ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2006V. von Weizsäcker: Besonnener Forscher
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Von Weizsäcker erkennt „. . . die Lenkung der seelischen Beziehungen zwischen Arzt und Patient als hochwichtig . . .“. Foto: picture-alliance/akg
Von Weizsäcker erkennt „. . . die Lenkung der seelischen Beziehungen zwischen Arzt und Patient als hochwichtig . . .“. Foto: picture-alliance/akg
Es dürfte lange her sein, dass der Neurologe Viktor von Weizsäcker (1886–1957), „Arzt und Denker gegen den Strom“, als „Vater der Psychosomatischen Medizin“ so ausführlich im DÄ besprochen wurde. Dafür gebührt S. O. Hoffmann Respekt und Dank. Er hebt mit Recht hervor, dass Weizsäcker nicht die Einführung eines Spezialfachs „Psychosomatik“ im Auge hatte, sondern eine Reform der Medizin, die sich der Anwendung biografisch-psychoanalytischer Methoden auch bei organischen Erkrankungen nicht verschließt . . . Bei aller Kühnheit des Denkens war Weizsäcker ein besonnener Forscher, der Selbstzweifel nicht abwehren musste. Hoffmann betont die Zweifel und glättet die Kühnheiten, sodass Weizsäcker domestizierter erscheint als er ist. Hoffmann erwähnt lobend den „klaren Blick“ und die Einsicht Weizsäckers, nicht alle Krankheiten psychologisch erklären zu können: „Auch eine Angina bleibt eine Angina.“ Unterschlagen wird hier, dass Weizsäcker eine seiner kühnsten und gleichzeitig akribischsten Abhandlungen über das Auftreten einer Angina in einer psychischen Krise, ergänzt durch neun Kurzfälle, verfasst hat („Körpergeschehen und Neurose. Analytische Studie über somatische Symptombildungen“, 1933 in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, 1947 als Monographie erschienen, Gesammelte Schriften Band 6) und damit gerade nicht nur neurotisches, sondern leiblich-organisches Geschehen minutiös psychologisch erhellt. Gerade diese Abhandlung ist keineswegs „abgetan“, sie könnte im Gegenteil, wenn sie dereinst verstanden wird, einen entscheidenden Baustein für eine Theorie der gesamten Medizin liefern. Nachdem er Weizsäckers Schriften als „Fundgrube“ für ein anderes Medizinverständnis preist, hebt Hoffmann – wiederum einseitig – ein Aperçu Weizsäckers hervor, als ob „der Patient mit seinem ungebrochenen Reparaturanspruch . . . zutiefst eine solche Medizin nicht will“. Alle ärztliche Erfahrung, die sich an Weizsäcker orientiert, spricht dagegen. Weizsäcker hat sich für die Beschwerden, subjektiven Empfindungen, die Körperklagen der Patienten interessiert (Schmerzen, Schwindel, Schwäche, Übelkeit) und deren Doppelsinn verstanden: Schmerz meint auch seelisches Leiden, Müdigkeit auch Resignation. Auch anhand der körperlichen Befunde wusste er Neues über die Eigenart der Patienten zu erfahren. Dieser ärztliche Umgang, aus dem sich emotionale und biografische Mitteilungen von selbst ergeben, ist in der heutigen Psychosomatik verkümmert. Hier könnte die Psychosomatik – und jedes Fach der Medizin – Umwerfendes von Weizsäcker lernen . . .
Dr. med. Mechthilde Kütemeyer, Trakehnerstraße 18, 50735 Köln
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