ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 2/2006MVZ Polikum Friedenau: Erfolg ist planbar

SUPPLEMENT: PRAXiS

MVZ Polikum Friedenau: Erfolg ist planbar

Flintrop, Jens; Krüger-Brand, Heike E.

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Nicht nahtlos, aber doch geschmeidig: Die Architektur des Polikums Friedenau integriert alte und neue Gebäudeteile. Fotos: Polikum
Nicht nahtlos, aber doch geschmeidig: Die Architektur des Polikums Friedenau integriert alte und neue Gebäudeteile. Fotos: Polikum
Das bundesweit größte Medizinische Versorgungszentrum ezielt bereits Gewinne. Weitere Zentren sollen folgen.

Als der Gesetzgeber zum 1. Januar 2004 die Tradition der ostdeutschen Polikliniken wieder aufleben ließ und Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) die Teilnahme an der ambulanten Versorgung innerhalb der Gesetz-
lichen Kran­ken­ver­siche­rung ermöglichte, hatte Dr. med. Wolfram Otto seine Pläne für die Gründung eines solchen interdisziplinären Zentrums bereits weitgehend ausgearbeitet. Schon während seiner Studienzeit hatte der Allgemeinarzt und Gesundheitsökonom Visionen formuliert, wie die ambulante medizinische Versorgung seiner Ansicht nach optimiert werden könne – „im Sinne der Patienten und der Ärzte“, wie er sagt.
Dennoch öffnete das MVZ Polikum Friedenau in Berlin erst im Oktober 2005 seine Pforten. Das lag vor allem daran, dass Otto und seine Mitgesellschafterin, Internistin Dr. med. Susanne Schwarz, von Anfang an mehr als nur ein Einzelprojekt im Sinn hatten. „Ausgehend vom Pilotprojekt hier in Friedenau soll ein bundesweites Netzwerk von Medizinischen Versorgungszentren aufgebaut werden“, erklärt Schwarz, die zuvor drei Jahre lang mit Otto eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis direkt gegenüber des MVZ-Standorts in Friedenau betrieben hat. Ziel sei es, „Polikum“ als Marke im Gesundheitswesen zu etablieren.
In der Verwaltungszentrale am Leipziger Platz in Berlin planen Ärzte, Ökonomen, Informatiker und Ingenieure die weiteren Aktivitäten der Polikum-Gruppe. So soll das nächste MVZ 2007 in Berlin-Tempelhof eröffnet werden. Weitere Standorte in Berlin, Hamburg und Düsseldorf sind in Planung.
Mehr als 30 Ärztinnen und Ärzte sind bereits im MVZ Polikum Friedenau tätig. Mitte 2007, wenn ein zweiter Neubau fertig ist, sollen es rund 60 Ärzte sein. Diese sind beim Polikum angestellt. Ihre Vergütung setzt sich aus einem für alle gleichen Grundgehalt und einem individuellen Bonus zusammen. „Die Grundgehälter entsprechen der Grundvergütung in der Klinik“, sagt Otto. Hinzu komme ein Bonus, der sich an der Umsatzbeteiligung und dem jeweiligen Fachgruppendurchschnitt orientiere.
Trotz – oder wegen – des Angestelltenstatus: Die Tätigkeit im MVZ Friedenau scheint für Ärzte attraktiv zu sein. Dies belegt die Tatsache, dass den Geschäftsführern aktuell noch mehr als 150 Bewerbungen von Ärzten vorliegen. Die Ärzte wissen es offensichtlich zu schätzen, sich im MVZ auf
ärztliche Tätigkeiten konzentrieren zu können. Die Praxisführung und viele administrative Tätigkeiten werden ihnen abgenommen, das unternehmerische Risiko entfällt. Positiv bewerten die Ärzte auch den kollegialen Austausch in Ärztezirkeln und die regelmäßigen inter-
nen Schulungen nach dem Prinzip „Ärzte für Ärzte“. Ein weiteres Plus sind die flexiblen Arbeitsformen: Teilzeitmodelle und Jobsharing-Modelle sind im MVZ Polikum Friedenau möglich. Flexibilität ist angesagt. Das gilt übrigens auch für die Öffnungszeiten: Von 8 bis 20 Uhr ist das Polikum wochentags geöffnet, demnächst sollen auch samstags Patienten behandelt werden. Wegen der langen Sprechstundenzeiten sind auch nahezu alle ärztlichen Fachrichtungen doppelt vertreten. Dies bringt einen weiteren Vorteil für die Ärzte mit sich: Urlaubs- und Krankheitsvertretungen sind in der Regel unproblematisch hausintern zu organisieren.
Wie viel das Polikum Friedenau und der Aufbau der Polikum-Gruppe gekostet hat, wollen Otto und Schwarz nicht preisgeben. „Betriebsgeheimnis“, meinen die beiden Gesellschafter. An die 20 Millionen Euro dürften es schon gewesen sein – zumal ja neben den Investitionen in Gebäude und technische Geräte auch die Kassenarztsitze eingekauft werden mussten. Denn auch die Medizinische Versorgungszentren unterliegen der vertragsärztlichen Bedarfsplanung. Angesichts der insgesamt mehr als 6 500 kassenärztlichen Zulassungen in Berlin sei dies allerdings kein großes Problem gewesen, sagt Otto. Woher das Geld für die Millioneninvestitionen gekommen ist, ist hingegen bekannt: Das MVZ Friedenau ist komplett fremdfinanziert von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, die von einem Pilotprojekt spricht. Das Geld scheint nicht schlecht investiert, denn schon jetzt schreibe das Polikum Friedenau im operativen Geschäft schwarze Zahlen, wie Otto berichtet. Er hat aber auch ausgerechnet, dass das erzielte Honorarvolumen im ersten Quartal um 19 Prozent höher ausgefallen wäre, wenn das Polikum statt aus einem MVZ mit 30 Ärzten aus 15 MVZ mit je zwei Ärzten bestanden hätte. „Die großen MVZ werden vom Gesetzgeber derzeit noch benachteiligt“, meint der Allgemeinarzt und Gesundheitsökonom – und das, obwohl auch Ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt MVZ als „Versorgungsform der Zukunft“ und das Polikum Friedenau als Vorzeige-MVZ betrachte.
Die hausärztliche Versorgung im Polikum Friedenau ist mit einem breiten Angebot fachärztlicher Betreuung eng verzahnt. Themenzentrierte Behandlungseinheiten schaffen kurze Wege und erleichtern auch den Patienten die Orientierung: So arbeiten bei der Versorgung von Diabetespatienten beispielsweise fachärztliche Internisten mit Diabetologen, Kardiologen, Ernährungsberatern, Podologen und Gastroenterologen eng zusammen – und die funktionale Zusammenarbeit spiegelt sich auch in der räumlichen Anordnung der Behandlungszimmer wider.
Einen Aktenschrank sucht man hier vergeblich: eines der schlicht eingerichteten Behandlungszimmer im Polikum Friedenau
Einen Aktenschrank sucht man hier vergeblich: eines der schlicht eingerichteten Behandlungszimmer im Polikum Friedenau
Keine Patientenstaus
Die aktuell zehn Hausärzte des Versorgungszentrums gruppieren sich räumlich in drei kleinere Einheiten mit jeweils separaten Empfängen und hellen, großzügig gestalteten Wartezonen. Nirgendwo sind „Patientenstaus“ zu sehen: „Die Wartezeiten der Patienten liegen bei unter zehn Minuten“, betont Schwarz. Das liegt unter anderem an der übergreifenden elektronischen Terminverwaltung, die es ermöglicht, mehrere Untersuchungen eines Patienten optimal abzustimmen. Die Patienten wissen dies offensichtlich zu schätzen: Allein im ersten Quartal
suchten mehr als 30 000 Patienten das Versorgungszentrum auf, fast die Hälfte mehr als erwartet.
Laboratorien, Apotheke, Sanitätshaus und eine mit modernen Trainingsgeräten ausgestattete Physiotherapie befinden sich im selben Gebäude, und durch die enge Kooperation mit dem benachbarten Auguste-Viktoria-Klinikum ist bei Bedarf auch ein nahtloser Übergang zum stationären Aufenthalt möglich.
Was direkt auffällt, wenn man ein Behandlungszimmer des ersorgungszentrums betritt, sind die fehlenden Aktenschränke. Ein Schreibtisch mit Flachbildschirm und Tastatur genügt dem Arzt, um auf sämtliche Patientendaten zuzugreifen, denn das Polikum arbeitet vollständig papierfrei. Selbst papierbasierte Fremdbefunde werden bereits am Empfang von den medizinischen Fachangestellten digitalisiert (eingescannt) und in die elektronische Akte des Patienten übernommen. Diese dokumentiert jeden Behandlungsschritt und bildet die Grundlage für die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Haus- und Fachärzte sowie für die Datenintegration innerhalb des Zentrums. Gleichzeitig trägt die gemeinsame Nutzung der Krankenakte dazu bei, Doppeluntersuchungen zu vermeiden.
Das verwendete System (Turbomed) ermöglicht eine differenzierte Rechtevergabe für den Datenzugriff. Meldet sich ein Arzt per Chipkarte und Passwort im Netz an, werden sämtliche Einträge und Formulare, die gedruckt werden, auf diesen Arzt ausgestellt. Seine Einträge in die Karteikarte sind schreibgeschützt; er kann nur die eigenen Einträge und Zeilen bearbeiten und löschen. Jeder Eintrag in der Karteikarte wird dem jeweiligen Behandler zugeordnet. So st stets nachvollziehbar, welcher Arzt beispielsweise welches Rezept ausgestellt hat oder wer für das EKG verantwortlich ist. Auch die medizintechnischen Geräte sind digital in die Infrastruktur eingebunden. „Alle wichtigen Informationen einschließlich der Röntgenbilder stehen dem behandelnden Arzt dadurch unmittelbar online zur Verfügung“, betont Wolfram Otto.
Vieles ist noch am Anfang: „Wir sind dabei, Leitlinien und Behandlungspfade für unser Haus zu erarbeiten und ein Qualitätsmanagement-Handbuch zu erstellen, um die Behandlungsabläufe weiter zu optimieren“, erklärt Schwarz. Ziel sei es, sämtliche medizinischen und nichtmedizinischen Prozesse durchgängig nach Kriterien des Qualitätsmanagements auszurichten. Auch das Schulungszentrum auf der obersten Etage der Einrichtung ist noch im Bau. Dort sollen einerseits interne Fortbildungen stattfinden, zum Beispiel Personalführungs- und Softwarekurse für die Mitarbeiter. Helferinnen und Ärzte im Polikum wenden durchschnittlich zwei Stunden wöchentlich für Fortbildungen auf. Das soll ein hohes, qualitätsgesichertes Fortbildungsniveau der Ärzte gewährleisten. Darüber hinaus ist Prävention ein Schwerpunkt, daher stehen künftig Patientenschulungen zu Themen wie Gewichtsreduktion, Raucherentwöhnung und Stressmanagement auf dem Programm.
Jens Flintrop/Heike E. Krüger-Brand
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