ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2006Forschungsklonen: Stufenmodell bedarf ethischer Überprüfung
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LNSLNS Als Beitrag für eine gesellschaftliche Meinungsbildung versteht die ZEKO ihre Stellungnahme zu dem, was gewöhnlich irreführend als therapeutisches Klonen bezeichnet wird. Sehr zu begrüßen ist es, dass sie schon bei der Wortwahl beschönigende Konnotationen („Begriffspolitik“) vermeiden will. Sie empfiehlt deswegen den – leider etwas umständlichen – Ausdruck „Forschungsklonen mit dem Ziel therapeutischer Anwendungen“, um auszudrücken, es handle sich einstweilen nur um Forschung, und dass das Ziel der Anwendung noch weit entfernt sei. Dennoch verkennt die ZEKO nicht, dass mit dem Wort „Forschung“ auch die verfassungsrechtlich garantierte Forschungsfreiheit zumindest als unterstützendes Argument für das Unternehmen Forschungsklonen beansprucht wird – welcher Anspruch allerdings wegfällt, sobald jemals eine Therapie über das Versuchsstadium hinaus etabliert ist. Denn eine der Forschungsfreiheit analoge „Therapiefreiheit“ kennt unsere Verfassung nicht. Zur Erleichterung der Konsensbildung über den Umgang mit menschlichen Blastozysten verdeutlicht die ZEKO noch einmal die wichtige Unterscheidung des menschlichen Lebens (human life) von einem menschlichen Wesen (human being) und schlägt ein Stufenmodell mit abnehmender moralischer Problematik vor, in dem ein Klonen sozusagen deeskalierend „verortet“ werden könnte. Auch in Moral und Recht werde abgestuft, also Schlimmes schlimm und weniger Schlimmes weniger schlimm bestraft, zum Beispiel bei Mord, Totschlag und fahrlässiger Tötung. Dabei verkennt die ZEKO allerdings, dass die Abstufung solcher Strafdrohungen die Rechtswidrigkeit des Tötens nicht aufhebt, geschweige denn billigt. Das von der ZEKO vorgeschlagene Stufenmodell zielt aber gerade auf konsentierte Billigung und nicht etwa auf abgestufte Bestrafung. Nun geht die ZEKO von der Einsicht aus, keinesfalls „die fundamentalen Differenzen zum ontologischen, moralischen und rechtlichen Status des ungeborenen, insbesondere des frühesten menschlichen Lebens . . . auflösen zu können“. Aber wer diese Differenzen stehen lässt, darf dann nicht davor zurückschrecken, die Statusannahmen über menschliche Frühformen aufzudecken, die das von der ZEKO vorgeschlagene Stufenmodell jeweils stillschweigend voraussetzt. Die Handlungsweise oder die Grundannahmen der Akteure werden ethisch klar zu benennen sein: Sichhinwegsetzen über das Tötungsverbot oder die Unterstellung von stufenweisem Entstehen des Menschseins oder gar die Zuerkennung des Menschseins in Abhängigkeit von den verfolgten Zwecken. Wenn die ZEKO fordert, unsere plurale Gesellschaft müsse „sich immer wieder über ihre kulturellen Grundlagen verständigen“, dann bedarf ihr Stufenmodell aus diesen Gründen dringend weiter vertieften ethischen Nachdenkens. Vor solch konsequentem Nachdenken mag man sich scheuen. Es ist aber zwingend, um der Absicht der ZEKO zu entsprechen, „die Güterabwägung zwischen den moralisch problematischen Aspekten und dem möglichen Nutzen der Technologie transparenter zu machen“ – vorausgesetzt es ist damit die ethische Transparenz gemeint.
Prof. (em.) Dr. med. Hans-Bernhard Wuermeling, Institut für Rechtsmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg, Fichtestraße 5, 91054 Erlangen
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