ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006Östrogen und Brustkrebs: Es geht hin und her

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Östrogen und Brustkrebs: Es geht hin und her

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Erst vor wenigen Wochen hatte eine Auswertung der Women’s Health
Initiative (WHI) ergeben, dass die Gabe von Östrogenen bei postmenopausalen Frauen das Brustkrebsrisiko nicht erhöht (DÄ, Heft 18/2006). Jetzt kommen US-Epidemiologen auf der Basis der Nurses’ Health Study in den Archives of Internal Medicine (2006; 166: 1027–32) zu einer entgegengesetzten Einschätzung. Danach steigert die Östrogentherapie langfristig das Brustkrebsrisiko. Die Nurses’ Health Study ist anders als die WHI keine randomisierte kontrollierte Studie, sondern eine Beobachtungsstudie. Die Beweiskraft ist deshalb geringer. In der Vergangenheit wurden häufig Ergebnisse von Beobachtungsstudien durch randomisierte kontrollierte Studien widerlegt. Dies gilt jedoch nicht zwangsläufig. Als Beobachtungsstudien hatte die Nurses’ Health Study einen wichtigen Vorteil gegenüber der WHI. Während die WHI nach sieben Jahren abgebrochen wurde, beobachtet die Nurses’ Health Study die Teilnehmerinnen nunmehr seit mehreren Jahrzehnten.

Dabei kam heraus, dass das Brustkrebsrisiko in den ersten Jahren der Östrogentherapie nicht erhöht ist. Die multivariaten relativen Risiken (RR), welche die Gruppe um Wendy Chen vom Brigham and Women’s Hospital in Boston mitteilt, lassen sogar eine leichte Reduktion – wie in der WHI – als möglich erscheinen. Später kommt es jedoch zu einem Anstieg des Brustkrebsrisikos. Frauen, die länger als 20 Jahre Östrogene einnahmen, erkrankten zu 42 Prozent häufiger an Brustkrebs (RR 1,42; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,13–1,77). Für die Untergruppe der Rezeptor-positiven Tumoren (ER+/PR+) war bereits nach 15 Jahren ein erhöhtes Brustkrebsrisiko erkennbar (RR 1,48; 1,05–2,07). So lange dürfte heute keine postmenopausale Frau mehr mit Östrogenen behandelt werden. Die Leitlinien raten übereinstimmend zu einem möglichst kurzfristigen Einsatz zur Behandlung klimakterischer Beschwerden.

Für die Beratung von postmenopausalen Frauen, die in der Vergangenheit lange Jahre Östrogenpräparate eingenommen haben, könnten die aktuellen Studienergebnisse dennoch wichtige Hinweise zur Beratung geben, auch wenn die absolute Zahl der zusätzlich induzierten Mammakarzinome gering sein dürfte. Rüdiger Meyer
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