ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006The Doctor in Literature – Satisfaction or Resentment?

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The Doctor in Literature – Satisfaction or Resentment?

Dtsch Arztebl 2006; 103(20): A-1366 / B-1160 / C-1116

Posen, Solomon

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Literatur
Vergnügen, aber auch Betroffenheit
Solomon Posen: The Doctor in Literature – Satisfaction or Resentment? Radcliffe Publishing, Oxford, Seattle, 2005, 298 Seiten, 49,50 €
Der Sydneyer Endokrinologe Solomon Posen hat nach seiner Emeritierung ein großes Werk zur Literaturgeschichte begonnen: eine auf vier Bände angelegte Anthologie zur Verarbeitung des Themas „Arzt“ in der Weltliteratur. Damit schließt der Autor „Flughafenliteratur“, die ihre Leser am Reiseziel nach Zweckerfüllung im Abfall entsorgen, von der Zitatensammlung aus. In der Planung sind Band 2 über das persönliche Leben des Arztes, seine Familie, seine berufliche Befriedigung, seine Kollegen und seine Gesundheit, Band 3 über Karrierewege und Archetypen der ärztlichen Sparten; Band 4 schließlich ist für Themen wie Ärztinnen und Ärzte, das Verhältnis zu den Krankenschwestern, den Komplex Abtreibung sowie sexuelle Fantasien und Begegnungen vorgesehen.
Der – in englischer Sprache – vorliegende erste Band behandelt in elf Kapiteln Aspekte verschiedener Arzt-Patienten-Beziehungen, angefangen mit dem Uraltproblem ärztlicher Honorierung. Auch die Zeiten vor Ge-
bührenordnungen waren nicht einfach, wie Louis-Ferdinand Céline formuliert: „Bezahlt von den Reichen, fühlst du dich wie ein Lakai, bezahlt von den Armen wie ein Dieb
. . .“. Es folgt das Phänomen „Zeit“ aus Sicht gehetzter Ärzte und – oft unter Schmerzen – wartender Patienten.
Beleuchtet werden ärztliche Verhaltensweisen am Krankenbett mit Beispielen lauer Scherze, brutaler „Tierarztmethoden“, von Gefühllosigkeiten, aber auch gehöriger Sensibilitäten. Die Gratwanderung bei der Wortwahl am Sterbebett wird auch am Beispiel von Dr. Grabow aus den Buddenbrooks aufgezeigt: Dem Senator sagt er – letztlich nichtssagend – über die sterbende Mutter: „Nicht dass eine unmittelbare Gefahr vorläge . . . Aber unter diesen Umständen muss man immer aus der Ferne mit unvorhersehbaren Zufälligkeiten rechnen . . .“.
Beleuchtet werden die ärztlichen Untersuchungstechniken und Bemühungen um die Diagnose. Patientenleid und -schicksal infolge Fehldiagnose kommen hier zur Sprache. Es schließt sich das Kapitel über die Wahrheit im Mund des Arztes an: Beispiele des unehrlichen Optimismus, der vorenthaltenen Information, der Täuschung werden von den Schriftstellern mit entsprechenden Arztbildern verbunden, zum Beispiel Dr. Salter in J. Mortimers „Paradise Postponed“: „Er sah mehr wie ein hartgesottener Pferdehändler aus als der die Klinik leitende Arzt . . .“. Kapitel 6 widmet sich Schilderungen der Erfolge und Misserfolge bei der Behandlung. Dem Heiler und Triumphator steht der Versager gegenüber, auch die fehlende Compliance des Patienten kann die Gesundung verhindern: In Hoffmanns Erzählungen stirbt Antonia, weil sie von dem ihr verbotenen Gesang nicht lassen kann. In Kapitel 7 geht es um die Identifizierung des Arztes mit der Krankheit seines Patienten: Zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig ist eine ideale Mitte zwar zu ahnen, aber kaum zu formulieren.
Kapitel 8 beginnt mit einem weiteren Céline-Zitat: „Ärzte sind . . . Schweine, jeder weiß das.“ Irrationale und unbegründete, aber auch begründete Animositäten und Vorurteile beruhen auf Aktionen ärztlicher Grausamkeit, Arroganz und Ignoranz. Zitate von Plinius bis Thomas Bernhardt zeigen dieses uralte, leider anhaltende Problem auf. Weitere Kapitel widmen sich der ärztlichen Visite, dem sozialen Status des Arztes und dem Arzt vor Gericht, sei es als Zeuge oder Angeklagter. Beispiele ärztlichen Fehlverhaltens mit nachfolgender Vertuschung, wie durch Dr. Charles Bovary (Flaubert), sind literarisch eindrucksvoll.
Insgesamt hat der Autor etwa 1 500 Zitate aus rund 600 Werken der Literatur in übersichtliche Sachzusammenhänge gebracht. Die Werke seiner Muttersprache (Englisch) sind besonders breit vertreten – der Literatur-
kenner Posen hat aber die Dichter und Schriftsteller anderer Sprachen in gleicher Weise zu Wort kommen lassen, sofern sie ihm als Übersetzungen ins Englische vorlagen. Die Bibliographie, bestehend aus Quellenverzeichnis, Liste der Übersichten, Namensverzeichnis und Stichwortregister, machen den Band nach großem Lesevergnügen, verbunden auch mit Betroffenheit, zu einem wertvollen Arbeitsinstrument. Mit Neugier wartet man auf Band 2. Reinhard Ziegler
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