ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2006Bindung und Verarbeitung von Verlusten: Bei Therapie Fokus auf Beziehungsaspekte

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Bindung und Verarbeitung von Verlusten: Bei Therapie Fokus auf Beziehungsaspekte

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Die Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit haben Einfluss auf die Verarbeitung von Trennung und Verlust im späteren Leben.

Nach der von dem britischen Psychoanalytiker John Bowlby konzipierten Bindungstheorie, die auf evolutionsbiologischen Annahmen basiert, hat jedes Kind ein primäres Bedürfnis nach Bindung und Nähe zu versorgenden Personen. Die Bindungserfahrungen, die in der frühen Kindheit gesammelt werden, prägen spätere Verhaltensmuster, innere Repräsentanzen und Beziehungen. Sie haben außerdem einen hohen Einfluss darauf, wie ein Mensch im Verlauf seines Lebens auf Trennungen reagiert und diese verarbeitet.
Voraussetzung für eine normale, gesunde Entwicklung des Kindes ist eine stabile primäre Bindung zur Bezugsperson. Störungen der frühen Bindung können zu unsicheren Bindungsrepräsentationen im späteren Leben führen, welche wiederum das Risiko für die Entwicklung psychopathologischer Symptome erhöhen.
Ob sich ein sicherer oder ein unsicherer Bindungsstil herausbildet, hängt unter anderem von der Sensibilität und vom Verhalten der Mutter ab. Das konnte die Arbeitsgruppe um die kanadische Psychologin Mary Ainsworth belegen, die die Reaktionen von zwölf- bis 18-monatigen Kindern auf drei belastende, „fremde Situationen“ untersuchte: Trennung von der Mutter, Kontakt mit einer fremden Person und eine ungewohnte Umgebung. Es zeigte sich, dass die Bindungen von Kleinkindern an ihre Mütter anhand von vier Bindungsmustern beschrieben werden können:
1. sicher gebunden: Diese Kinder wiesen eine starke Initiative auf, sich mit der Mutter zu beschäftigen und waren bei einer Trennung von ihr nur selten bekümmert. Sie begrüßten sie beim Wiedersehen mit einem Lächeln und streckten die Arme nach ihr aus. Insgesamt zeigten sie ein zwischen Bindung und Exploration ausgewogenes Verhalten. Ihre Mütter reagierten stets positiv, sensitiv und vorhersagbar, wenn die Kinder belastet waren. Auf diese Weise vermittelten die Mütter ihren Kindern Sicherheit und ein Gefühl der Kontrolle.
2. unsicher-vermeidend: Kinder mit diesem Bindungsstil zeigten sich vermeidend oder abweisend. Sie traten weder mit der Mutter noch mit fremden Personen in Kontakt, waren wenig bekümmert, wenn sie allein gelassen wurden, und entzogen sich beim Wiedersehen mit der Mutter den Berührungen. Dieses Verhalten deuteten Ainsworth und Kollegen als Antwort auf eine Bezugsperson, die sich zwar vorhersagbar verhielt, aber abweisend und unsensibel für Belastungen und Ängste des Kindes war.
3. ängstlich-ambivalent: Das Verhalten dieser Kinder war zwiespältig; häufig wechselte Kontaktsuche mit aktiver Verweigerung des Kontakts ab. Die Kinder erlebten intensiven Kummer bei der Trennung, aber auch beim Wiedersehen mit der Mutter, da die Mutter es gewöhnlich unterließ, das Kind zu trösten. Auf Belastungen des Kindes reagierte die Bindungsperson überwiegend inkonsistent, verwickelt und unachtsam.
4. desorientiert-desorganisiert: Ursächlich für dieses Bindungsmuster sind Gegebenheiten in der frühen Kindheit, die die Ausbildung einer organisierten Bindungsstrategie nicht gestatten. Dazu zählen eigene unverarbeitete Bindungstraumata wie auch unverarbeitete Traumata bei der Mutter, die aufgrund von Bezugspersonverlusten, körperlicher Misshandlung oder sexuellem Missbrauch entstanden sind.
Kinder, die einen unsicheren oder ängstlich-ambivalenten Bindungsstil aufweisen, haben im späteren Leben häufig Probleme, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Sie sind überzeugt, wenig Kontrolle über das eigene Leben und Beziehungen zu haben und erleben Furcht vor Zurückweisung. Außerdem bereiten ihnen Trennungen, wie etwa materielle Verluste, Scheidungen oder der Tod von nahe stehenden Personen, wesentlich mehr Schwierigkeiten und Stress als sicher gebundenen Menschen.
Dafür gibt es auch eine neurophysiologische Entsprechung. Wie ein deutsch-britisches Forscherteam am Institute of Psychiatry in London und an den Universitäten München und Dresden herausgefunden hat, hinterlassen häufige abweisende Reaktionen und Trennungen von der Mutter Spuren im Gehirn von Kindern: Der Mandelkern, zuständig für Emotionen, wird bei Trennung und Zurückweisung besonders aktiviert und löst starke Ängste aus. Messbar ist dies über einen erhöhten Hautwiderstand, der Stressreaktionen des autonomen Nervensystems anzeigt. Die Angstreaktion prägt sich ein und tritt auch im späteren Leben bei jeder Trennung oder Abweisung in verstärktem Maße auf.
Gefährdung der psychischen Gesundheit
Der Verlust enger Bindungen stellt generell eine Gefährdung der psychischen und physischen Gesundheit dar. Ein unsicherer oder ängstlich-ambivalenter Bindungsstil macht die Betroffenen jedoch besonders vulnerabel, sodass sie in Trennungssituationen nicht selten pathologische Formen der Trauer entwickeln.
Idealtypischerweise verläuft der Trauerprozess in drei bis vier Phasen, die nicht kontinuierlich aufeinander folgen, sondern sich überschneiden oder abwechseln.
1. Phase: Schock. Diese Phase dauert Stunden bis Tage. Der Betroffene fühlt sich wie betäubt, der Verlust erscheint unerträglich. In dieser Phase können sich Inaktivität und Lähmung mit heftigen Emotionen wie Wut, Ärger und rastloser Aktivität abwechseln.
2. Phase: Beschäftigung mit dem Verlust. Sie tritt innerhalb von zwei Wochen ein. Der Betroffene erkennt, dass der Verlust endgültig ist und beginnt, sich mit dem, was er verloren hat, in Gedanken, Träumen und Tagträumen intensiv zu beschäftigen. Das Zurückschauen und Erinnern dient dazu, den Verlust emotional anzuerkennen und sich allmählich davon zu lösen.
3. Phase: Auflösung. Bei normalem Verlauf verringern sich die Trauersymptome in den ersten sechs bis zwölf Monaten. Der Betroffene beginnt, Interessen (wieder) zu gewinnen oder neue Bindungen einzugehen. Dennoch kann auch nach Jahren immer wieder Trauer auftreten; manche Verluste werden allerdings nie überwunden, und Traurigkeit kann lebenslang anhalten.
Frauen und Männer zeigen oft geschlechtsspezifische Trauerreaktionen. So haben beispielsweise Frauen, die ein Kind verloren haben, häufiger das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Männer neigen hingegen stärker dazu, ihre Gefühle zu verschweigen, den Verlust zu verleugnen, sich durch ein erhöhtes Arbeitsengagement abzulenken und Alkohol zu konsumieren.
Dagegen ist es charakteristisch für pathologische Formen der Trauer, dass es den Trauernden schlecht oder gar nicht gelingt, den inneren Konflikt
zwischen Aufgeben und Festhalten während des Trauerprozesses zu lösen. Sie verharren in einer der beschriebenen Trauerphasen, verbleiben im Zustand ausbleibender oder geringer affektiver Reaktion, verleugnen den Verlust oder dessen Bedeutung oder flüchten sich in rastlose Überaktivität, um eine Ablösung zu vermeiden. Nach epidemiologischen Studien kann der Verlust nahe stehender Personen zum Beispiel chronische Schmerzen, Magen- und Darm­er­krank­ungen, Hypochondrie, posttraumatische Belastungsstörungen oder Angsterkrankungen auslösen. Die Mehrzahl der Betroffenen entwickelt außerdem leichte bis schwere Depressionen. Innerhalb der ersten Wochen nach Verlust des Partners wird bei beiden Geschlechtern eine erhöhte Sterblichkeit beschrieben, die vorwiegend auf eine koronore Herzkrankheit zurückzuführen ist. Weitere Todesursachen sind Suizid, Unfälle sowie Infektionskrankheiten. Im ersten Jahr nach dem Verlust ist außerdem ein erhöhter Gebrauch von Suchtmitteln und Medikamenten zu beobachten.
Die Behandlungsangebote bei pathologischer Trauer sind vielfältig und reichen von einfachen psychoedukativen Maßnahmen bis hin zu psychotherapeutischen Interventionen. Im Vordergrund steht dabei die emotionale Verarbeitung des Ereignisses und die Neuorientierung des eigenen Lebens. Interventionen in Fällen lang andauernder und komplizierter Trauer haben sich bewährt und gelten als nützlich effektiv, wohingegen die Wirksamkeit von Interventionen bei normaler Trauer umstritten ist, ja sogar ernstlich angezweifelt wird. Bei Formen der komplizierten und pathologischen Trauer haben sich beispielsweise
die Expositionstherapie mit konfrontativ-bewältigungsorientiertem Fokus und die psychodynamische Kurzzeittherapie mit klärender Orientierung als hochwirksam erwiesen. Letztere setzt den Schwerpunkt auf Beziehungsaspekte und ist damit prädestiniert, die Bindungs-
problematik von unsicher oder ängstlich-ambivalent gebundenen Betroffenen zu bearbeiten. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
 1. Ainsworth MS, Blehar MC, Waters E, Wall S: Patterns of attachment: a psychological study of the strange situation. Hillsdale, NY: Erlbaum 1978.
 2. Bowlby J: Bindung. München: Kindler 1975.
 3. Bowlby J: Trennung. München: Kindler 1976.
 4. Bowlby J: Verlust. München: Kindler 1983.
 5. Dellisch H: Trennung und Verlust im Kindes- und Jugendalter auf dem Hintergrund der Bindungstheorie. In: Österr. Studiengesellschaft für Kinderpsychoanalyse: Studien zur Kinderpsychoanalyse XVIII. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2002: 75–105.
 6. Kersting A: Trauern Frauen anders als Männer? Geschlechtsspezifische Unterschiede im Trauerverhalten nach dem Verlust eines Kindes. Psychotherapeut 2005; 2: 129–32.
 7. Lemche E et al: Human attachment security is mediated by the amygdala: Evidence from combined fMRI and psychophysiological measures. Human Brain Mapping, published online 11 Nov 2005.
 8. Strauß B, Buchheim A, Kächele H: Klinische Bindungsforschung. Stuttgart: Schattauer 2002.
 9. Wittkowski J: Sterben, Tod und Trauer. Stuttgart: Kohlhammer 2003.
10. Znoj: Komplizierte Trauer. Göttingen: Hogrefe 2004.
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