ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 2/2006Freie Software in der Arztpraxis: Open Source statt Blackbox

SUPPLEMENT: PRAXiS

Freie Software in der Arztpraxis: Open Source statt Blackbox

Dtsch Arztebl 2006; 103(20): [26]

Hilbert, Sebastian

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Das Projekt GNUmed arbeitet an ärztlicher Software, die zur qualitativen Verbesserung der Versorgung beitragen soll.

Viele Arztpraxen setzen heute umfangreiche Computertechnik ein. Obgleich zur Abarbeitung gesetzlich vorgeschriebener Arbeitsabläufe sehr hilfreich, werden die eigentlichen Stärken der Technik oft nicht ausgespielt. Das Ziel, mit moderner Technik die Patientenbetreuung zu verbessern und die Effizienz in der Arztpraxis zu steigern, haben nicht nur die Anwender, sondern auch viele Anbieter längst aus den Augen verloren. Vor dem Hintergrund wachsender Bürokratie hinsichtlich Dokumentation und Abrechnung ist der Haupteinsatzzweck vieler EDV-Installationen das Erfassen und Optimieren der abrechnungsrelevanten Leistungen.
Hinzu kommt, dass die Ressourcen der Softwarehäuser durch die kurzfristige Umsetzung gesetzlicher Vorgaben derart gebunden sind, dass eine sinnvolle Weiterentwicklung der Programme im Sinne einer qualitativen Verbesserung der medizinischen Versorgung häufig nicht stattfindet. Das Problem betrifft nicht nur Deutschland und nicht nur den medizinischen Sektor. Deshalb haben sich national und international Ärzte zusammengefunden, die diesem Trend etwas entgegensetzen wollen.
Das Problem ist nicht neu. Bereits 1990 startete ein junger finnischer Student eine Entwicklung, die unter dem Namen „GNU/Linux“ inzwischen auf vielen Computern weltweit eingesetzt wird und mit Unterstützung von Unternehmen wie IBM und Novell die Monopolstellung von Microsoft infrage stellen soll. Das Resultat sind zwei bekannte Open-Source-Produkte, die auch unter Ärzten immer mehr Anhänger finden: das Betriebssystem „GNU/Linux“, das als Grundlage einiger Praxisverwaltungsprogramme dient, und „OpenOffice“, das sowohl unter MS-Windows als auch unter GNU/Linux – anders als MS- Office – an immer mehr Praxisprogramme angebunden wird und eine sowohl quelloffene als auch kostenfreie Alternative darstellt.
Der englische Ausdruck „Open Source“ (für Quelloffenheit) wird in der Regel auf Computersoftware angewandt und besagt im Sinne der Open-Source-Definition, dass jeder Einblick in den Quelltext eines Programms nehmen kann und darüber hinaus diesem Quellkode auch beliebig weitergeben oder verändern darf (siehe Begriffserläuterung in Wikipedia; www.wikipedia.de).
Immer häufiger werden Daten aus Praxiscomputersystemen an Dritte übertragen – sei es im Rahmen von Disease-Management-Programmen oder beim Datenaustausch mit Kollegen. Die „geschlossene Natur“ der herkömmlichen Praxissoftware verhindert, dass nachvollzogen werden kann, welche Daten tatsächlich übertragen werden. Mit quelloffener Software soll genau dies verhindert werden. Per definitionem kann jeder den Quelltext und den Ablauf der Software nachvollziehen und bei Bedarf an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Hintertüren und Datenübertragungen an nicht autorisierte Parteien lassen sich so wirkungsvoll ausschließen.
GNUmed
Als Alternative zu den systembedingten Schwächen herkömmlicher „geschlossener“ Software hat sich das Projekt GNUmed gegründet. Als loser Verbund von Ärzten und Computerspezialisten aus aller Welt nutzt es die Vorzüge der Quelloffenheit, um eine Software zu
entwickeln, die zur qualitativen Verbesserung der medizinischen Versorgung beiträgt. Die GNUmed-Software unterscheidet sich erheblich von geschlossener Software. Der Fokus der Entwicklung liegt auf der Umsetzung von Forschungsergebnissen, die die medizinische Dokumentation entscheidend verbessern soll. Dabei wird von Beginn an darauf geachtet, dass nicht die Papierdokumentation abgebildet, sondern die Vorzüge von EDV-Systemen ausgeschöpft werden. GNUmed ist patientenzentriert, problemorientiert und episodenbasiert. Die Praxisbesuche eines Patienten werden von Anfang an strukturiert (SOAP) erfasst und nach Episoden geliedert einer oder mehreren Grundkrankheiten zugeordnet. Diese Vorgehensweise ermöglicht jederzeit eine schnelle Übersicht über den Verlauf einer Grundkrankheit, ohne dass dafür seitenweise die elektronische Karteikarte durchgeblättert werden müsste. Fragen nach der Anzahl und dem Verlauf von Episoden (zum Beispiel Hyperglykämie/Hypoglykämie) der Grundkrankheit (zum Beispiel Diabetes mellitus) sind so auf einen Blick zu beantworten.
GNUmed ist quelloffen. Anders als sonst üblich können sämtliche jemals erhobenen Daten exportiert werden und so beim Wechsel auf ein anderes System in jedem beliebigen Format bereitgestellt werden. Die umfangreiche Dokumentation des Programms ermöglicht es jedem Softwarehaus mit den nötigen Kenntnissen, diesen Datentransfer vorzunehmen. Eine Abhängigkeit von einzelnen Softwarepartnern wird dadurch vermieden. Gleiches gilt für den Datenimport beim Wechsel zu GNUmed: Wie viele Daten importiert werden können, hängt allein davon ab, welche Daten aus dem Ursprungsprogramm exportiert werden können.
Die Open-Source-Software hat noch weitere Vorteile: Der Datenaustausch mit Fremdprogrammen, die oft zum Betreiben von medizinischen Geräten notwendig sind, ist beim Einsatz von GNUmed lediglich dadurch begrenzt, in welchem Umfang die Fremdsoftware die bereitgestellten Daten einlesen und auch wieder ausgeben kann. Die Open-Source-Lösung setzt auf offene Standards und frei erhältliche Programme. So kann sie sowohl unter MS-Windows als auch unter GNU/Linux betrieben werden. Der Einsatz unter MacOSX ist prinzipiell möglich, jedoch nicht getestet. Weiterhin ist GNUmed modular erstellt, sodass es international einsetzbar ist. Fremdanbieter können länderspezifisch optimierte Programmteile ohne großen Aufwand hinzufügen. Die Sprache der Programmoberfläche lässt sich durch einfaches Erstellen von Übersetzungsdateien an die lokalen Gegebenheiten angepassen.
Transparenz
Auch bei der Kommunikation über offene Datennetze geht das Projekt neue Wege. Statt zu versuchen, Sicherheit durch Informationssperre und geschlossene Software zu erreichen, setzt GNUmed auf Transparenz und bewährte Software zur Datenübertragung und Verschlüsselung: Durch den Einsatz von GNUmed unter GNU/Linux und den Einsatz von Verschlüsselungsprogrammen ist die GNUmed-Software weitgehend unanfällig gegenüber Viren und Angriffen Dritter. Sicherheitslücken im zugrunde liegenden Betriebssystem werden von Firmen wie IBM, SUN
und Novell sowie vielen Freiwilligen schnell gefunden und zeitnah über Updates beseitigt. Viele regionale Computerdienstleister verfügen über das nötige Know-how, um die Praxis-EDV ohne ständige Investitionen aktuell und sicher zu halten.
Ausschnitt aus der Karteikarte im linuxbasierten Arztprogramm GNUmed
Ausschnitt aus der Karteikarte im linuxbasierten Arztprogramm GNUmed
Es bestehen aber durchaus auch Gemeinsamkeiten mit herkömmlicher Software. Obgleich GNUmed quelloffen und frei verfügbar ist, müssen GNUmed-Derivate, die in deutschen Arztpraxen eingesetzt werden sollen, einen Zertifizierungsprozess durchlaufen. Zu welchem Preis eine solche zertifizierte Version vertrieben und gewartet wird, liegt allein im Ermessen der jeweiligen Anbieter. Die Quelloffenheit des Grundprogramms unterstützt jedoch den Wettbewerb auch bei den Servicegebühren.
Bei der Umsetzung der Abrechnungsfunktionalität wird ebenfalls ein neues Konzept erprobt. Geplant ist die Bündelung der Entwicklungsressourcen bei einem Anbieter, der ein entsprechendes Modul an andere Softwarehersteller
lizenziert. Damit werden Ressourcen für die Programmentwicklung selbst frei – ein interessanter Ansatz auch für Anbieter herkömmlicher Software. Ermöglicht wird das durch die Definition gemeinsamer Schnittstellen, über die der Abrechnungskern an viele Programme angeschlossen werden kann.
Die Open-Source-Lösung ist aber noch nicht so komplett wie die langjährig am Markt vertretenen Praxisprogramme. Gesetzliche Vorgaben der Politik und die Einflussnahme von industriellen Interessengruppen im Rahmen der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte führen dazu, dass langjährig erprobte Open-Source-Standards zugunsten geschlossener Soft- und Hardwarelösungen von der Kommunikation ausgeschlossen werden. Die Folgen für die Arztpraxis sind eine Zunahme der Abhängigkeit von einzelnen Softwareanbietern und eine zunehmende Einflussnahme auf ärztliche Entscheidungsprozesse. Die quelloffene Natur der GNUmed-Software wird beispielsweise verhindern, dass Softwarehäuser die Verschreibungsmodalitäten diktieren. GNUmed fungiert derzeit nicht als Ersatz bestehender Software, sondern als Erweiterung. Als Dokumentenarchiv seit geraumer Zeit im Einsatz, kann es mittels BDT-Schnittstelle mit etablierten Praxisprogrammen kommunizieren und über eine XML-RPC-Schnittstelle durch diese ferngesteuert werden.
Das von Ärzten geführte Projekt muss noch einen weiten Weg bis zur Fertigstellung der Lösung bewältigen. GNUmed lebt daher von der Beteiligung interessierter Ärzte. Grundlegende Computerkenntnisse sind hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Neben der Programmierarbeit beschäftigt sich das Projekt mit der Diskussion und der Umsetzung von Erfahrungswerten deutscher Ärzte mit der herkömmlichen Software. Einsetzbar ist GNUmed schon heute. Lauffähig unter MS Windows und GNU/Linux können Patientendaten verwaltet, eine effiziente problemorientierte und episodenbasierte elektronische Karteikarte geführt und Papierdokumente/elektronische Fremdbefunde archiviert werden.
Ausblick
Die nächste Version von GNUmed wird sich der effizienten Akquise und Verwaltung von Labordaten sowie der Anbindung an einen digitalen Notardienst zur Anhebung der Vertrauenswürdigkeit elektronischer Karteikarten widmen. Weitere Funktionen können jederzeit und unabhängig vom GNUmed-Projekt durch andere Anbieter und Firmen hinzugefügt werden.
So arbeiten die australischen Entwickler bereits an einer Integration von Arzneimitteldatenbanken. Ziel ist es, Interaktionschecks und aktuelle Studienergebnisse bereits bei der Verschreibung bereitzustellen und dem Arzt aktive Entscheidungshilfen zu geben. Realisiert werden soll das durch die Verknüpfung der quelloffenen Medikamentendatenbank „DrugRef“ mit lizenzierten länderspezifischen Arzneimitteldatenbanken. Unabhängig davon wie schnell GNUmed in der Praxis seine Funktion erfüllen kann, dient es schon jetzt als Referenz für eine Software, die die Qualität der ärztlichen Tätigkeit verbessern will und kann. Sebastian Hilbert,
E-Mail: sebastian.hilbert@gmx.net
Anzeige

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote