ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2006Zukunft der Internate: Heile Welt hinter Mauern gesucht

VARIA: Bildung und Erziehung

Zukunft der Internate: Heile Welt hinter Mauern gesucht

Dtsch Arztebl 2006; 103(19): A-1317 / B-1121

Bühring, Petra

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LNSLNS Eine Studie der Universität Bonn gibt Aufschluss darüber, wie Internate
im Wettbewerb der Schulformen bestehen können.

Eigentlich sollten Internate vom Trend zur Ganztagsschule profitieren. Doch dem entgegen stehen die seit Jahren sinkenden Schülerzahlen. Wissenschaftler am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Bonn haben nun untersucht, auf welche Wünsche Internate sich einstellen müssen, um erfolgreich zu sein. Ein Ergebnis: Eltern suchen eine heile Welt hinter Mauern. In Deutschland gelten Internate oft als ein letzter Ausweg, mit dem die Eltern ihren lernschwachen oder aufmüpfigen Kindern drohen können. „In England darf man aufs Internat“, erklärt der Leiter der Studie, Prof. Dr. Volker Ladenthin, „in Deutschland muss man.“
Ladenthin hat zusammen mit den Psychologen Dr. Herbert Fitzek und Michael Ley unter anderem untersucht, welche Erwartungen Eltern an kirchliche Internate richten. Denn auch diese haben mit Schülerschwund zu kämpfen, obwohl sich konfessionelle Schulen sonst wachsender Beliebtheit erfreuen. Am Image allein kann es nicht liegen: Bei einer Umfrage unter 66 Eltern, die ihre Kinder auf ein staatliches Gymnasium geschickt hatten, schnitt die Regelschule zwar besser ab und kam bei der globalen Attraktivität auf 67 von 100 Punkten. Das Internat erreichte aber immerhin noch 58 Punkte auf der Attraktivitätsskala. Unter 81 befragten „Internats-Eltern“ fiel das Ergebnis mit 83 : 49 sogar eindeutig zugunsten des Internats aus.
In zahlreichen Einzelgesprächen hätten die befragten Eltern die Angst geäußert, ihre Kinder an das Internat zu verlieren, berichtet Ladenthin. „Dazu kam die Sorge, gegenüber ihren Kindern und ihrer Umgebung als inkompetent dazustehen.“ Wenn ein Internat also mit dem Slogan werbe: „Wenn Sie mit Ihren Kindern nicht fertig werden, kommen Sie zu uns!“, dann habe es schon verloren.
Viele Eltern wünschen sich, dass sich Verhalten oder Leistung ihrer Kinder bei einem Internatsbesuch verbessert. Paradoxerweise haben sie aber gleichzeitig Angst, ihre Kinder könnten sich verändern. „Dieser Entfremdungsaspekt ist ein ganz zentraler“, sagt Ladenthin. „Die Eltern wollen, dass nicht der Mensch ins Internat geht, sondern nur der Schüler.“ Die Kinder sollen nicht dieselbe Beziehung zu ihren Erziehern aufbauen wie zu ihren Eltern – ein Wunsch, der im krassen Gegensatz zum Selbstbild der Erzieher stehen kann, die sich mitunter tatsächlich als Ersatzeltern sehen.
Ein zweiter wichtiger Aspekt, der in den Befragungen immer wieder auftauchte: Eltern von Internatskindern suchen nach einer „heilen Welt“, die ihre Kinder zu besseren Menschen macht. Dazu passt, dass die Befragten mit dem Wort „Internat“ am häufigsten ein Schloss assoziierten. Besonders konfessionellen Internaten billigen viele Eltern hohe Kompetenz zu: Religiöse Lehrer gelten als besonders verantwortungsbewusst.
Wenn sich die Internate in ihrem pädagogischen Konzept, aber auch ihrer Außendarstellung auf die Erwartungen ihrer Klientel einstellten, haben sie ihren Platz im Wettbewerb der Schulformen, so das Resümee der Autoren der Studie.
Die knapp 300 Seiten umfassende Studie „Das Internat. Aufgaben, Erwartungen und Evaluationskriterien“ ist zum Preis von 25 Euro zuzüglich Versand erhältlich im Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bonn, Am Hof 3–5, 53113 Bonn, Telefon: 02 28/73 59 77,
E-Mail: v.ladenthin@uni-bonn.de. PB
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