ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006Deutscher Ärztetag in Magdeburg: Guerickes Nachfolger

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Deutscher Ärztetag in Magdeburg: Guerickes Nachfolger

Jachertz, Norbert

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Die Bevölkerung nimmt ab, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Ärzte protestieren. Doch es gibt Lichtblicke.
Eindrücke aus einer alten Stadt, die immer wieder neu anfängt.

Verstehe“, sagte die Stimme am Telefon, „Sie wollen Ängste abbauen.“ Das war der ironische Kommentar auf die Ankündigung, nach Magdeburg zu kommen und auf den 109. Deutschen Ärztetag einzustimmen. Der findet vom 23. bis 26. Mai in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt statt. Übrigens zum Ärger der Hallenser. Zwischen Halle an der Saale hellem Strande und Magdeburg am Elbstrom scheint eine ähnliche Rivalität zu herrschen wie zwischen den Rheinstädten Köln und Düsseldorf.
Magdeburg ist besser als sein Ruf. Die riesigen Brachflächen in der Innenstadt, die die Bomben des Krieges und die Abrissbirnen aus sozialistischer Zeit hinterließen, sind überbaut, die Denkmäler aus Romanik, Gotik und Barock sorgfältig rekonstruiert und restauriert. Die DDR hatte hier schon vorgearbeitet. Heute betätigen sich im Zentrum die Investoren. Gleich zwei große Einkaufszentren sind entstanden, in unmittelbarer Nähe. Die saugen Kaufkraft aus dem „Breiten Weg“, der alten Einkaufsstraße, ab. Hier hatte die DDR ein Musterstück modernen Bauens hingesetzt, benannt nach Karl Marx. Mit diesem Erbe weiß man derzeit nichts anzufangen, es ist im Niedergang. Ganz anders die großzügige Ernst-Reuter-Allee, die den Breiten Weg kreuzt. Dieser Boulevard, der ursprünglich an DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck erinnerte, ist mit hohen Blocks im Stalinstil bebaut. Sie sind frisch aufgearbeitet und wirken elegant. Wer hätte das gedacht: Der Zuckerbäckerstil wird klassisch. Investorenstil wiederum überwältigt den Domplatz: Ein dunkles wuchtiges Gebilde wurde den zierlichen Barockbauten, die nach dem Krieg gerettet werden konnten, gegenübergestellt. Frappierend wirkt das letzte Werk von Friedensreich Hundertwasser, eine Märchenburg, in der noch Wohnungen und Gewerberäume zu mieten sind. Sie ragt in den Domplatz hinein, in der Diagonale zu dem romanisch-gotischen Dom, dem Magdeburger Wahrzeichen. In einer Ecke des Domplatzes fand sich schließlich noch ein Plätzchen für das Wende-Denkmal „Wir sind das Volk“, das an die Montagsdemonstrationen von 1989 erinnert. Es besteht aus zwei bronzenen Halbsäulen (oder Baumstämmen?), die fast, aber nicht ganz beieinander sind.
Magdeburgs Ruf, eine öde Industriestadt zu sein, rührt aus der Zeit, als die DDR-Bezirke Magdeburg und Halle von den großen Kombinaten geprägt waren. In Magdeburg dominierte der Schwermaschinenbau. Die Rolle war der Stadt vom RGW, dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, zugedacht worden. Die Kombinate sind heute verschwunden, bis auf wenige Rudimente. SKET zum Beispiel, das Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann. Mit den Kombinaten verschwanden auch die Arbeitsplätze. Die Arbeitslosigkeit im Land ist hoch, nur Mecklenburg-Vorpommern liegt schlechter. Seit der Wende geht die Bevölkerung zurück. 1990 zählte Magdeburg 290 000 Einwohner, heute 225 000, Tendenz fallend. Die Bezirke Halle und Magdeburg kamen 1990 auf drei Millionen Einwohner, Sachsen-Anhalt heute auf knapp 2,5 Millionen. Das Statistische Landesamt rechnet bis 2020 mit einem weiteren Rückgang um 493 000 auf dann rund zwei Millionen Einwohner.
Ein junger Mann preist die Schönheiten seiner Vaterstadt: die wieder aufgebaute Altstadt, die „Grüne Zitadelle“ von Hundertwasser, die endlosen Parks an der Elbe, das tolle Sportangebot. Ja, es gebe auch ein schickes Ausgehviertel rund um den Hasselbachplatz. „Ich will hier noch lange leben und nicht wegmüssen wie all die anderen“, fügt er hinzu. Er redet sich in Eifer. Nach der Wende seien alle so motiviert gewesen. „Ihr (aus dem Westen) hättet mit uns alles machen können. Wir wollten arbeiten. Aber jetzt sitzen die Leute schon seit 15 Jahren da, tun nichts und werden alt.“
Bauten im Stalinstil auf einem früher nach DDR-Präsident Wilhelm Pieck benannten Boulevard Fotos (2): Norbert Jachertz
Bauten im Stalinstil auf einem früher nach DDR-Präsident Wilhelm Pieck benannten Boulevard Fotos (2): Norbert Jachertz
Die Stadt sucht nach neuen Konzepten. Eines ist die „Stadt der Wissenschaft“, 2006 wurde zum Wissenschaftsjahr proklamiert. Vor allem Technik und Naturwissenschaften sollen, wie Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper formuliert, „zu Markte getragen werden“. Magdeburg kann hier auf eine lange Tradition verweisen, bis auf Otto von Guericke, den Bürgermeister und Physiker, der im 17. Jahrhundert das Vakuum erforschte und seine Erkenntnisse buchstäblich zu Markte trug. Aus dem Physikunterricht ist jedem noch seine Demonstration der beiden Halbkugeln im Gedächtnis, die zwei Pferdgespanne nicht auseinander ziehen konnten. Ein wirkungsvoller PR-Gag. Das Magdeburger Stadtlogo erinnert daran. Auch ist die Universität nach von Guericke benannt. Die ist 1993 aus der Fusion von drei Hochschulen entstanden und feilt noch an ihrem Selbstbild. Konkurrent Halle verweist demgegenüber auf lange Geschichte, hohe Reputation und die alte Burschenherrlichkeit.
MVZ: Wiederkehr der Poliklinik
Die medizinischen Fakultäten sollen in Magdeburg wie in Halle-Wittenberg erhalten bleiben. Jedenfalls bekennt sich das Hochschulgesetz von 2005 dazu. Die Magdeburger sollen sich demnach auf die Neurowissenschaften konzentrieren. Die Experten sind noch uneins, ob eine säuberliche Trennung praktikabel ist, zumal die Fakultät für das normale Medizinstudium das gesamte Fächerspektrum vorhalten muss. Fakultät und Klinikum sollen getrennt werden. Die medizinische Fakulät verbleibt danach bei der Universität, während das Klinikum in eine Anstalt des öffentlichen Rechts verwandelt wird. Ärztekammer-Präsident Dr. Henning Friebel, der im Hauptberuf persönlicher Referent des Ärztlichen Direktors ist, will nicht ausschließen, dass hier die Vorstufe zur Privatisierung beschritten wird. Die Ärzte der Magdeburger Medizin verbleiben, so der Plan, bei der Fakultät, die mit dem Klinikum einen Gestellungsvertrag schließt. Anders in Halle-Wittenberg: hier werden die Fachärzte beim Klinikum angestellt, während die Assistenzärzte der Fakultät angehören. Wenn das mal gut geht.
Auch in Sachsen-Anhalt protestieren die Ärzte. Am 20. März trafen sich 4 500 unter dem goldenen Magdeburger Reiter auf dem Alten Markt zum „Protesttag“. Im Land gibt es 10 000 Ärztinnen und Ärzte, davon sind 3 300 niedergelassen, 4 900 arbeiten im Krankenhaus. Die Proteste richteten sich wie überall gegen Leistungsabbau, ungerechte Bezahlung, Bürokratie und Bonus-Malus. In Sachsen-Anhalt (wie auch in anderen ostdeutschen Ländern) hat sich weiteres Protestpotenzial angestaut.
Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt sieht die ärztliche Versorgung gefährdet, vor allem auf dem Lande und insbesondere im hausärztlichen Sektor. Zumindest mittelfristig. In 15 von 24 Kreisen liegt die Versorgung unter dem statistischen „Soll“ gemäß Bedarfsplanung, im Saalkreis gar bei 68 Prozent, in Salzwedel in der Altmark bei 79 Prozent. Die Lage könnte sich schnell verschlechtern, denn von den 1 500 Hausärzten entfallen 238 auf die Altersgruppe 63 bis 65.
Das führt zu einem unangenehmen Nebeneffekt. Praxen werden unverkäuflich. 1990, als die staatlichen Polikliniken aufgelöst wurden, sind die Ärzte und Ärztinnen mit dem Argument in die Einzelpraxis gelockt worden, sie sei eine sichere Sache. Viele haben sich hoch verschuldet, selbst Ärzte in reiferen Jahren. Die Praxis galt als Alterssicherung. „Um diese Absicherung sind sie jetzt betrogen“, sagt Kammerpräsident Friebel. „Und deshalb sind sie heute auch so wütend.“ Es sei ein Fehler gewesen, 1990 allein auf die Einzelpraxis zu setzen und nicht auch eine geeignete Rechtsform für die Polikliniken zu finden. Medizinisch seien die sinnvoll gewesen, so Friebel.
Das Wende-Denkmal erinnert an die Montagsdemonstrationen im Jahr 1989.
Das Wende-Denkmal erinnert an die Montagsdemonstrationen im Jahr 1989.
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Die Idee der Poliklinik könnte mit dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) wieder aufleben. Ein Befürworter ist der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. med. Wolfgang Böhmer, Gynäkologe und lange Chefarzt in Wittenberg, bevor er 1990 in die Politik berufen wurde (siehe Interview im letzten DÄ). Die MVZ hält er geeignet für die fachärztliche Versorgung, weniger für die hausärztliche. In der hausärztlichen Versorgung ließe sich die Lage entspannen, wenn die Kassenärztliche Vereinigung großzügiger Außensprechstunden genehmigen würde.
Wende-Geschichten
Böhmer ist mit seiner Staatskanzlei Ende letzten Jahres vom Domplatz wieder in das Palais am Fürstengraben gezogen. Im Kaminzimmer, neobarock, empfängt er seine Gäste. Gelassen und mit ein bisschen Augenzwinkern erzählt Böhmer von einer wundersamen politischen Karriere, wie sie nur in Wendezeiten möglich ist: Wie er, der Chefarzt aus dem Wittenberger Paul-Gerhardt-Stift, von der CDU angesprochen wurde; es hätte auch die SPD sein können, wenn die dran gewesen wäre – denn die programmatischen Unterschiede seien ihm 1990 noch nicht so geläufig gewesen. Man habe einen Ossi gebraucht, damit das Kabinett nicht nur mit Wessis besetzt gewesen sei. Wie er Sozialminister habe werden sollen, der Amtsinhaber aber bockig gewesen sei und wie er, Chefarzt Böhmer, dann wider Erwarten Finanzminister geworden sei. Wie er noch als Minister versucht habe, Politik, Sprechstunden und Operationen unter einen Hut zu bekommen. Nun ist Böhmer schon vier Jahre Landesvater und hat gerade eine Neuwahl erfolgreich hinter sich. Eine Story, die schon Wende-Geschichte ist.
Böhmer führt die Probleme seines Landes auf jene Kombinatsstrukturen zurück, die gerade für die DDR-Bezirke Magdeburg und Halle besonders charakteristisch gewesen seien. Nach deren Zusammenbruch hätten völlig neue Strukturen aufgebaut werden müssen. Deswegen habe es Sachsen-Anhalt schwerer gehabt als andere Länder der ehemaligen DDR, in denen die Wirtschaft kleinteiliger organisiert gewesen sei.
Seinen Wahlkampf hat Böhmer mit den Parolen „Tatkraft“ und „Zuversicht“ geführt. Wer Menschen auf dem Weg mitnehmen wolle, der müsse versuchen, auch ein wenig Zuversicht zu vermitteln. Es gibt neuerdings häufiger Anlass zu Zuversicht: die politischen Verhältnisse scheinen stabil, im Unterschied zu den ersten Wendejahren, als Sachsen-Anhalt oft negativ in den Schlagzeilen war. Das Wirtschaftswachstum lag 2005 bei 0,9 Prozent und damit im Bundesdurchschnitt, während die übrigen Ostländer im Minus lagen. Die Arbeitslosenquote sank im April stärker als in jedem anderen Bundesland und lag erstmals unter 20 Prozent.
Nach der politischen Wende von 1990 hat sich Magdeburg besonders eifrig um die Sicherung und Aufarbeitung von Stasi-Unterlagen gekümmert. Über Verwicklungen der Medizin entstand eine mehrbändige Dokumentation. Wie auch sonst in Ostdeutschland wurden Ärzte, vor allem leitende, mit nachweislichen Stasi-Verbindungen entlassen. Sie ließen sich zumeist nieder, erfolgreich, denn die alten Chefs hatten unter den Patienten einen medizinisch guten Ruf.
Vergangenheiten
Das letzte Bauwerk von Friedensreich Hundertwasser: eine Märchenburg in der Stadt Foto:Werner Klapper
Das letzte Bauwerk von Friedensreich Hundertwasser: eine Märchenburg in der Stadt Foto:Werner Klapper
Das Bürgerkomitee Sachsen-Anhalt ist bis heute aktiv. Es betreibt ein Dokumentationszentrum im früheren Untersuchungsgefängnis der Staatsicherheit am Moritzplatz. Der Originalschauplatz wurde kaum verändert. Bräunliche Blümchentapeten, grau-brauner Linoleumboden, Resopaltische, die Stasi war schäbig untergebracht. Im Verhörzimmer saß der Stasibeamte mit dem Rücken zum Fenster, sein Opfer, ihm gegenüber, blickte durchs Fenster auf den Zellentrakt mit den vergitterten Fenstern. 25 solcher Verhörzimmer gab es. Welch kleine und große Dramen haben sich hier abgespielt?
Die Stasi beschäftigte in den DDR-Bezirken Magdeburg und Halle insgesamt 7 000 hauptamtliche Mitarbeiter. Dazu kamen die informellen (IM). Deren Zahl ist nicht bekannt. Man schätzt, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung verwickelt war. In gesellschaftlich wichtigen Bereichen lag der Anteil höher, für die Medizin wird er in der Literatur mit mindestens drei Prozent angenommen. Die Gedenkstätte am Moritzplatz wird heute zumeist von Schulklassen besucht. An dem Vormittag, als der seltene Einzelbesucher hereinschneit, ist keine Klasse angesagt. Für ihn wird eigens das Licht angeknipst. Man muss sparen.
Die nächstgelegene Straßenbahnhaltestelle liegt an der Nicolaikirche. Ein strenger Bau aus der Zeit, als Magdeburg preußische Festungsstadt war. Über dem Portal, weithin sichtbar, eine rätselhafte Inschrift: „Mit Gott durch Königshuld“. Was immer das bedeuten mag – „mit Gott“ leben in Magdeburg heute nicht mehr viele, zumindest ausweislich der Kirchenstatistiken. Im edlen Magdeburger Dom teilt eine Infotafel mit, dass im Kirchenkreis Magdeburg nur acht Prozent evangelisch sind. In Ostdeutschland insgesamt läge der Anteil bei 22 Prozent.
Magdeburg, 805 erstmals urkundlich erwähnt (das 1 200-jährige Jubiläum wurde 2005 gefeiert), blickt auf eine lange kirchlich-politische Geschichte zurück. 968 errichtete Kaiser Otto I. das Erzbistum Magdeburg. Die Stadt wurde zu seinem Lieblingsplatz. Im Hochchor des Domes liegt er begraben. Manchen gilt Magdeburg wegen Otto („des Großen“) als Wiege des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Von Magdeburg ging die Slavenmission aus. Die brachte auch weltlichen Erfolg. Das Magdeburger Stadtrecht aus dem 12. Jahrhundert wurde in 700 Städten Osteuropas übernommen. Die mittelalterliche Geschichte soll eine Ausstellung vom 28. August bis 10. Dezember 2006 lebendig machen. Mit der Reformation endete das katholische Erzbistum (1994 wurde es als Bistum wiederbelebt, ein Abglanz vergangener Größe). Von der katholischen Liga wurde Magdeburg im Dreißigjährigen Krieg abgestraft: Tillys Truppen brachten neunzig Prozent der Einwohner um – das Datum blieb im Gedächtnis: der 19. Mai 1631. Magdeburg wurde schließlich (ab 1680) preußisch und blieb das, bis der Zweite Weltkrieg der Preußenzeit ein Ende setzte. Das Stadtbild prägt sie bis heute. Denn Preußenzeit war auch Gründerzeit. Kämen doch erneut die Gründer in großer Zahl und mit ihnen der Aufschwung. Immerhin, ein paar Investoren sind schon da. Norbert Jachertz

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