ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 2/2006Short Message Service (SMS): Therapie per Handy

SUPPLEMENT: PRAXiS

Short Message Service (SMS): Therapie per Handy

Eichenberg, Christiane

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Innovative Projekte demonstrieren den Nutzen des Mobilfunktelefons in Beratung und Therapie.

Mit der Ausbreitung der mobilen Kommunikation sucht die Klinische Psychologie nach Wegen, diese für ihre Zwecke zu nutzen. Dabei geht es vor allem um die Einbindung von Handys in psychosoziale Unterstützungsangebote. Eine Anwendungsmöglichkeit, die im Rahmen von Beratung und Therapie bislang vorrangig untersucht wurde, ist der Short Message Service (SMS). Dies mag zunächst verwundern, denn bereits bei der psychologischen Intervention mittels Internet wurden die eingeschränkten Möglichkeiten kritisiert, die sich aus dem textbasierten Austausch ergeben. Umso weniger scheint auf den ersten Blick die Problemschilderung und -bearbeitung mittels SMS mit einer Standardzeichenzahl von nur 160 Zeichen umsetzbar zu sein. Handys werden von Jugendlichen jedoch stärker genutzt als das Internet. So haben neun von zehn Jugendlichen ein eigenes Handy, wohingegen nur 28 Prozent der 12- bis 19-Jährigen über einen eigenen Internetzugang verfügen (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2004). Darüber hinaus ist für diese Nutzergruppe das Senden und Empfangen von SMS die wichtigste Kommunikationsfunktion. Daher wurde in Pilotprojekten die Annahme und Effektivität von SMS-gestützten Interventionen insbesondere für diese adoleszente Zielgruppe untersucht.
Der professionelle Einsatz von SMS für Beratungsangebote erfordert eine computerunterstützte Bearbeitung, Verwaltung und Archivierung der Nachrichten, um Koordinationsschwierigkeiten zu vermeiden und den Aufwand zu minimieren. Spezielle Software (wie „SMS Blaster“; www.aspsms.com/download/smsblaster) mit der Möglichkeit zur Teilautomatisierung und der Verwendung einer Internetschnittstelle optimiert diese Prozesse.
In der psychosozialen Beratung und Seelsorge wird der Kurzmitteilungsdienst von einigen Anbietern schon länger genutzt. Einer der Vorreiter ist die christlich-kirchliche schweizerische Institution Seelsorge.net. Seit 1999 beantwortet sie Fragen zu Sexualaufklärung, Freundschaft, Familie sowie zu Missbrauch und Gewalt auch per SMS. Zwei weitere Beratungsstellen, Sextra (Sexualaufklärungsdienst für Jugendliche von pro familia, www.sextra.de) und das „Sorgentelefon für Kinder“, Schweiz, arbeiten inzwischen ebenfalls mit SMS. Im Jahresbericht 2002 des „Sorgentelefons“ (www.sorgentelefon.ch/Jahresberichte/JB2002.pdf) wurden die 3 163 eingegangenen SMS hinsichtlich ihrer Beratungsthemen analysiert. Die meisten Kurznachrichten beinhalteten Fragen der Aufklärung (27 Prozent), 20 Prozent fielen in das Themengebiet Freundschaft, und zehn Prozent wurden als Gesundheitsanfragen kategorisiert. Gegenüber dem Vorjahr, in dem 1 200 SMS mit 192 Jugendlichen gewechselt wurden, sind deutliche Zuwachsraten hinsichtlich der Inanspruchnahme dieses Angebots zu verzeichnen. Ebenso wird deutlich, dass sich der SMS-Austausch nicht auf einen Einmalkontakt beschränkt.

Exemplarische SMS-Anfragen („Sorgentelefon für Kinder“, 2001)
Mädchen (9 Jahre): Ich wohne in einem Heim. Jetzt habe ich zu stehlen begonnen. Wie kann ich damit wieder aufhören?
Mädchen (9): Ich habe Angst vor Spinnen.
Mädchen (11): Ich bin einmal zu spät von der Schule nach Hause gekommen. Jetzt habe ich eine ganze Woche Hausarrest.
Mädchen (11): Helfen Sie mir bei den Rechenaufgaben?
Mädchen (11): Mein Onkel missbraucht mich ständig. Ich habe aber Angst, dies meiner Mutter zu sagen, weil sie es mir nicht glauben wird.
Junge (12): Unsere Mutter ist gestorben. Wir sind traurig. Was sollen wir tun?

Für präventive Zwecke nutzt beispielsweise EMOX den SMS-Dienst (www.emox.ch, Stiftung Berner Gesundheit). Raucher im Alter von 15 bis 40 Jahren sollen durch den Griff zum Handy statt zur Zigarette bei ihrer Entwöhnung unterstützt werden. SMS sollen als Ersatzbeschäftigung und zur Ablenkung dienen.
SMS-gestützte Therapie
Zusätzlich zu den Anwendungsbeispielen des SMS-Dienstes für Prävention und Beratung gibt es eine Pilotstudie, die die Einsatzmöglichkeiten im therapeutischen Prozess untersucht. Diese Studie zur SMS-basierten, nachstationären Behandlung von Bulimiepatientinnen wurde 2003 von der Stuttgarter Forschungsstelle für Psychotherapie gemeinsam mit der Psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont durchgeführt (Bauer et al., 2003). Ziel war die Überprüfung der Akzeptanz, Durchführbarkeit und Effizienz des SMS-gestützten sechsmonatigen Betreuungsprogramms für diese Patientengruppe. An der Untersuchung nahmen 35 Frauen mit der Diagnose Bulimia nervosa teil. Direkt nach dem Abschluss der stationären Behandlung begann die „SMS-Brücke“ in Form wöchentlicher, standardisierter SMS-Kontakte mit dem Ziel, Rückfällen vorzubeugen. Dabei wurden regelmäßig Daten zu Körperzufriedenheit, Essanfällen und kompensatorischen Maßnahmen erhoben, die jederzeit durch freie SMS zu Ereignissen, Gedanken und Gefühlen ergänzt werden konnten. Die Rückmeldung bestand entweder in Verstärkung und Unterstützung oder in der Anregung zur Verhaltensmodifikation. Das SMS-Projekt stieß bei den Patientinnen auf große Akzeptanz: 83 Prozent beurteilten die Qualität des Programms als gut, 88 Prozent würden es weiterempfehlen, und
80 Prozent würden selbst wieder teilnehmen. Das hohe Maß an Standardisierung machte die Minimalintervention per SMS sehr wirtschaftlich: Die Autoren berichteten von ein bis 1,5 Stunden Betreuungsaufwand und Kosten in Höhe von weniger als zehn Euro je Patientin für den gesamten Untersuchungszeitraum. Auch wenn sich bei der Stichprobe eine Stabilisierung der Essstörungssymptomatik nach der Klinikentlassung zeigte, sind die Befunde zur Effektivität der Intervention aufgrund eines fehlenden Kontrollgruppen-Designs allerdings mit Vorbehalt zu beurteilen.
Ein Vorreiter im Bereich der psychosozialen Beratung und Seelsorge ist seit 1999 die kirchliche Institution „seelsorge.net“ aus der Schweiz.
Ein Vorreiter im Bereich der psychosozialen Beratung und Seelsorge ist seit 1999 die kirchliche Institution „seelsorge.net“ aus der Schweiz.
Aufbauend auf diesen positiven Erfahrungen, hat die Forschungsgruppe eine weitere Studie initiiert (siehe www.klinikum.uni-hei
delberg.de/index.php?id=7355). Für die Prävention und Behandlung von Adipositas im Grundschulalter soll eine langfristige Betreuung bei vergleichsweise niedrigem Aufwand realisiert werden. Dabei soll die Effizienz des Einsatzes von Kurznachrichten mit herkömmlichen Methoden verglichen werden. Während in der Interventionsgruppe die Patienten ihre körperlichen Aktivitäten, ihre Ernährung und auch das Feedback per SMS dokumentieren, wird die Kontrollgruppe mit Fragebögen arbeiten. Erwartet wird eine höhere Motivation der Interventionsgruppe mit günstigen Auswirkungen auf Gewicht und Ernährungsverhalten.
Fazit
Die Einbindung des Handys in psychosoziale Unterstützungsangebote hat Vor- und Nachteile (Tabelle). Inzwischen gibt es einige Beispiele für den produktiven SMS-Einsatz im Rahmen von Präventions-, Interventions- und Rehabilitationsmaßnahmen. Innerhalb der psychosozialen Beratung eignet sich dieser Dienst vor allem für Erstkontakte mit eventuell anschließender Weitervermittlung, für Kurzkontakte und Minimalinterventionen.
Künftig gilt es, die neuen Möglichkeiten dieser „Mobil-Therapie“ – als Ergänzung und Erweiterung der internetgestützten Therapie sowie der herkömmlichen Face-to-face-Therapie – weiterzuentwickeln, zu evaluieren und bei positiven Ergebnissen in die Praxis umzusetzen. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dysfunktionale und pathogene Muster der Mobilmediennutzung im Alltag zu diagnostizieren und zu behandeln (Döring & Eichenberg, im Druck). Christiane Eichenberg

Anschrift der Verfasserin: Dr. Christiane Eichenberg, Dipl.-Psychologin, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität zu Köln, Höninger Weg 115, 50969 Köln, E-Mail: eichenberg@uni-koeln.de, Internet: www.christianeeichenberg.de
Literatur bei der Autorin
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Tabelle: Vor- und Nachteile des SMS-Einsatzes

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