ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2006Hausarztvertrag: Erfolge nicht klar messbar

POLITIK

Hausarztvertrag: Erfolge nicht klar messbar

PP 5, Ausgabe Mai 2006, Seite 208

Rabbata, Samir

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LNSLNS Der Integrationsvertrag der Barmer wird ein Jahr alt.
Bislang ist offen, ob mithilfe des Hausarzt- und Hausapothekervertrages der Barmer tatsächlich Geld gespart werden kann. Als Erfolgsgeschichte bezeichneten die Vertragspartner das Modell ein Jahr nach seinem Start dennoch. Selbst die optimistischsten Prognosen seien übertroffen worden, zog Barmer-Vorstandsmitglied Klaus Richter eine erste Zwischenbilanz. Inzwischen hätten sich rund 1,5 Millionen Versicherte in den Vertrag eingeschrieben. Zudem seien mittlerweile fast 38 000 Hausärzte sowie 18 000 Apotheker beteiligt.
Die Zahlen überraschen nicht. Denn finanziell lohnt es sich für Versicherte, dem Vertrag beizutreten. Sie können bis zu 30 Euro Praxisgebühr im Jahr sparen, mit einem beitragsfrei mitversicherten Ehepartner bis zu 60 Euro.
Doch um Boni in dieser Größenordnung zu finanzieren, ist die Barmer auf Einsparungen angewiesen. Die Kasse hofft, dass sie mithilfe des Vertrages im laufenden Jahr rund 40 Millionen Euro weniger für Arzneimittel ausgeben wird. Allerdings lässt sich bisher kein Einspareffekt nachweisen. „Für valide Messungen zu der Vertragswirksamkeit bei den Arzneimitteln ist es noch zu früh“, sagte Richter. Kausalzusammenhänge zwischen Einschreibung und Einsparung könnten daher noch nicht dargelegt werden.
Hausärzte profitieren
Messbar hingegen ist der finanzielle Nutzen des Vertrages für die beteiligten Hausärzte. Pro eingeschriebenen Patienten zahlt die Barmer 15 Euro und eine Betreuungspauschale von 20 Euro pro Jahr. Der jährlich vorgesehene Präventions-Check-up wird mit 35 Euro honoriert, die Einschreibung in ein Chronikerprogramm mit fünf Euro. Das summiert sich: Die Honorare der beteiligten Ärzte sind nach Angaben des Deutschen Hausärzteverbandes allein im vergangenen Jahr um mehr als 50 Millionen Euro gestiegen. Davon kam immerhin die Hälfte aus dem Krankenhausbudget. Die andere Hälfte floss aus dem Honorartopf der ambulanten Versorgung.
„Unsere Zielsetzung ist in allen Bereichen übertroffen worden“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Rainer Kötzle. Er sieht vor allem die Patientenversorgung verbessert. So nehme fast die Hälfte der Versicherten Vorsorge- und Präventionsuntersuchungen in Anspruch. In 64 Prozent der Behandlungsfälle hätten Hausärzte mit teilnehmenden Patienten über Dauermedikationen gesprochen, bei knapp der Hälfte sei die Medikation geändert worden.
Umstrittenes Urteil
Getrübt wird die Freude jedoch durch ein erstinstanzliches Urteil des Sozialgerichts Gotha. Das Gericht vertrat die Auffassung, dass der Barmer-Vertrag die gesetzlichen Voraussetzungen einer Integrierten Versorgung nach § 140 SGB V nicht erfüllt. Es verurteilte die Barmer zur Rückzahlung von 400 000 Euro an die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen. Diese Summe behielt die Kasse aus der Gesamtvergütung der Thüringer Vertragsärzte ein, um damit den Integrationsvertrag mit Hausärzten und Apothekern zu finanzieren. (DÄ, Heft 12/2006)
Das Urteil werde einer Überprüfung nicht standhalten, kommentierte Kötzle den Richterspruch. „Die Vertragsteilnehmer sehen der weiteren Auseinandersetzung gelassen entgegen.“ Der Hausarzt sieht in dem Modell vielmehr die Möglichkeit, die laufenden Verhandlungen für eine Gesundheitsreform zu befruchten. Der Vertrag habe eindrucksvoll bewiesen, dass die Versicherten diesem Konzept folgen. „Dieser Weg lässt sich nicht aufhalten, und wir brauchen den Mut der Politiker dafür, diese Tür weiter zu öffnen“, forderte Kötzle. Samir Rabbata
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