ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2006Transgenerationelle Traumatisierung: Erinnerungsarbeit notwendig

WISSENSCHAFT

Transgenerationelle Traumatisierung: Erinnerungsarbeit notwendig

PP 5, Ausgabe Mai 2006, Seite 224

Stein, Bertram von der

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LNSLNS Spätfolgen bei Kindern von Flüchtlingen aus den ehemaligen
deutschen Ostgebieten

Kollektive Traumatisierungen, wie Flucht und Vertreibung der Bevölkerung aus den deutschen Ostgebieten, wirken generationsübergreifend, kumulativ und nachhaltig. Transgenerationelle Traumatisierungen sind das Ergebnis unbewusst bleibender psychischer Prozesse, die die dissoziierte Wahrnehmung und Erinnerung fördern. Internalisierte elterliche Objektbilder und dazugehörige Affekte werden an Kinder weitergegeben (11), Trauerarbeit, Wiedergutmachung, Wiederbeschaffung von Verlorenem und Abwehr von Ohnmacht an sie delegiert. Es entsteht eine von Trauma und Schuld durchdrungene tabuisierte nebulöse Atmosphäre. Die Vermischung von Täter- und Opferidentität hat bei vielen Deutschen das Schweigen befördert.
Einerseits wurden unrealistische Rückkehrträume geschürt, Kriegsverbrechen der Sieger und Vertriebenenschicksale mit dem Holocaust miss-bräuchlich gleichgesetzt. Andererseits gab es viele, die zwar von Verbrechen durch Deutsche, nicht aber von Verbrechen an Deutschen reden wollten. In der DDR war durch die Zwangsfreundschaft zu den sozialistischen Brudernationen die Vertreibung der Deutschen tabu.
Labilisierung der Abwehr
Erst nach Labilisierung eines unspezifischen, aber charakteristischen Abwehrmusters suchen die meisten Nachfahren psychotherapeutische Hilfe auf. Ereignisse, die Ähnlichkeit mit den Traumatisierungen der Eltern haben, wirken oft auslösend. Traumata vertriebener Eltern treten oft als innere oder äußere Konflikte der Kinder wieder auf. Ein Trauerprozess der Eltern, mit aggressiven Aspekten in Bezug auf Verlorenes, fand nicht statt. Ambivalente Gefühle werden samt Schuldgefühlen an die Kinder delegiert, besonders dann, wenn bei den Eltern eine Mischung von Täter- und Opferanteilen vorhanden ist. Kinder können Träger von elterlicher Schuld (4), Insuffizienz oder Verlustgefühlen werden und eine tief in die Struktur verwobene Depression entwickeln. Diese kann durch manischen Aktionismus abgewehrt werden, indem die unbewussten Wünsche der Eltern nach Wiedergutmachung erfüllt werden sollen. Eine Ablösung ist schwierig.
Die Berufswahl kann Abwehr und Reaktionsbildung traumatischer Erlebnisse der Eltern sein (2, 7, 6). Größen-ideen, zum Beispiel als mächtiger Helfer unverwundbar zu sein, mit Kontrolle aggressiver Tendenzen und kontraphobischem Abwehrverhalten, zeigt sich durch die Wahl von Berufen, die mit diesen Themen zusammenhängen (Polizist, Soldat, Arzt, Altenpfleger, Krankenschwester, Seelsorger, Sozialarbeiter).
Fragmentierte Identität
Durch Vertreibung wurde ein Kulturraum zerstört und die räumliche, zeitliche und soziale Integration des Selbst erschüttert. Grinberg und Grinberg berichten über Panikzustände und die Angst, von der neuen Kultur aufgefressen und zerstückelt zu werden. Es kommt zu einem Gemisch antagonistischer Wünsche, nämlich sich anzupassen oder sich von den anderen zu unterscheiden, das in Konfusion münden kann. Die alte Heimat kann idealisiert oder verleugnet werden. Nicht wenige sprechen den Dialekt der „neuen Heimat“ unter Verleugnung ihrer Herkunft. Viele können die Fragmente ihrer Identität nicht zusammensetzen, sie scheinen drei Generationen gleichzeitig anzugehören. Die Störung der zeitlichen Identität bei Idealisierung der Vergangenheit führte zuweilen zu Schwierigkeiten in der Gegenwart.
Erinnerungsarbeit ist im Hinblick auf transgenerationelle Traumatisierungen notwendig. Nach Mitscherlich (1967) gelingt bei historischen Katastrophen eine therapeutische Bearbeitung transgenerationeller Traumata nur, wenn Rekonstruktion, Erinnerung, Lockerung der Abwehr und Anerkennung von Schuld das Trauma in einen neuen Kontext stellen. Deshalb sollten Therapeuten ihre Befangenheit gegenüber Tabuthemen wie NS-Vergangenheit der Eltern und Traumatisierungen wie Flucht und Vertreibung überwinden. Dennoch besteht die Gefahr, vor allem wenn Patienten scheinbar affektlos über Flucht und Vertreibung der Eltern berichten, in der Gegenübertragung die Verleugnung und Verzerrung der Eltern zu übernehmen. Manchmal ist der Patient mit dem Schweigegebot seiner Eltern identifiziert und verschiebt die Aufklärungsarbeit projektiv an den Therapeuten. Wenn die Vergangenheit der Eltern die therapeutische Beziehung überschwemmt, kann die Wahrnehmung des Patienten als eigenständige Person verloren gehen. Um Patienten als Subjekte der Geschichte zu betrachten, die Traumatisierungen und Schuld der vorangehenden Generation huckepack transportieren, sind neben Übertragungsdeutungen auch rekonstruktive Deutungen wichtig. Der Versuch einer therapeutischen Rekonstruktion des transgenerationellen Traumas hilft Fantasie und Realität bei transgenerationellen Identifizierungen zu unterscheiden und unterstützt die Ent-Identifizierung.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl PP 2006; 5(5): 224–5.

Literatur
1. Bohleber W: Trauma, Identifizierung und historischer Kontext. Über die Notwendigkeit, die NS-Vergangenheit in den psychoanalytischen Deutungsprozess einzubeziehen. In: Psyche 1997, 9/10: 958–95.
2. Eckstaedt A: Ein Vertriebenenschicksal in der dritten Generation. In: Schlösser A-M, Höhfeld K (Hrsg.): Trennungen. Gießen: Psychosozialverlag 1999: 137– 53.
3. Freud S: Trauer und Melancholie. G.W. X 1917: 428.
4. Freud S: Das Ich und das Es. G.W. XIII 1923: 237.
5. Gampel Y: Identifizierung, Identität und generationsübergreifende Transmission. In: Zeitschrift für psychoanal. Theorie und Praxis IX 3 1994: 301–19.
6. Grinberg L, Grinberg R: Psychoanalyse der Migration und des Exils. Stuttgart: Verlag Internationale Psychoanalyse 1990.
7. Hirsch M: Die Wirkung schwerer Verluste auf die zweite Generation am Beispiel des Überlebensschuldgefühls und des „Ersatzkindes“. In: Schlösser A-M, Höhfeld K: Trennungen. Gießen: Psychosozial-Verlag 1999: 125–36.
8. Mitscherlich A, Mitscherlich M: Die Unfähigkeit zu trauern. München: Piper 1967.
9. Radebold H: Abwesende Väter. Göttingen: Vanderhoeck & Ruprecht 2001.
10. von der Stein B: Charakteristische Abwehrformen bei Kindern von Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. In: Radebold H (Hrsg.): Kindheiten im II. Weltkrieg und ihre Folgen, 2004.
11. Volkan V: Gruppenidentität und auserwähltes Trauma. In: Psyche 2000: 931–51.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Bertram von der Stein, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker DGPT/DPG, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Rehabilitationswesen, Quettinghofstraße 10 a, 50769 Köln


Fallbeispiele
Beispiele aus psychoanalytisch orientierten Psychotherapien oder Psychoanalysen des Autors. Die Patienten gehören den Geburtsjahrgängen 1947 bis 1967 an. Mindestens ein Elternteil wurde vertrieben.

Fall eins: Wiederholung
Ein 45-jähriger Offizier litt unter stechenden Kopfschmerzen und der Vorstellung, akut zu versterben. Auslösende Situationen waren Bagatellverletzungen eines Kameraden und seines 16-jährigen Sohnes am Kopf. In drei Jahren Psychoanalyse wurde deutlich, dass der Vater des Patienten (geboren 1929) 1945 Zeuge der Tötung durch Kopfschuss seines Vaters (NSDAP-Mitglied und Bahnhofsvorsteher einer schlesischen Stadt) durch russische Soldaten war. Dieses Ereignis und die Verschleppung und Gefangenschaft in einem sowjetischen Lager des damals 16-jährigen Patienten-Vaters, der von der ebenfalls vertriebenen Mutter idealisiert wurde, wurden in der Kindheit des Patienten nur schemenhaft angedeutet. Die Eltern hätten nach vorne geschaut. Der Vater litt seit seiner Pensionierung unter Ängsten. Er hatte es im Westen zum Leiter einer Sparkasse und zum Hauseigentümer gebracht.
Beide Verletzungsereignisse – bezeichnenderweise am Kopf – ihm nahe stehender Personen erschütterten das Selbstbild des Patienten, unverwundbar und mächtig zu sein. Nach Durcharbeiten der narzisstisch-kontraphobischen Abwehr und der Identifikation mit dem Vater gingen die Symptome zurück. Die Aufdeckung des transgenerationellen Traumas, Übertragungsdeutungen und auch rekonstruktive Deutungen halfen ihm, den Wiederholungs- und Abwehrcharakter seiner Berufswahl zu erkennen.


Fall zwei: Reaktionsbildung
Ein 50-jähriger Oberingenieur, Sohn eines aus Ostpreußen vertriebenen NS-Kriegsverbrechers, wurde suizidal, als er mit Schuld- und Schamgefühlen Mitarbeiter entlassen musste. Er unterstützte die polnischen Einwohner des Heimatortes seiner Eltern und betonte das Versöhnende und Völkerverbindende. In der Therapie wurde deutlich, wie sehr er transgenerationell die Wut seiner Eltern im Sinne der Reaktionsbildung abgewehrt hatte und gegen die eigene Person richtete.


Fall drei: Genussunfähigkeit durch Schuldgefühle
Loyalitätskonflikte gegenüber den Eltern gehen oft mit der Abwehr autonomiefördernder Tendenzen von Sexualität und Aggressivität einher. Schuldgefühle, in einer „besseren Zeit“ aufgewachsen zu sein, behindern die Genussfähigkeit. Eine adipöse Frau, geboren 1955, erkannte die Verleugnung eigener sexueller Wünsche und ihre Aggressionshemmung als Abwehrmanöver transgenerationell vermittelter Angst vor dem Hintergrund einer Traumatisierung ihrer Mutter durch Vergewaltigung und Ermordung der ältesten Tochter. Aggression und Sexualität empfand die Patientin als lebensbedrohlich. Mit ihrem Essverhalten, an die Mutter gebunden, richtete sie ihre Wut gegen sich selbst und indirekt in Vertretung der Mutter gegen den Therapeuten durch Vereitelung des Therapieerfolges. Als sie Trauer, Angst, Wut und Schuldgefühle spüren und zulassen konnte, waren Separation und Gewichtsreduktion möglich.
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