ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006Mammographie-Screening: Risiko durch hohe Qualität

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Mammographie-Screening: Risiko durch hohe Qualität

Rieser, Sabine

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Foto: Gerit Godlewsky/Kooperationsgemeinschaft Mammographie
Foto: Gerit Godlewsky/Kooperationsgemeinschaft Mammographie
Mit der standardisierten Brustkrebs-Früherkennung soll sich die Vorsorge bundesweit verbessern. Doch unerwartet haben verantwortliche Ärzte Probleme – mit ihren Versicherungen.

Am 28. Juni 2002 beschloss der Deutsche Bundestag parteiübergreifend die Einführung eines qualitätsgesicherten, bundesweiten Mammographie-Screening-Programms für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren. Mittlerweile hat ein Drittel der vorgesehenen regionalen Screening-Einheiten die Arbeit aufgenommen, der Rest soll bis Ende 2007 folgen. Über Für und Wider dieser Reihenuntersuchung wird noch diskutiert. Unumstritten ist jedoch, dass hohe Qualitätsanforderungen an die beteiligten Ärzte und medizinischen Fachkräfte zu stellen sind, um die Befunde so fehlerfrei wie möglich zu machen.
Pro Jahr muss beispielsweise ein Arzt oder eine Ärztin im Programm die Aufnahmen von mindestens 5 000 Frauen befunden. Ein klar strukturierter Austausch im Team mit vorgeschriebener Doppelbefundung sowie einer Dreifachbefundung im Zweifelsfall soll die Qualität der Ergebnisse erhöhen. „Besondere Anforderungen werden an die so genannten Programmverantwortlichen Ärzte (PVA) gestellt, unter deren Anleitung die Screening-Aufnahmen erstellt werden und die die obligate Doppelbefundung von Screening-Aufnahmen organisieren und im Rahmen der Abklärungsdiagnostik die Diagnosesicherung vornehmen“, heißt es in der Bekanntgabe zum Programm, die Anfang 2004 im Deutschen Ärzteblatt (Heft 4) veröffentlicht wurde. Doch PVA haben zunehmend Probleme, ausreichenden Haftpflichtversicherungsschutz zu erhalten. Dem Vernehmen nach sind viele Versicherer nicht bereit, Policen zu erweitern oder Neukunden eine Haftpflicht für die Tätigkeit als PVA anzubieten. Das gilt zum Teil auch für befundende Ärzte im Team.
„Programm auf der Kippe“
Aufgrund der verbreiteten Verweigerungshaltung hatte sich die die Screening-Einführung begleitende Kooperationsgemeinschaft Mammographie, gegründet von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und den Spitzenverbänden der Krankenkassen, Ende April sogar an das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gewandt. Mehr als 30 Unternehmen lehnten eine Haftungsübernahme ab, ohne Gründe dafür zu nennen, hieß es damals. Folglich stehe zu befürchten, „dass Ärzteteams ihren Versorgungsauftrag nicht beginnen oder wieder zurückgeben“.
„Das Versicherungsproblem scheint sich zu entspannen“, berichtete der Geschäftsführer der Kooperationsgemeinschaft, Jan Sebastian Graebe-Adelssen, jedoch Mitte Mai. „Aber das Programm stand wirklich auf der Kippe.“ Dass Ärzte einen Rückzieher machen könnten, ist realistisch, zumal die Berufsordnung ihnen vorschreibt, ausreichend versichert zu sein. „Ein unzureichender Versicherungsschutz gefährdet am Ende das Screening“, warnte auch Dr. med. Helmut Altland, Vorsitzender des Berufsverbandes der Radiologen.
Eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft erklärte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt, ein Verband könne seinen Unternehmen nicht vorschreiben, wen sie zu versichern hätten. Es sei offensichtlich ein Problem für die Versicherer, innerhalb des Screenings das konkrete Risiko zu bestimmen, das ein PVA trage.
Graebe-Adelssen kann das nachvollziehen: „Versicherer wollen nicht in eine Blackbock investieren.“ Die Unternehmen könnten zwar die Schadenshöhe für den Fall einer falschen Befundung und ihrer Folgen kalkulieren, weil es dafür Vergleichsdaten gebe. Doch derzeit wisse man nicht, mit welcher Schadenshäufigkeit zu rechnen sei. Der Geschäftsführer der Kooperationsgemeinschaft ist jedoch überzeugt davon, dass es aufgrund der Qualitätsvorgaben nur zu sehr wenigen Fehlern und damit Klagen kommen wird.
Nach Kenntnis der KBV bieten inzwischen die Nürnberger und die Zürich Versicherung sowie einige Sparkassen-Versicherungen den gewünschten Deckungsschutz an. Die DBV-Winterthur, die rund 120 000 Ärztinnen und Ärzten Haftpflichtversicherungsschutz bietet und damit einen Marktanteil von rund 45 Prozent hat, habe sich zunächst „restriktiv“ verhalten, bestätigt Patrick Weidinger, Leiter des Geschäftsbereichs Arzthaftpflicht. Das Haftungsrisiko werde eben als sehr hoch eingestuft. „Gleichwohl versichern wir das PVA-Risiko von Ärzten, die schon länger in unserem Bestand sind und die bestimmte Voraussetzungen erfüllen“, ergänzt Weidinger. Ob auch Neukunden in der Regel davon ausgehen können, eine Police für ihre Tätigkeit als PVA zu bekommen – diese Frage lässt Weidinger offen. Sabine Rieser
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