ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2006Keiner stirbt für sich allein
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Sterbehilfe
Würdevolle Lebensumstände
Oliver Tolmein: Keiner stirbt für sich allein. Sterbehilfe, Pflegenotstand und das Recht auf Selbstbestimmung. C. Bertelsmann, München, 2006, 256 Seiten, broschiert, 14,95 €
Eine 90-jährige Patientin, die nach einem Herzstillstand im Altenheim reanimiert wird, ein Koma-Patient, dessen Angehörige die künstliche Ernährung abbrechen wollen, ein HIV-Patient, der im Hospiz wieder auflebt, eine ALS-Patientin, die um ihren Tod kämpft . . . Die Liste an Beispielen von Patientengeschichten, die Oliver Tolmein in seinem Buch erzählt, ist lang.
Dass es eigentlich um Themen rund um das Sterben geht, macht das Buch dennoch nicht zu einer trockenen Abhandlung: Spannend erzählt, an Beispielen erläutert und durch Fachwissen ergänzt, ermöglicht der Autor dem Leser einen tiefen und sehr breit gefächerten Blick in die aktuelle Diskussion um Sterbehilfe, Patientenverfügung und Selbstbestimmungsrechte: Was soll in einer Patientenverfügung stehen? Kann die künstliche Ernährung im Heim abgebrochen werden, um so den Tod des Heimbewohners auf Wunsch der Angehörigen herbeizuführen? Hat der Patient ein Recht auf die Behandlung seiner Schmerzen? Warum muss ein Hospizpatient das Hospiz wieder verlassen, wenn er dort neu auflebt und daher nicht nach der erwarteten Zeit stirbt? Darf der Mensch selbst über das Ende seines Lebens entscheiden?
Die Hintergründe dieser komplexen Fragen erläutert der Autor umfassend, indem er auf die unzureichende Schmerztherapie, die Versorgungslage in Alten- und Pflegeheimen, die noch zu geringe palliative Versorgung von Patienten, das Selbstbestimmungsrecht des Patienten et cetera eingeht. Dabei informiert er den Leser auch über Einflüsse der Kostendämpfung und die Rechtslage zum Beispiel von Patientenverfügungen vor allem in Deutschland, aber auch in der EU und den USA.
Nach Tolmein geht es in der Diskussion um viel mehr als nur um das schnelle Sterben. Ein würdevoller Tod ist nur möglich, wenn auch die Lebensverhältnisse am Lebensende würdevoll sind. Entsolidarisierungstendenzen durch Sterbehilfe und Ähnlichem warnt er vorzubeugen. Denn letztendlich geht es bei allem um das eine: um das „Selbstbestimmungsrecht des Patienten“, das unter unwürdevollen Lebensumständen „nicht viel mehr als eine schöne Floskel“ ist.
Wiebke Paulsen
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