ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2006Heroingestützte Behandlung: Weg von der Straße

POLITIK

Heroingestützte Behandlung: Weg von der Straße

PP 5, Ausgabe Mai 2006, Seite 205

Bühring, Petra

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Eine Spritze mit Diamorphin wird aufgezogen. Foto: picture-alliance
Eine Spritze mit Diamorphin wird aufgezogen. Foto: picture-alliance
Das Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung bei Schwerstsuchtkranken zeigt positive Ergebnisse. Unklar ist noch die Aufnahme in die Regelversorgung.

Der Staat als „Dealer“ oder „den Junkies den Kick finanzieren“ – solche Argumente gegen die heroingestützte Behandlung Schwerstdrogenabhängiger sind leicht zu entkräften. Opiatabhängigkeit ist eine chronische Erkrankung; viele Schwerstsuchtkranke sind nicht in der Lage aufzuhören, auch wenn Abstinenz der gewünschte Therapieeffekt ist. 120 000 bis 150 000 Drogenabhängige, hauptsächlich Heroinsüchtige, leben nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in Deutschland. Schätzungsweise 60 Prozent der Heroinabhängigen befinden sich in Substitutionsbehandlung, meist in Methadon-Programmen, wovon zehn bis 20 Prozent nicht ausreichend profitieren, dass heißt, sie konsumieren trotzdem illegale Drogen. 40 000 bis 50 000 Drogenabhängige werden gar nicht erreicht, obwohl sie dringend behandlungsbedürftig sind. Beschaffungskriminalität, die körperlichen Begleiterkrankungen der Sucht und Prostitution belasten auch die Gesellschaft.
Größte multizentrische Studie
Gründe genug für das BMG, im Jahr 2001 ein Modellprojekt aufzulegen, um zu prüfen, ob mit der Verordnung von pharmakologisch reinem Heroin (Diamorphinacethyl) bei Abhängigen eine gesundheitliche Stabilisierung sowie eine Verringerung des Konsums illegaler Drogen erreicht werden kann. Durchgeführt und finanziert wurde die „Heroinstudie“, die Ende März auf einem Internationalen Symposium in Köln vorgestellt wurde, zusammen mit den Ländern Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sowie den Städten Bonn, Frankfurt/Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München. An der bisher größten randomisierten multizentrischen Studie nahmen 1 032 Drogenabhängige teil, die in hoch gesicherten Drogenambulanzen in den sieben Städten über zwei Jahre jeweils zur Hälfte mit dem Medikament Diamorphin oder mit Methadon behandelt wurden. Die Teilnehmer der Studie mussten mindestens fünf Jahre süchtig sein, von Methadon nicht profitiert haben oder bisher vom Hilfesystem nicht erreicht worden sein. Umfangreiche ärztliche Behandlung, psychosoziale Betreuung und Case-Management gehören zum Programm. Die mit Heroin Behandelten mussten zwei- bis dreimal am Tag für die Injektion in die Drogenambulanz kommen.
Die Ergebnisse sprechen für Heroin: Die Patienten im Heroin-Arm der Studie zeigten schon nach kurzer Zeit einen deutlich verbesserten Gesundheitszustand und konsumierten weniger zusätzliche illegale Drogen als die Patienten mit Methadonsubstitution. Fast doppelt so viele Heroinbehandelte hatten nach zwei Jahren wieder Arbeit oder gingen einer Beschäftigung nach. Allerdings stellt Heroin vor allem wegen der intravenösen Anwendung ein etwas höheres Sicherheitsrisiko dar: Atemdepressionen und zerebrale Krampfanfälle treten häufiger auf.
Kosten-Nutzen-Analysen, die das Modellprojekt begleiteten, wiesen höhere Kosten für den Heroin-Arm nach: 18 060 Euro pro Patient und Jahr im Vergleich zu 6 147 Euro bei Methadon. Intensivere ärztliche Betreuung, höhere Anforderungen an Laboruntersuchungen und das teurere Diamorphin bedingen dies. Dem gegenüber stehen die geringeren Kosten, die die Gesellschaft wegen Beschaffungskriminalität eines Heroingestützten aufwenden muss: 12 164 Euro im Vergleich zu 19 318 Euro für Methadonsubstituierte, bei denen die Tendenz zu Beikonsum und Behandlungsabbruch größer ist.
Der Arzneimittelhersteller, dessen Name noch nicht bekannt gegeben wird, hat die Zulassung von Diamorphin beantragt. Ob die heroingestützte Behandlung in die Regelversorgung aufgenommen wird, ist zurzeit noch unklar. Ärzte und Patienten in den Drogenambulanzen und die Kommunen warten auf eine Entscheidung, denn die Kosten laufen weiter. Das BMG hat einen Gesetzentwurf für die notwendigen Gesetzesänderungen vorbereitet. Ist die Zulassung erfolgt, wollen die gesetzlichen Krankenkassen prüfen, ob sie die medizinische Behandlung finanzieren. Unklar ist die Finanzierung der psychosozialen Unterstützung, die bei Methadon von den Kommunen getragen wird. Die Bundes­ärzte­kammer, die das Modellprojekt unterstützt, wird die Behandlungsleitlinien schaffen. Dr. rer. medic. Wilfried Kunstmann von der BÄK hofft, Ende des Jahres mehr zu wissen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich nur um ein Element in der Drogenbehandlung handelt – für geschätzte 1 500 Schwerstsuchtkranke. Heroingestützte Behandlung ist immer Therapie der dritten Wahl, nach Abstinenz und Methadonsubstitution. Vielleicht können ethische Gesichtspunkte die Politiker überzeugen: Viele Junkies kämen endlich weg von der Straße. Petra Bühring
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