ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2006Patientensicherheit: Eine erste Bilanz

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Patientensicherheit: Eine erste Bilanz

Merten, Martina

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LNSLNS Ärzte sollen das Verhalten in Risikosituationen trainieren.

Daten über ärztliche Behandlungsfehler können für Verunsicherung sorgen. Schnell tragen begriffliche Ungenauigkeiten und die mit der Thematik verbundene Unsicherheit vieler Akteure dazu bei, Statistiken überzubewerten oder zu dramatisieren (siehe DÄ, Heft 15/2005). „Ein Versuch der Quantifizierung ist in der Medizin immer schwierig“, betont Dr. med. Günter Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin. Wichtiger sei vielmehr, Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, die helfen, Fehler zu vermeiden. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V., dessen stellvertretender Vorsitzender Jonitz ist, arbeitet daran, solche Empfehlungen in den medizinischen Alltag einzuführen. Es hat vor kurzem die ersten Arbeitsergebnisse in einer „Agenda Patientensicherheit 2006“ in Berlin vorgestellt.
Die 1-Jahres-Bilanz des 2005 gegründeten Bündnisses aus Vertretern der Bundes­ärzte­kammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, diverser medizinischer Fachgesellschaften, Patientenverbänden und den Spitzenverbänden der Krankenkassen konnte sich sehen lassen: So arbeitet eine Gruppe unter Beteiligung von Experten daran, die Behandlungsfehlerregister zur Fehlerprävention zu nutzen. Bis zum Sommer ist geplant, eine Übersicht über die in Deutschland verfügbaren Register zu erstellen. „Darunter befinden sich zum Beispiel Register der Krankenkassen, von Unternehmen der Versicherungswirtschaft oder von rechtsmedizinischen Instituten“, erklärte Dr. med. Jörg Lauterberg vom AOK-Bundesverband, der in der Arbeitsgruppe mitwirkt. Als hilfreich könnten sich zudem die Daten erweisen, die über die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern gesammelt werden. Bei der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern in Hannover hat man bereits ein gemeinsames Raster der Datensätze erstellt. Es wird zurzeit ausgewertet.
Andere Arbeitsgrupppen beschäftigen sich damit, Strategien zur Vermeidung von Medikationsfehlern zu entwickeln und Empfehlungen für den Aufbau eines Fehlermeldesystems im Krankenhaus zu erarbeiten. Weit fortgeschritten ist auch der Plan, Trainingszentren für Ärzte aufzubauen, in denen sie Verhaltensstrategien in kritischen Risikosituationen erlernen können. „Das erste Zentrum wird voraussichtlich an die Universität Witten-Herdecke angegliedert sein“, erläutert Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Dekan der dortigen Universität und Vorsitzender des Aktionsbündnisses. Finanziert wird es von Geldern einer Krankenkasse. Wird das Projekt von Ärzten nachgefragt, sollen weitere Zentren entstehen.
Deutsche Fehlerstudie wahrscheinlich überflüssig
Ganz ohne Angaben darüber, wie häufig Fehler, Beinahefehler, unerwünschte Ereignisse und vermeidbare Ereignisse in der Medizin vorkommen, wollte das Aktionsbündnis seine Arbeit jedoch nicht beginnen. Zumal auch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, das die Arbeit des Aktionsbündnisses mit 400 000 Euro über drei Jahre finanziert, Interesse an einer solchen Untersuchung hatte. Deshalb werteten die Mitglieder zunächst 151 internationale Studien zur Fehlerhäufigkeit aus, darunter sieben Studien aus Deutschland. Die meisten Analysen wurden in stationären Einrichtungen durchgeführt, der Schwerpunkt lag auf der Inneren Medizin. Das Ergebnis: Zwischen 2,7 und 8,5 Prozent aller stationär behandelten Patienten erlitten medizinische Schäden infolge von Behandlungsfehlern, Häufigkeitsunterschiede zwischen den Ländern gab es keine. Formell entscheidet das Aktionsbündnis zwar erst Ende des Jahres, ob eine eigene, deutsche Fehlerstudie notwendig ist. „Da unser Gesundheitswesen jedoch nicht exorbitant anders ist als andere, gehen wir davon aus, dass das vorhandene Wissen zur Fehlerprävention ausreicht“, so Jonitz gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Martina Merten
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