ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006Freud-Museum: Vom Denken im Liegen

VARIA: Feuilleton

Freud-Museum: Vom Denken im Liegen

Dtsch Arztebl 2006; 103(20): A-1385 / B-1178 / C-1134

Motz, Roland

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die Berggasse 19 zählt laut Eigenwerbung zu den weltweit bekanntesten Adressen. Fotos: Roland Motz
Die Berggasse 19 zählt laut Eigenwerbung zu den weltweit bekanntesten Adressen. Fotos: Roland Motz
In dem Gründerzeithaus therapierte Freud seine Patienten und begründete
die Psychoanalyse.

Rubbel dich reich“ steht an der Lottoannahmestelle neben dem Museum, das selbst einen Hauptgewinn gut gebrauchen könnte. Ein neues Schild am Eingang, ein Plakat zur bevorstehenden Ausstellungseröffnung „Die Couch: Vom Denken im Liegen“ – wenig deutet darauf hin, dass der 150. Geburtstag Freuds für die Betreiber des Museums oder für die Stadt Wien von besonderer Bedeutung wäre.
Wie renovierungsbedürftig die Räumlichkeiten sind, lässt sich nicht übersehen, sobald man nach mehrmaligem Klingeln Einlass gefunden hat. Farbe blättert von den Wänden, Kitt bröckelt aus den uralten Doppelfenstern, die Parkettfußböden sind abgewetzt, und auch die ausgestellten Exponate befinden sich in schlechtem Zustand. Kein morbider Charme, sondern allgemeine Lieblosigkeit prägen die Atmosphäre. „Manche Besucher sind enttäuscht, aber warum sollte der Ort, wo eine große Idee entsteht, attraktiv sein“, macht es sich die wissenschaftliche Leiterin Lydia Marinelli recht einfach.
Dabei zählt die Berggasse 19 laut Eigenwerbung zu den weltweit bekanntesten Adressen. In dem Gründerzeithaus im 9. Wiener Gemeindebezirk entwickelte Freud seine revolutionären Ideen von der Psychologie des Unbewussten, die die Sicht auf die Welt ebenso einschneidend verändert haben wie die Galileos oder Darwins. Dort therapierte Freud seine Patienten, dort begründete er die Psychoanalyse als Behandlungsform und Methode zur Selbsterkenntnis, dort entstanden die Traumdeutung und andere Werke, die ihn nicht nur als Arzt, sondern auch als begnadeten Schriftsteller berühmt machten.
„Docent Dr. Sigmund Freud beehrt sich anzuzeigen, dass er von Mitte 1891 an in der Berggasse 19 wohnen und daselbst von 5–7 Uhr ordinieren wird“, steht im Eingangsraum im ersten Stock, von dem aus Warte-, Arbeits- und Wohnzimmer sowie ein Ausstellungsraum begangen werden können. Neben der von Anna Freud gestifteten Originalausstattung des Wartezimmers sind vor allem Objekte aus Freuds Antikensammlung, Dokumente, Briefe und mit vergilbten Kommentaren versehene Fotos zu sehen. Überall finden sich geschliffene Freudzitate wie zum Beispiel unter einem entsprechenden Foto aus der Nazizeit: „Was wir für Fortschritte machen. Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen“ oder aus einem Brief an Ferenczi: „Mit Einstein habe ich zwei Stunden verplaudert. Er ist heiter, sicher und liebenswürdig, versteht von Psychologie soviel wie ich von Physik und so haben wir uns sehr gut besprochen.“
Neben der Originalausstattung des Wartezimmers sind unter anderem Dokumente aus Freuds Antikensammlung zu sehen.
Neben der Originalausstattung des Wartezimmers sind unter anderem Dokumente aus Freuds Antikensammlung zu sehen.
Aber selbst die Direktorin Inge Scholz-Strasser hält „das Ausstellungskonzept einer dringenden Neuaufstellung bedürftig, um die Anforderungen eines zeitgemäßen Museumskonzepts zu erfüllen“. Sie sieht das Problem jedoch ausschließlich in der unzureichenden finanziellen Unterstützung durch die öffentliche Hand, die notwendige Investitionen verhindert. Es mag ja sein, dass alleine der Veranstaltungskalender zum Mozartjahr mehr gekostet hat, als das Museum von der Stadt Wien an Subventionen erhält. Trotzdem wird der Besucher den Eindruck nicht los, dass die Sigmund-Freud-Privatstiftung als Träger des Museums mit dem Erbe Freuds wenig verantwortungsvoll umgeht. Von dem Ziel „Die Strahlkraft von Sigmund Freuds Wirken zu nutzen und die Adresse Berggasse 19 zu einem Ort des Wissens und der Wissenschaft und zu einem Ort der Brückenschläge sowie lebendigen Diskussionen werden zu lassen“, wie Scholz-Strasser es formuliert, sind die Macher des Sigmund-Freud-Museums jedenfalls meilenweit entfernt. Schade für die 65 000 jährlichen Besucher, von denen immerhin ein Drittel aus Übersee kommt, um die Wohnung zu sehen, in der Sigmund Freud bis zu seiner Emigration nach London 1938 fast ein halbes Jahrhundert lang gelebt und gearbeitet hat. Roland Motz


Informationen: Sigmund-Freud-Museum, Berggasse 19, 1090 Wien, Telefon: 00 43/13 19 15 96, Öffnungszeiten: täglich 9 bis 17 Uhr, Eintritt: 7, ermäßigt 5,50 Euro. Internet: www.freud-museum.at. Am 6. Mai feierte Wien den 150. Geburtstag von Sigmund Freud. Im Mittelpunkt des Ausstellungsprogramms steht die Sonderschau „Die Couch: Vom Denken im Liegen“ im Museum sowie eine Open-Air-Ausstellung zu Freud an neun weiteren Orten in Wien.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema