ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2006Krankenhäuser im Wandel: Woher der Wind weht – ein Gesprächsprotokoll

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Krankenhäuser im Wandel: Woher der Wind weht – ein Gesprächsprotokoll

Menn, Henriette

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
März 2006. Schauplatz:
eine Klinik in Landesträgerschaft. In Kürze wird die Klinik von der kommunalen Gesundheits-GmbH geführt. Telefonische Terminvergabe in Outlook: Der neue Geschäftsführer Z. will nacheinander mit allen Oberärzten sprechen. Es ist 10:55 Uhr. Ein Auto hält im Parkverbot direkt vor dem Klinikeingang. 120 Kilogramm steigen aus. Dunkler Anzug. Mittelalt. Selbstbewusst. Ich gehe die Teppichetage entlang. Gespannte Erwartung. Ich bin vorbereitet. Mein Lebenslauf ist lückenlos: bestes Abitur, Einserexamen, 38 Jahre alt, Oberärztin, promoviert. Seit 14 Jahren im Beruf. Bestes Verhältnis in der Abteilung. Netter Chef. Motivierte Assistenzärzte. Die Arbeit macht Spaß. Das Leben ist schön.
Die Tür geht auf: Herr Z.
Er grinst. Demonstriert Stärke. Neben ihm die (Noch-) Verwaltungsleiterin. Keine Spur von Rückstufung. Wir nehmen Platz. „Sie setzen sich bitte zwischen uns.“ Es gibt Kaffee und Tee. „Gesundheitstee – haha, wie passend.“ „Ja, bitte. Legen Sie los.“
Ich beginne mit Angaben zu meiner Person. Und wie ich meinen Beruf verstehe. Gelangweilte Blicke. „So, also wenn es nach Ihnen geht, müsste jeder von klein auf neurologisch behandelt werden!“ – Herr Z. ist aufgewacht. Und weiter: „Für mich gehören Neurologie und Psychiatrie zusammen.“ Ich weiche aus. Unverbindlich bleiben. Die Arztsituation im Hause? Wir haben zurzeit gute und motivierte Assistenzärzte. Mein Anteil daran ist nicht gering. Ich bin stolz. Langfristige Personalbindung ist wichtig in Zeiten von Ärztemangel. Ärztemangel ist das Stichwort für Herrn Z.: „Kein Wunder, dass die Ärzte unzufrieden sind. Die brauchen ja nur Radio zu hören. Der Marburger Bund, der redet doch alles schlecht. Macht den Ärzten alles madig.“ Er verdreht die Augen. „Sind Sie im Marburger Bund?“ Keine Antwort. „1 600 Euro monatlich für einen Assistenzarzt sind doch genug. Viele Angestellte verdienen weniger und können ihre Familien auch ernähren.“ Zustimmendes Nicken der (Noch-)Verwaltungsleiterin. Neuer Anlauf. Meine Frage nach Entwicklungsmöglichkeiten im Klinikkonzern. Ich sei flexibel. „Jaja. Ein Reha-Bereich ist in Planung. Eventuell auch die Übernahme eines medizinischen Versorgungszentrums.“ Aber: „Angestellte Ärzte leisten einfach nicht dasselbe wie niedergelassene Ärzte. Der Arzt an sich fängt erst an, wirtschaftlich zu denken, wenn er eine eigene Praxis hat!“ Zustimmung der (Noch-)Verwaltungsleiterin. Selbstgefälligkeit. Zufriedenes Schweigen.
Themenwechsel. Der neue Schichtdienst. Herr Z.: „Ich spare mit dem neuen System im Monat 25 000 Euro. Das hat Ihnen der Marburger Bund eingebrockt.“ Überlegener Blick. „Aber das Geld behalte ich nicht. Ich lasse die Dienste besser bezahlen. 50 Euro brutto pro Nacht.“ Allgemeine Anerkennung. Großherzigkeit. Und dann: „Und meinen Sie, auch nur ein Arzt hat sich dafür bei mir bedankt?!“ Demonstrative Empörung der (Noch-)Verwaltungsleiterin. Eigentlich habe ich genug gehört. Ich frage trotzdem: „Und was wird aus den Nebentätigkeiten?“ Konsildienst im Allgemeinkrankenhaus. Gehört jetzt zum Konzern. Ich nenne meinen Verdienst dafür. „So viel?! Das wird natürlich intern verrechnet.“
Ich denke an den letzten Konsildienst. Lyse bei Schlaganfall. Zwei Uhr morgens. Meine Tochter weint. Alles muss schnell gehen. Privates Risiko. 3:30 Uhr bin ich zurück. Schlafe nicht mehr ein. Macht dann 50 Euro netto. Ich sage nichts. Der nächste Oberarzt steht vor der Tür. Ich erhebe mich. Wünsche Erfolg für die kommenden Gespräche. Draußen ist mir nach Cognac. Die Patienten warten.
Deutschland 2006. Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Arztes . . .“ Vielleicht ist es anderswo noch nicht zu spät.
Dr. med. Henriette Menn
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