ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2006Lebenswelten von Psychotherapeuten: „Sanfte“ Karrieren bevorzugt

WISSENSCHAFT

Lebenswelten von Psychotherapeuten: „Sanfte“ Karrieren bevorzugt

PP 5, Ausgabe Mai 2006, Seite 220

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Psychotherapeuten haben meist eine Lebensgestaltung,
die Arbeit und Privatleben integriert.
Das ergab eine Studie zu den Berufsverläufen.

Zunehmend mehr Männer gleichen sich in ihrer beruflichen und privaten Lebensgestaltung den Frauen an – sofern sie Psychologie studiert haben und als Psychologe oder Psychotherapeut tätig sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die von einem Psychologenteam der Freien Universität Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Ernst-H. Hoff durchgeführt wurde. An der Studie nahmen 398 weibliche und 187 männliche Mitglieder des Berufsverbandes Deutscher Psychologen e.V. (BDP ) sowie 177 Ärztinnen und 174 Ärzte teil. Anhand von schriftlichen Befragungen und Interviews untersuchten die Wissenschaftler, wie sich die Berufsverläufe der Befragten entwickelten und welche Vorstellungen sie von ihrer privaten und beruflichen Lebensgestaltung hatten. Sie ermittelten acht verschiedene Berufsverlaufsmuster:
- Muster eins: kontinuierlicher Aufstieg. Der kontinuierliche Aufstieg kann in der Psychologie nicht so einfach wie in der Medizin an Titeln abgelesen werden, und es gibt dafür nicht den vergleichsweise homogenen Kontext der Institution des Krankenhauses. Die Wissenschaftler behalfen sich, indem sie Befragungsteilnehmer den höchsten Positionen zuteilten, wenn diese Weisungsbefugnis über zehn und mehr Mitarbeiter hatten und/ oder Hochschulprofessoren oder Unternehmensinhaber waren. Einer mittleren Position wurden Befragte mit Weisungsbefugnis über drei bis neun Mitarbeiter zugeordnet. Die Zuordnungen wurden als äquivalent für einen kontinuierlichen Aufstieg gewertet.
- Muster zwei: Kontinuität in Institutionen. Diese Form des Berufsverlaufs wird charakterisiert durch sichere, unbefristete Tätigkeiten in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen. In diesem und allen folgenden Mustern kommen lange Einstiegsphasen ohne klare Beschäftigungsverhältnisse und/oder mit Erwerbslosigkeit und/oder mit Weiterqualifikationsbemühungen innerhalb oder außerhalb der Universität sowie eine Doppel- und Mehrgleisigkeit der inhaltlichen Ausrichtung häufig vor.
- Muster drei: Kontinuität Selbstständiger. Diese Befragten haben sich offenkundig auf Dauer in der Freiberuflichkeit etabliert.
- Muster vier: zwei kontinuierliche Phasen. Kennzeichnend für diesen Berufsverlauf sind Wechsel aus einer Institution in die freie Praxis oder umgekehrt. Anders als bei Fachärzten verschieben sich bei Psychologen mit einem solchen Wechsel auch stärker die inhaltlichen Schwerpunkte der Tätigkeit.
- Muster fünf: Doppel- und Mehrgleisigkeit. Dieses Muster kommt in der Medizin so gut wie gar nicht vor; es ist dafür charakteristisch für die Psychologie. Beispielsweise arbeiten Psychologen zur Hälfte ihrer Arbeitszeit in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen und zur anderen Hälfte freiberuflich, wobei es sich in der Regel auch um inhaltlich unterschiedlich akzentuierte Tätigkeiten handelt; es kommen auch andere Varianten vor, beispielsweise laufen zwei oder mehrere inhaltlich unterschiedliche Tätigkeiten, die freiberuflich ausgeübt werden, nebeneinander her, etwa bei einem Psychotherapeuten, der zugleich im arbeits- und organisationspsychologischen Bereich tätig ist.
- Muster sechs: Kontinuität und Diskontinuität. Ein Angestellten- oder Beamtenverhältnis bleibt trotz möglicher Wechsel von Institutionen über mehrere Jahre hinweg erhalten. Zugleich finden aber ein oder mehrere gravierende Wechsel der Tätigkeitsinhalte statt. Daneben gibt es andere Varianten.
- Muster sieben: Diskontinuität. Der Berufsweg ist durch Unterbrechungen gekennzeichnet. Wenn die Unterbrechungen länger als ein Jahr dauern, lassen sich drei Phasen mit zwei Wechseln (Aus- und Wiedereinstieg in den Beruf) deutlich ausmachen. Die Wechsel fallen umso mehr ins Gewicht, je länger die dazwischen liegenden Zeiträume sind. Der Wiedereinstieg führt üblicherweise nicht in die gleiche, sondern in eine inhaltlich andere Tätigkeit, in ein anderes Beschäftigungsverhältnis, von früherer Vollzeit- in Teilzeitarbeit und/oder in einen anderen institutionellen Kontext.
- Muster acht: starke Diskontinuität. Typisch für dieses Muster sind zwei oder mehr Wechsel und/oder Unterbrechungen und/oder Doppel- und Mehrgleisigkeit. Es wechseln zum Beispiel häufig befristete Tätigkeiten mit Phasen der Erwerbslosigkeit und mit längeren Kinderpausen ab.
Frauen durchlaufen selten kontinuierliche Berufswege
Unter den befragten Psychologinnen und Psychologen waren 21 Prozent aller Männer, aber nur sechs Prozent aller Frauen in mittlere oder höchste Positionen aufgestiegen (Muster eins). Die Männer waren zudem überproportional häufig in allen kontinuierlichen Mustern (Muster eins bis vier) sowie in Muster fünf vertreten. Im Gegensatz dazu durchlief die Mehrzahl der Frauen alle diskontinuierlichen Berufswege mit ihren Brüchen und Wechseln (Muster sechs bis acht). Die Berufswege von Männern und Frauen unterschieden sich auch noch in weiteren Punkten: So waren die Frauen häufiger in klinisch-therapeutischen Bereichen tätig, wohingegen die Männer die Arbeits- und Organisationspsychologie dominierten; hier waren die Männer beruflich erfolgreicher in dem Sinne, dass sie in besonders hohe Positionen aufgestiegen waren und sehr kontinuierliche Karrieren durchlaufen hatten. Die Männer arbeiteten in der Regel länger als Frauen, sie verdienten mehr und hatten häufig Partnerinnen, die teilzeitbeschäftigt oder gar nicht erwerbstätig waren. Während die Frauen familiär bedingte Unterbrechungen und Veränderungen im Berufsleben durchliefen, die ihr berufliches Weiterkommen behinderten, erfuhren die Männer keine Unterbrechungen und stiegen auf.
Frauen sehen sich nicht als Opfer
Diese Ergebnisse legen nahe, dass Psychologinnen und Psychotherapeutinnen die Leidtragenden sind, wenn sie versuchen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Wie Interviews mit den Befragten zeigen, sehen sich viele Frauen jedoch nicht in der Opferrolle, da sie sich nicht aus-
schließlich an Kriterien des Berufserfolgs im engeren Sinne wie Aufstieg, hohes Einkommen und Prestige orientieren. Sie haben ihre Lebensgestaltung oft sehr bewusst gewählt und streben eine Integration von Beruf und Privatleben an, auch auf Kosten eines kontinuierlichen Aufstiegs. Als erfolgreich nehmen diese Frauen einen Berufsverlauf wahr, der sich optimal in ein ganzheitliches Konzept der Lebensgestaltung einfügt und auf das Privatleben abgestimmt ist. „Eine ,sanfte‘ Karriere mag äußerlich durch Einschnitte und Einbußen gekennzeichnet sein, sie erscheint aber subjektiv durchaus als kontinuierliche Verwirklichung eines Konzepts vom ganzheitlichen und ‚sinnvollen‘ Leben“, so die Wissenschaftler.
Auch unter den männlichen Psychologen und Psychotherapeuten sind weniger „Karrieristen“, als die oben genannten Ergebnisse zunächst vermuten lassen. Aufschlussreich sind hier Vergleiche mit männlichen Ärzten. Während 75 Prozent der befragten Ärzte eine traditionelle Arbeitsteilung verwirklichen, bei der der Mann der Haupternährer und die Frau vorwiegend für Haushalt und Familie zuständig sind, sind es bei den Psychologen nur 53 Prozent. 42 Prozent der Psychologen versuchen hingegen, eine egalitäre Arbeitsteilung zu verwirklichen, bei der beide Partner ihre beruflichen Ziele realisieren und zu gleichen Teilen Haus- und Familienarbeiten übernehmen, wohingegen der Anteil der Ärzte, der diese Arbeitsteilung praktiziert, nur 18 Prozent beträgt.
Die Wissenschaftler führen diese Unterschiede nicht nur auf die geringere zeitliche Belastung von Psychologen im Vergleich zu Medizinern zurück, sondern auch auf die berufsbiografische Unsicherheit, der Psychologen während ihres gesamten Arbeitslebens ausgesetzt sind. Anders als in den alten Professionen gibt es in der Psychologie nämlich keine begrenzte Anzahl institutionell klar vorgezeichneter Berufsverläufe, sondern eine Vielfalt mehr oder minder komplizierter, schwer antizipierbarer Berufswege. Während sich Ärzte auf ihre Facharztgebiete spezialisieren und ihr Wissen hier vertiefen, müssen Psychologen ihr Wissen und Können bereits in langen Einstiegsphasen nicht nur vertiefen, sondern oft auch über verschiedenartige Teilgebiete hinweg erweitern, um sich an vielfältige Tätigkeiten und Beschäftigungsverhältnisse auf einem schwer durchschaubaren Arbeitsmarkt flexibel anpassen zu können. Das hat nach Meinung der Wissenschaftler zur Folge, dass Psychologen schon frühzeitig auch dem Privatleben ein stärkeres Gewicht beimessen, über ihre Lebensgestaltung im Sinne einer Balance reflektieren und die integrative Form bewusst wählen. Begünstigt wird diese Entscheidung durch Arbeitszeitregelungen und Beschäftigungsverhältnisse, die einerseits zwar unsicherer und unbeständiger, andererseits aber auch weniger starr sind als in der Medizin. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Hoff EH, Grote S, Dettmer S, Hohner HU, Olos L: Work-Life-Balance: Berufliche und private Lebensgestaltung von Frauen und Männern in hoch qualifizierten Berufen. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie 2005; 4: 196–207.
2. Hoff EH, Grote S, Hohner HU, Dettmer S: Berufsverläufe, Berufserfolg und Lebensgestaltung von Psychologinnen und Psychologen. In: Abele A, Hoff EH, Hohner HU: Frauen und Männer in akademischen Professionen. Heidelberg: Asanger 2003: 57–70.

Kontakt:
Prof. Dr. Ernst-H. Hoff, Freie Universität Berlin, FB Erziehungswissenschaft und Psychologie, ABO-Psychologie, Habelschwerter Allee 45, 14195 Berlin, E-Mail: ehoff@ zedat.fu-berlin.de
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