ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2006Norwegen: Flucht nach Norden
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Foto: Caro
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Unzufriedene Ärztinnen und Ärzte machen zunehmend ernst und wandern aus.

Wenn sich was Besseres findet, bin ich weg.“ Ralf, Urologe an einem Krankenhaus in Süddeutschland, hat sich mit rund 50 Gleichgesinnten in den Nordischen Botschaften in Berlin versammelt. Der Helgeland Hospital Trust sucht Spezialisten für die drei von ihm verwalteten Krankenhäuser in Mo i Rana, Sandnessjøen und Mosjøen. Die drei Städtchen – Mo i Rana hat rund 17 000 Einwohner, Mosjøen knapp 10 000 und Sandnessjøen 7 000 – liegen in der Region Nordland, dem südlichen Teil Nord-Norwegens. Es gibt dort viel Landschaft und viel Ruhe, aber offenbar auch attraktive Arbeitsbedingungen für Fachärzte aus Deutschland. An ihnen mangelt es vor allem in den ländlichen Regionen Norwegens.
76 Bewerbungen seien auf eine Anzeige im Deutschen Ärzteblatt bei Eures Sandnessjøen eingegangen, einem Zweig der Europäischen Arbeitsagentur, sagt Elisabeth Bomo. Rund 40 Bewerberinnen und Bewerber habe man nach Berlin eingeladen, um sich über Leben und Arbeit in Norwegen zu informieren und erste Kontakte zu den potenziellen Arbeitgebern zu knüpfen, so die Arbeitsberaterin. Es gilt, 18 vakante Facharztstellen zu besetzen. Eine erfolgreiche Rekrutierungsaktion aus dem Vorjahr stimmt Bomo und ihren Kunden, den Helgeland Hospital Trust, optimistisch. „Deutschland ist für uns sehr interessant“, erklärt die Eures-Beraterin. „Die Fachärzte haben vergleichbare Qualifikationen und sind denselben technischen Standard gewöhnt. Außerdem tun sie sich leicht mit dem Erlernen der norwegischen Sprache und passen sich in der Regel ohne größere Probleme der norwegischen Kultur an.“
Als lebendiges Beispiel gelungener Integration haben die Veranstalter Katrin Katschinski eingeladen. Die aus Hannover stammende Internistin lebt seit sechs Jahren in Norwegen. „Ich habe mit Deutschland so weit abgeschlossen, dass ich im nächsten Jahr die norwegische Staatsbürgerschaft beantragen werde“, sagt sie. An ihrer Arbeit schätzt sie die flachen Hierarchien, die Zusammenarbeit im Team sowie die ruhigere Arbeit im Krankenhaus. „Wir haben mehr Zeit, die den Patienten zugute kommt.“ 38 Stunden arbeiten die Ärzte an Norwegens Kliniken in der Woche, Überstunden werden bezahlt, und alle fünf Jahre stehen den ärztlichen Mitarbeitern vier Monate bezahlter Fortbildung zu. Aber auch privat hat sich für Katschinski und ihren Mann der Wechsel nach Norwegen gelohnt. Die Naturliebhaber sind seit 2002 Besitzer eines Hofes in der Nähe von Mosjøen und Teilzeitbauern. „Unser Haus liegt auf einem großen Grundstück direkt am See. Ringsum ist nichts als Wald.“
Für Neu-Norweger ist es hilfreich, wenn man Einsamkeit, Weite und Natur liebt. Das ganze Land zählt nur rund 4,6 Millionen Einwohner, von denen eine halbe Million in Oslo leben. Von Mo i Rana, Sonesjøen und Mosjøen liegt die Hauptstadt rund 900 Kilometer entfernt. „Norwegens Charakteristika sind die beeindruckende Natur, der hohe Lebensstandard, das umfassende Sozialsystem und sichere Arbeitsplätze“, sagt Elisabeth Bomo im Hörsaal der Nordischen Botschaften in Berlin. Die Bewerber sind ernsthaft interessiert. Auf die Frage, was ihn forttreibt, antwortet Thomas: „Es ist nicht der Verdienst.“ Der Urologe betreibt zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls Urologin ist, eine Gemeinschaftspraxis in einer norddeutschen Kleinstadt. Arbeitsaufwand, Bürokratie, die Anspruchshaltung der Patienten und die fehlende gesellschaftliche Wertschätzung finden beide zunehmend unerträglich. „Die politischen Ankündigungen sind auch alles andere als positiv“, sagt seine Frau Ines. Sie befürchtet, dass die fachärztliche Versorgung mehr und mehr an die Krankenhäuser verlagert wird, sowie eine Abschaffung der privaten Kran­ken­ver­siche­rung – mit allen negativen wirtschaftlichen Folgen für ihre Praxis. „Wir brauchen eine langfristige Perspektive“, erklärt Ines.
„Ich will und kann arbeiten, wenn man mich lässt“, sagt auch Juri, niedergelassener Internist. „Ich muss mich um 1 000 Dinge kümmern, die
mit medizinischer Behandlung nichts zu tun haben. Außerdem fehlt die Zeit für die Familie.“ Im Krankenhaus werde man als junger Arzt nur ausgebeutet. Mittlerweile biete auch die eigene Praxis keine Alternative mehr. Zeitdruck und zu knappe finanzielle Mittel verleideten den Ärzten die Freude am Beruf.
Inzwischen haben bereits zehn Ärzte der Berliner „recruitment fair“ mit ihren Familien das Krankenhaus in Mosjøen und Umgebung besucht, um sich ein Bild vor Ort zu machen und eine endgültige Entscheidung über ihre weitere berufliche Zukunft treffen zu können. Ein Dermatologe und ein Neurologe aus Deutschland haben ihre Verträge bereits unterschrieben. In Mo i Rana hat die Besucherrunde in dieser Woche angefangen.
Heike Korzilius


Informationen über das Arbeiten im Ausland:
Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, ManagementAgentur Europa, Medizin und
Gesundheit, Villemombler Straße 76, 53123 Bonn,
Telefon: 02 28/7 13-10 14, 14 66, 13 42, Fax: 7 13-2 70 15 04,
E-Mail: bonnzav.med@arbeitsagentur.de, www.arbeitsagentur.de
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