ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006Apotheker: Streben nach einer aktiveren Rolle

POLITIK

Apotheker: Streben nach einer aktiveren Rolle

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Meldeten eine Umsatzsteigerung und neue Arbeitsplätze: ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf (rechts) und Hauptgeschäftsführer Hans-Jürgen Seitz Foto: Elke Hinkelbein
Meldeten eine Umsatzsteigerung und neue Arbeitsplätze: ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf (rechts) und Hauptgeschäftsführer Hans-Jürgen Seitz Foto: Elke Hinkelbein
Nach dem aus ihrer Sicht erfolgreichen Start des Hausarzt- und Hausapothekenmodells mit der Barmer will die ABDA die Position der Apotheker im „Arzneimittelmanagement“ weiter ausbauen.

Den Apotheken ist der Wandel seit der letzten Gesundheitsreform nicht schlecht bekommen. Der Gesamtumsatz lag im Jahr 2005 mit 35 Milliarden Euro um 7,7 Prozent über dem Vorjahresergebnis und erreichte damit einen neuen Spitzenwert. Die Zahl der Apotheken bewegt sich mit rund 21 500 seit Jahren auf stabilem Niveau, sie erhöhte sich 2005 sogar im Vergleich zum Vorjahr um 84. In den Apotheken wurden 3 175 Arbeitsplätze neu geschaffen. Frank Diener, Geschäftsführer Wirtschaft und Soziales der
ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, zog am 3. Mai in Berlin eine recht erfreuliche Bilanz.
Dabei mussten die Apotheker mit der Reform von 2004 einige Kröten schlucken. So wurde der Versandhandel mit Arzneimitteln erlaubt und das Mehrbesitzverbot von Apotheken gelockert. Die Preise für Präparate der Selbstmedikation wurden freigegeben und die Arzneimittelpreisverordnung für verschreibungspflichtige Medikamente geändert. Das so genannte Kombi-Modell koppelt das Honorar der Apotheker vom Einkaufspreis ab. Zuvor verdienten die Apotheker umso mehr, je teurer ein Medikament war. Seit der Änderung erhält der Apotheker stattdessen einen dreiprozentigen Aufschlag auf den Einkaufspreis sowie einen Festzuschlag von 8,10 Euro je Packung. Finanziell hat das den Apothekern offenbar nicht geschadet. Für ABDA-Präsidenten Heinz-Günter Wolf hat der Berufsstand zudem an Glaubwürdigkeit gewonnen. Da das Einkommen des Apothekers nicht länger an den Arzneimittelpreis gekoppelt sei, könnten Beratung und Abgabe der Präparate unabhängig von solchen Erwägungen erfolgen. „Der Apotheker ist ein ökonomisch versierter Heilberufler“, beschrieb Wolf das Selbstbild. „Wir sehen uns als Partner der Versicherten und Patienten und wollen künftig eine aktive Rolle in der Arzneimittelversorgung und der Arzneimittelpolitik spielen.“ Das Verbot der Naturalrabatte, das mit In-Kraft-Treten des Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetzes (AVWG) am 1. Mai wirksam wurde, sieht Wolf deshalb als konsequenten nächsten Schritt auf dem Weg zu mehr heilberuflicher Unabhängigkeit – eine Einschätzung, die jedoch nicht alle Apotheker an der Basis teilten, wie der ABDA-Präsident einräumte.
Mit dem Barmer Hausarzt- und Hausapothekenmodell haben sich die Apotheker im Vertragsgeschäft etabliert. Inzwischen gibt es weitere Verträge zur Integrierten Versorgung. So haben der Deutsche Apothekerverband, der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte und zahlreiche Betriebskrankenkassen Vereinbarungen zur Behandlung mit klassischer Homöopathie geschlossen.
Ihre Rolle sehen die Apotheker vor allem in der Beratung der Patienten und im pharmazeutischen Management. Darunter fallen nach Angaben von ABDA-Hauptgeschäftsführer Hans-Jürgen Seitz insbesondere das Erstellen von Medikationsprofilen, der Abgleich von Doppelverordnungen oder Wechselwirkungen sowie Compliance Checks. Eine weitere Rolle für die Apotheker sieht Seitz bei der Umsetzung der Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern, die das AVWG ermöglicht. „Apotheker und Ärzte sind die einzigen, die solche Verträge nicht nur anbahnen, sondern zum Erfolg führen können“, betonte auch Wolf. Denn ohne eine gewisse Verbindlichkeit in der Arzneimittelverordnung beziehungsweise -abgabe sind solche Verträge für die Pharmafirmen wenig reizvoll. Vor dem Hintergrund der im AVWG vorgesehenen Bonus-Malus-Regelung für die Ärztinnen und Ärzte erneuerte Wolf das Angebot, die Verantwortung zu teilen, das heißt, im Generika-Bereich eine weitgehende Aut-idem-Regelung einzuführen.
Alles in allem scheinen die Apotheker gut aufgestellt. Doch eine Prognose für das Jahr 2006 wagte Wirtschaftsexperte Diener nicht. Zwar soll das AVWG in diesem Jahr die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung um rund 800 Millionen Euro entlasten. Doch Diener rechnet wegen der verstärkten Wirksamkeit des DRG-Systems im Krankenhaus mit einer verstärkten Verlagerung kostenintensiver Therapien aus dem stationären in den ambulanten Sektor. Dies werde in jedem Fall für eine positive Strukturkomponente sorgen, das heißt, die verstärkte Verordnung neuer und teurerer Präparate in den Vertragsarztpraxen. Außerdem werde die Ankündigung einer großen Gesundheitsreform zu Vorzieheffekten führen, die man noch nicht beziffern könne. „Für eine Jahresprognose 2006 ist es also noch zu früh.“ Heike Korzilius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema