ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006Evidenzbasierte Medizin am Beispiel der diabetischen Retinopathie: Studien zu Magnesium fehlen

MEDIZIN: Diskussion

Evidenzbasierte Medizin am Beispiel der diabetischen Retinopathie: Studien zu Magnesium fehlen

Dtsch Arztebl 2006; 103(20): A-1383 / B-1176 / C-1132

Ehrlich, Bodo von

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LNSLNS In der Übersicht zur diabetischen Retinopathie verdienen die vorliegenden Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Magnesiummangel und Schweregrad der diabetischen Retinopathie Erwähnung. Die Erstbeschreibung erfolgte bereits 1978 durch Mc Nair. In einer Metaanalyse über weltweit zehn Fall­kontroll­studien mit insgesamt 1 141 Personen, darunter 371 Diabetiker mit Retinopathie und 531 Diabetiker ohne Retinopathie, bestätigte sich mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit < 5 Prozent ein inverser Zusammenhang zwischen Serum-Magnesium-Spiegel und Schweregrad der Retinopathie. (1) Der Zusammenhang war in acht von zehn Studien nachweisbar. Auch eine prospektive Studie (2) identifizierte den Serumgehalt von Magnesium als prognostischen Marker beziehungsweise Magnesiummangel als Risikofaktor für die Progredienz einer diabetischen Retinopathie und zwar unabhängig von HbA1 und Diabetesdauer. Die von Hörle und Kroll erwähnten großen prospektiven Diabetesstudien UKPDS (United Kingdom prospective diabetes study) und DCCT (Diabetes control and complication trial) haben Magnesium nicht untersucht. Gegensätzliche Einflüsse von Sulfonylharnstoffen (intrazelluläre Mg-Depletion) und Biguaniden (relativ Magnesium neutral) fanden mit damaligem Erkenntnisstand keine Beachtung. Bei vielen Patienten steht eine Verbesserung des Mg-Haushalts durch optimale Diabetesführung mit dem etablierten Therapieregime außer Zweifel. Es bleiben aber bei einer Subpopulation von HbA1 optimal eingestellten wie auch bei allen nicht optimal einstellbaren Patienten die Serum-Mg-Werte suboptimal (< 0,8 mmol/L) beziehungsweise pathologisch (0,75mmol/L). Für alle diese Patienten stellt sich die berechtigte Frage, ob durch Magnesiumsupplementation und Normalisierung des Serum-Magnesiums-Spiegels eine Retinopathieprävention oder Progressionshemmung erreichbar ist.
Es geht naturgemäß nicht um eine Alternative zu den etablierten Therapien, sondern um deren Ergänzung. Der Anteil der Diabetiker mit Magnesiummangel liegt in der Größenordnung von bis zu 20 Prozent selbst bei gut eingestellten Patienten. Die apodiktische Forderung nach diätetischem Ausgleich greift insbesondere bei übergewichtigen Diabetikern zu kurz. Magnesiumreiche Nahrungsmittel sind vielfach kalorienreich.
Die Datenlage zu Magnesium und Diabetes ist sowohl nach der Evidenz (3a Härtegrad C) aber auch nach Therapiesicherheit, Akzeptanz und Ökonomie zu bewerten. In Zusammenschau dieser Gesichtspunkte verdient ein Magnesiummangel bei jedem Diabetiker Beachtung. Der Einschluss von Magnesiumanalysen wie auch eines Magnesium-Therapiearmes in prospektive Studien ist aufgrund der bisherigen Fall-Kontroll-Studien, pathophysiologischer und tierexperimenteller Daten gerechtfertigt.
Das Problem der Magnesium-Therapie bei der diabetischen Retinopathie wie auch anderen Zielparametern ist der „Finanz-Bias“. Magnesium war bislang zu preiswert, um zum Gegenstand großer prospektiver Studien gemacht zu werden.
In der individuellen Patientenbetreuung von Diabetikern sprechen bei nachgewiesenem Magnesiummangel bereits heute antiarrhythmische Wirkung, verbesserte Arzneimittelinteraktionssicherheit sowie Pathophysiologie im Falle des metabolischen Syndroms für die Supplementation von Magnesium.

Dr. von Ehrlich hat Honorare für Vorträge zum Thema Magnesium und für Beratung von Verla-Pharm erhalten.

Literatur
1. Ehrlich B, Wadepuhl M: Erhöhtes Risiko einer diabetischen Retinopathie bei niedrigem Serum-Magnesium-Diabetes und -Stoffwechsel 2003; 12: 285–9.
2. De Valk HW, Hardus PL,van Rijn HJ, Erkelens DW: Plasma magnesium concentration and progression of retinopathy. Diabetes Care 1999; 22: 864–5.
3. McNair P, Christiansen C, Madsbad S, Lauritzen E, Faber O, Binder C, Transbol I: Hypomagnesiaemia, a risk factor in diabetic retinopathy. Diabetes 1978; 27: 1075–7.

Dr. med. Bodo von Ehrlich
Immenstädter Straße 79b
87435 Kempten
1.
Ehrlich B, Wadepuhl M: Erhöhtes Risiko einer diabetischen Retinopathie bei niedrigem Serum-Magnesium-Diabetes und -Stoffwechsel 2003; 12: 285–9.
2.
De Valk HW, Hardus PL,van Rijn HJ, Erkelens DW: Plasma magnesium concentration and progression of retinopathy. Diabetes Care 1999; 22: 864–5. MEDLINE
3.
McNair P, Christiansen C, Madsbad S, Lauritzen E, Faber O, Binder C, Transbol I: Hypomagnesiaemia, a risk factor in diabetic retinopathy. Diabetes 1978; 27: 1075–7. MEDLINE
1. Ehrlich B, Wadepuhl M: Erhöhtes Risiko einer diabetischen Retinopathie bei niedrigem Serum-Magnesium-Diabetes und -Stoffwechsel 2003; 12: 285–9.
2. De Valk HW, Hardus PL,van Rijn HJ, Erkelens DW: Plasma magnesium concentration and progression of retinopathy. Diabetes Care 1999; 22: 864–5. MEDLINE
3. McNair P, Christiansen C, Madsbad S, Lauritzen E, Faber O, Binder C, Transbol I: Hypomagnesiaemia, a risk factor in diabetic retinopathy. Diabetes 1978; 27: 1075–7. MEDLINE

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