ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 2/2006Coaching in der Praxis: Die Balance finden und halten

Supplement: PRAXiS

Coaching in der Praxis: Die Balance finden und halten

Dtsch Arztebl 2006; 103(20): [8]

Gersch, Uschi

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Foto: Mauritius
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Ein salutogenetisches (= die Gesundheit erhaltendes) Konzept der Stressbewältigung für Ärztinnen und Ärzte

Gesunde Ärztinnen und Ärzte – eine Selbstverständlichkeit für Kranke, die bei ihnen Hilfe suchen. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man den Untersuchungen zu Burn-out und den Statistiken zur frühen Sterblichkeit unter den Medizinern glauben darf. Die Spannung zwischen den unterschiedlichen Anforderungen der Rollen des Arztes sind erheblich: Er ist Diagnostiker, beratender Begleiter von oft schwierigen Patientinnen und Patienten, Praxismanager, Betriebswirtschaftler, Chef und Familienmensch.
Ein Programm, das Ärzte in ihrem Bemühen unterstützen will, gesund zu bleiben, zielt darauf ab:
- ihre Kompetenzen zu fördern, Probleme zu lösen und Gefühle zu regulieren, um das seelische und körperliche Wohlbefinden sowie ein positives Selbstbild zu erhalten oder wiederherzustellen;
- die freie Entwicklung der individuellen Anlagen und Potenziale auch in schwierigen Situationen zu ermöglichen;
- sie zu bestärken, das eigene Handeln nach Werten und Normen zu gestalten, die sie selbst für sinnvoll und notwendig erachten.
Das kursorisch vorgestellte Konzept (in Anlehnung an Gerd Kaluza) dient nicht zur Prävention von stressinduzierten Krankheitsbildern, sondern soll Strategien fördern, die es ermöglichen, auch in scheinbar überfordernden Situationen angemessen und entlastend zu reagieren. Die Handlungskompetenzen des Arztes außerhalb seiner medizinischen Kenntnisse sollen erweitert werden.
Dazu werden die individuellen Ressourcen erarbeitet, mit denen der Arzt Forderungen und Überforderungen des Praxisalltags angemessen bewältigen kann, wie beispielsweise sozialer Rückhalt, Optimismus und Selbstwirksamkeit, Widerstandsfähigkeit (Hardiness), Kohärenz. Hardiness umfasst Engagement und Selbstverpflichtung sowie die Fähigkeit einer Person, Kontrolle über die Situation auszuüben und eine Herausforderung als positive Chance wahrzunehmen. Kohärenz bezieht sich auf das Gefühl, eine Situation zu verstehen, sie als sinnvoll einzuschätzen und in ihr handeln zu können.
Es gibt keine Standardstrategie für Stressbewältigung – auch wenn viele Ratgeber das vorgaukeln. Das Programm verzichtet deshalb auf das Vorstellen von Techniken und erarbeitet stattdessen die ak-
tuellen Belastungssituationen und jeweils darauf abgestimmte Bewältigungsmuster. Der Transfer dieser Muster auf andere belastende Situationen ergibt sich immer dann, wenn das Lernen und Erarbeiten einem transparenten Programm folgt.
Beispiel Problemlösen: Die folgenden Schritte sind hilfreich bei der Erarbeitung und Umsetzung von individuellen Maßnahmen:
- dem Stress auf die Spur kommen: systematische Anleitung zur Selbstbeobachtung von Belastungssituationen und -reaktionen;
- Ideen zur Bewältigung sammeln: gemeinsame bewertungsfreie Suche nach Möglichkeiten der Bewältigung;
- den eigenen Weg finden: unter der Berücksichtigung der Konsequenzen wird eine Auswahl getroffen;
- konkrete Schritte planen: möglichst genaues Vorgehen bei der Umsetzung der Vorschläge;
- im Alltag handeln: Umsetzung in alltäglichen Situationen;
- Bilanz ziehen: die Umsetzung bewerten und Gründe für das Gelingen oder Misslingen herausfinden.
Beispiel Entspannungstraining: Entspannung ermöglicht die grundlegende Bewältigung von Belastungen und führt auch zu Veränderungen im kognitiven und emotionalen Bereich.
So wird beispielsweise die progressive Muskelrelaxation eingeübt, der Umgang mit Störfaktoren gelernt. Die Anwendung der Übungen im Alltag lässt sich durch die Einführung eines Ruhewortes oder durch Fantasiereisen erleichtern. Übungen zu gezielten Unterbrechungen des Tagesablaufs werden vorgestellt, mit denen der Arzt dem kontinuierlichen täglichen Spannungsaufbau entgegenwirken kann.
Beispiel Genusstraining: An die Stelle der Vermeidung und Bewältigung von Stress tritt die Beschäftigung mit den Möglichkeiten positiven Erlebens und Verhaltens. Den Teufelskreis, Zeit dort einzusparen, wo sie auf den ersten Blick nicht gewinnbringend, nützlich, effektiv oder effizient verbracht wird, gilt es zu unterbrechen. Kompensation für belastendes und stressiges Erleben stärkt gegenüber neuen Anforderungen und vermeidet neue Belastungen. Für viele Personen ist es wichtig, einen neuen Zugang zu
positiven Erlebnissen zu finden, frühere positive Erlebnisse wieder zu beleben und Freude an neuen Erfahrungen zu entwickeln. Das geschieht mit erlebensaktivierenden Methoden. Erarbeitet werden in praktischen Übungen „Gebote des Genießens“, wie zum Beispiel:
- Genuss gönnen,
- Zeit zum Genießen nehmen,
- bewusst genießen,
- Sinne für Genuss schulen,
- auf eigene, individuelle Art genießen,
- lieber wenig, aber richtig genießen,
- Genuss nicht dem Zufall überlassen,
- kleine Dinge des Alltags genießen. !
Beispiel Zeitmangel: „Das würde ich alles gern machen, wenn ich nur mehr Zeit hätte.“ Das Genuss- und Lebenshindernis Zeitmangel wird individuell analysiert. Zeitmangel kann aus äußeren Faktoren resultieren (welchen Einfluss hat man darauf?), eine Folge allgemeiner Einstellungen und Verhaltensweisen sein (welche Prioritäten, Abgrenzungen, Delegationsmöglichkeiten gibt es beispielsweise?) oder durch Fehler bei der Zeitplanung bedingt sein. Es werden Regeln gegen den Zeitstress erarbeitet, um zum bewussten Umgang mit der begrenzten Zeit zu kommen und Freiräume für Regeneration und angenehme Betätigungen zu schaffen.
Beispiel Rollenanalyse: Die Rolle ist die Schnittstelle zwischen der Person und den Forderungen des beruflichen Umfelds. Ärztin und Arzt bringen in diese Rolle neben dem beruflichen Fachwissen Vorerfahrungen aus der persönlichen Lebensgeschichte mit und gestalten die beruflichen Beziehungen entsprechend, bewusst wie unbewusst. Die unbewussten Einflüsse sind meist hinderlich und entziehen sich der bewussten und vernünftigen Einflussnahme, etwa durch Trainings.
Mit dem von Burkhard Sievers und anderen entwickelten Verfahren der Rollenanalyse wird erfahrbar, wie das interne Rollen-Netzwerk funktioniert und wie es mit den Netzwerken der Mitarbeiter und der Patienten interagiert. Diese Erkenntnis bringt Lösungsansätze zur verbesserten Praxisorganisation, zum verbesserten Umgang mit Patienten und Patientinnen, zu größerem beruflichem Erfolg und höherer Zufriedenheit.
Alle Beispiele ermöglichen, sich im Sinne des salutogenetischen Ansatzes zu entwickeln. Sie können sowohl in einer Gruppe als auch im Einzelcoaching erfahren werden.
Wer sich gesund fühlt, ist gesund und kann Belastungen und Krankheiten besser bewältigen – indem er eine Balance zwischen Praxis, Freizeit, Familie und Zukunft findet: Life-Balance.
Uschi Gersch, www.gersch-win.de

Weiterführende Literatur
Auer-Hunzinger, Sievers: Organisatorische Rollenanalyse und -beratung, Zeitschrift für Gruppendynamik 22 (1).
Cooper CL: Stressbewältigung – Person, Familie, Beruf, dtv.
Ernst H: Gesund ist, was Spaß macht, Kreuz-Verlag.
Kaluza G: Gelassen und sicher im Stress, Springer.
Plattner I: Zeitberatung. Die Alternative zu Zeitplantechniken, mvg-Verlag.
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