
Harte Zeiten
Besorgt über die Unterfinanzierung der Notfallmedizin: Behördenleiterin Carol Meyer
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Dennoch gibt es aus Sicht der Leiterin der obersten Notfallmedizin- und Katastrophenschutzbehörde von Los Angeles, der Emergency Medical Services Agency (EMSA), Carol Meyer, keine Alternative zur gestuften Versorgung. Das EMSA, das dem Gesundheitsamt von Los Angeles unterstellt ist, ist unter anderem zuständig für die Ausbildungsrichtlinien und Qualitätssicherungsmaßnahmen im Rettungsdienst sowie für das Katastrophenmanagement der Stadt.
Meyer verweist auf den hohen Ausbildungsstand der Paramedics und die zumeist nur wenige Minuten dauernden Transporte ins Krankenhaus, um die Vorzüge des Systems zu preisen. Der eigentliche Grund aber, warum die EMSA-Direktorin so vehement am Paramadics-System festhält, ist ein anderer: In Los Angeles fehlt es zunehmend an ärztlichen Fachkräften, auch in der Notfallmedizin. „Außerdem wäre es viel zu teuer, unser System auf eine ambulante Notarztversorgung, wie sie in vielen europäischen Ländern üblich ist, umzustellen“, räumt Meyer ein.
Die chronische Unterfinanzierung bereitet ihr jedoch auch im Hinblick auf das bestehende System Sorgen. Zwar verfügt Los Angeles über 74 Krankenhäuser mit Notfallambulanzen, von denen 11 den Status einer Katastrophenschutzeinrichtung haben. Darüber hinaus stehen 13 Trauma- und drei Verbrennungszentren zur Verfügung sowie spezielle Einrichtungen für die Versorgung von schwer verletzten oder kranken Kindern. Dennoch kommt es zu Engpässen. Das liegt zum einen daran, dass die Krankenhäuser jährlich zwei Millionen Notfälle zu versorgen haben. „Wartezeiten von fünf bis acht Stunden sind an der Tagesordnung“, erklärt Meyer. Zum anderen haben allein in den letzten drei Jahren zehn Kliniken aus Kostengründen schließen müssen. Ursache hierfür ist vor allem, dass rund 30 Prozent aller Notfallpatienten in Los Angeles über keinen oder einen nur unzureichenden Versicherungsschutz verfügen, die öffentlichen Einrichtungen aber gezwungen sind, alle zu behandeln. Folglich haben immer weniger Ärzte Neigung, Dienst in den Notfallambulanzen zu tun. „Die Zeiten sind verdammt hart“, meint Meyer. 30 Jahre in der Notfallmedizin haben sie aber gelehrt, den Blick nach vorne zu richten. Petra Spielberg

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