ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2006Medizingeschichte(n): Sozialmedizin – Arbeit als Krankheitsursache

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Medizingeschichte(n): Sozialmedizin – Arbeit als Krankheitsursache

Dtsch Arztebl 2006; 103(19): A-1300 / B-1105 / C-1065

Schott, H.

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LNSLNS Zitat: „Einer besonderen Erörterung bedarf die Arbeit in geschlossenen Räumen und bei gebückter Körperhaltung. In ungenügend ventilierten Räumen ist die Luft durch Staub, Bakterien und Riechstoffe verunreinigt, ärmer an Sauerstoff, reicher an Kohlensäure, eventuell an Verbrennungsgasen. Die Atemzüge verflachen hierdurch, die Lunge wird nicht mehr genügend ausgedehnt, die Blutzirkulation und Regeneration ist unzulänglich. Unter diesen Mißständen leiden in besonders hohem Grade die jugendlichen Individuen, seien es nun gewerbliche oder kaufmännische Lehrlinge oder die Schüler unserer Mittelschulen, deren mangelhafte körperliche Entwicklung, geringer Brustumfang und fahle Gesichtsfarbe am besten diese verhängnisvollen Einwirkungen zeigen. [...]
Andererseits ist in geschlossenen Räumen [...] die Möglichkeit einer Infektion ganz wesentlich gesteigert; denn die Benützung gleicher Arbeitsgeräte, die nahe Berührung der Individuen, vor allem die tröpfchenförmige Verstäubung beim Sprechen, Husten und Niesen begünstigen in hohem Grade die Verschleppung infektiösen Materials – zumal wenn durch die Feuchtigkeit und mangelhafte Sonnenbelichtung für die krankmachenden Keime günstige Lebens- und Fortpflanzungsbedingungen geschaffen sind, oder wenn mit dem aufgewirbelten Staube die Keime stundenlang in der Luft dahinschweben (Pneumonie, Influenza, Angina, infektiöse Katarrhe usw.). [...] Als typischer Erkrankung der „geschlossenen Räume“ begegnen wir der Lungentuberkulose [1]; Körösi in Budapest fand unter 1 000 Schwindsüchtigen 436 Todesfälle nach dauernder Beschäftigung in geschlossenen Räumen gegenüber 322 nach Arbeit im Freien. [2]“

Franz Koelsch: Arbeit bezw. Beruf in ihrem Einfluss auf Krankheit und Sterblichkeit. In: Krankheit und soziale Lage. Herausgegeben von M. Mosse und G. Tugendreich. München: Lehmann 1913, Seite 163 f. –
Der Arbeitsmediziner Koelsch (1876–1970) wurde 1909 zum ersten Landesgewerbearzt Deutschlands ernannt und übte dieses Amt bis 1952 aus. 1919 habilitierte er sich für Gewerbehygiene an der Universität München und gründete dort 1921 das Institut für Arbeitsmedizin. – [1] Lungenerkrankungen, insbesondere die Tuberkulose, standen im ausgehenden 19. Jahrhundert an der Spitze der Todesursachen. [2] Wahrscheinlich Anspielung auf József Körösi: Die Sterblichkeit der Stadt Budapest in den Jahren 1876 bis 1881, und deren Ursachen. Berlin: Puttkammer und Mühlbrecht 1885.

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