ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006Praxissoftware: Programme dürfen Ärzte nicht manipulieren

POLITIK

Praxissoftware: Programme dürfen Ärzte nicht manipulieren

Dtsch Arztebl 2006; 103(20): A-1346 / B-1146 / C-1102

Rabbata, Samir

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Foto: Daniel Rühmkorf
Foto: Daniel Rühmkorf
Softwarefirmen verpflichten sich, auf unlautere Pharma-Werbung zu verzichten. Kritiker vermuten ein taktisches Manöver.

Manche Ärzte fühlen sich Manipulationsversuchen ausgesetzt, andere sind einfach nur genervt, wenn sich auf ihrem Computerbildschirm kleine Werbefenster öffnen. Auch künftig wird Pharma-Werbung auf Praxissoftware erlaubt sein, doch will die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sicherstellen, dass Ärztinnen und Ärzte bei der Arzneimittelverordnung nicht durch pharmagesponserte Praxissoftware beeinflusst werden. Dies ist das Ziel einer Selbstverpflichtungserklärung, auf die sich die Softwarehersteller unter Moderation der KBV verständigt haben. „Die Entscheidung des Arztes für ein bestimmtes Medikament muss Vorrang haben und darf nicht beeinflusst werden“, sagte KBV-Vorstandsmitglied Ulrich Weigeldt bei der Vorstellung der Selbstverpflichtungserklärung in Berlin.
Darin legen sich die im Verband Deutscher Arztinformationssystemhersteller und Provider (VDAP) zusammengeschlossenen Unternehmen sowie 19 weitere Firmen fest, bestimmte Grundsätze einzuhalten. So sollen werbende Informationsangebote von Pharmaunternehmen durch den Zusatz „Anzeige/Werbung“ erkennbar werden. Außerdem wird eine Medikamentendatenbank als Bestandteil des Arztinformationssystems angeboten. Diese soll Medikamente nach Preis und Alphabet sortieren und nicht bestimmte Tabletten oder Salben des Sponsors bevorzugen. Preisbasierte Alternativanzeigen zur Bewerbung wirkstoffgleicher Generika oder Reimporte sollen im Sinne wirtschaftlicher Verordnungen erfolgen. Das alternative Mittel soll nur dann erscheinen, wenn das beworbene Präparat tatsächlich günstiger oder preisgleich ist.
Völlig ohne Werbung werde man in der Regel aber auch dann nicht auskommen. Ohne Zuschüsse der Pharmaindustrie wären die EDV-Programme deutlich teurer, warnte Weigeldt. Für werbefreie Varianten, die die Hersteller für ihre jeweilige Software anbieten, müssten Ärzte mit monatlichen Mehrkosten von 30 bis 40 Euro rechnen. Es gehe deshalb darum, die Möglichkeiten für Manipulationen einzugrenzen. Weigeldt: „Das billigste Medikament gehört nach oben.“
Schäden in Milliardenhöhe
Tatsächlich wurden in der Vergangenheit immer wieder Vorwürfe laut, dass beim elektronischen Erstellen von Rezepten Arzneimittel von Sponsoren der Software vorausgewählt wurden, Produkte anderer Hersteller dagegen nur über Umwege zu erreichen waren. Während Pharmafirmen und Softwarehersteller dies zurückweisen, schätzt der Arzneimittelexperte Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, dass der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung dadurch ein jährlicher Schaden von rund 1,2 Milliarden Euro entsteht.
Der Verein für werbefreie Praxissoftware sieht in der Selbstverpflichtungserklärung allenfalls ein Lippenbekenntnis und fürchtet, dass damit die gesetzlichen Vorgaben des Arzneimittelsparpaketes ausgehebelt werden. Im Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) ist vorgeschrieben, dass Praxissoftware künftig von der KBV zertifiziert werden muss. Die Voraussetzungen dafür sind zwischen KBV und Spitzenverbänden der Krankenkassen im Bundesmantelvertrag bis spätestens 31. Dezember 2006 zu regeln. Die Interpretation, mit der Selbstverpflichtung der Hersteller würden die Vorgaben der Selbstverwaltungspartner weichgespült, weist Weigeldt zurück. Vielmehr sei der Kriterienkatalog eine gute Ausgangsbasis für die Beratungen mit den Kassen.
Die Herstellerfirmen sehen der anstehenden Zertifizierung gelassen entgegen: „Die marktführenden Softwarehäuser können die Garantie anbieten, dass kein Arzt durch irgendwelche Automatismen im Programm in seiner Verordnungshoheit beeinträchtigt wird“, sagte Lars Hübner, Vorstandssprecher des VDAP. Auch die Teilnehmer der „Mittelstands-Initiative Arztpraxis-EDV“ begrüßen die Klarstellung zur Praxissoftware im AVWG. Mit dem Gesetz würden die teilweise „diffusen und unsachlichen Vorhaltungen gegen die Softwarehersteller ein für alle Mal beendet“, sagte Jens Naumann, Sprecher der Initiative, deren Mitgliedsfirmen nach eigenen Angaben mit ihrer Software in rund 39 000 Arztpraxen vertreten sind. Es sei für keines der 19 mittelständischen und kleineren Unternehmen der Initiative ein Problem gewesen, das Konsenspapier der KBV zu unterschreiben. „Natürlich können wir Arbeitsregeln unterzeichnen, die für uns selbstverständlich sind“, so Naumann. Samir Rabbata
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