ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2006Interview mit Prof. Dr. med. Erland Erdmann: „Zu meiner Zeit ging es den Assistenten besser“

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Interview mit Prof. Dr. med. Erland Erdmann: „Zu meiner Zeit ging es den Assistenten besser“

Feld, Michael

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Foto: privat
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Der Direktor der Klinik für Innere Medizin III an der
Universität zu Köln zu den Streiks der Klinikärzte

DÄ: Wie beurteilen Sie die Streiks der Ärzte an den Universitätsklinika?
Erdmann: Grundsätzlich sollten Ärzte nie streiken, weil man Kranke nicht länger leiden lassen sollte – wenn man es verhindern kann. Andererseits ist zu beachten, dass Assistenzärzte ein Recht darauf haben, angemessen bezahlt zu werden. In den letzten Jahren hat es sich in den Universitätskliniken eingebürgert, dass man Ärzte mehr und mehr mit zusätzlichen Aufgaben belastet, die nicht patientenorientiert, sondern bürokratieinduziert sind.

DÄ: Sind die vom Marburger Bund geforderten 30 Prozent mehr Gehalt gerechtfertigt oder eine Provokation?
Erdmann: Die Forderung erklärt sich dadurch, dass in den letzten Jahren Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld und Überstundenbezahlung gestrichen oder gekürzt wurden. Damit haben die Assistenzärzte tatsächlich 30 Prozent weniger in ihrer Geldbörse als noch vor drei Jahren. Im Augenblick erhält ein Universitätsassistent etwa das gleiche Salär wie ein Lehrer der Sekundarstufe II. Dieser hat aber Weihnachten, Neujahr, Ostern und Pfingsten frei.

DÄ: Warum streiken zuvorderst die Ärzte an den in Landesträgerschaft befindlichen Universitätsklinika und nicht etwa die Kollegen konfessioneller oder privater Träger?
Erdmann: Wie wir gesehen haben, können die privaten Klinikträger ihre Assistenzärzte besser bezahlen. Auch die Sonderabschlüsse in Berlin und Hamburg zeigen, dass die Flexibilität der Krankenhausträger schon möglich wäre – wenn sie denn wollten. Es macht mich allerdings besorgt, dass der Marburger Bund sich zuerst die Universitätsklinika für seine Streikmaßnahmen herausgesucht hat und die kommunalen Krankenhäuser verschont bleiben. Die Strategie leuchtet mir nicht ganz ein.

Foto: Johannes Aevermann Streikende Ärzte vor der Kölner Uniklinik: „Die Besten gehen zuerst.“
Foto: Johannes Aevermann Streikende Ärzte vor der Kölner Uniklinik: „Die Besten gehen zuerst.“
DÄ: Was sind die wirklichen Gründe für die Streiks?
Erdmann: Ärzte sind in der Gesellschaft immer noch angesehener als fast alle anderen Berufsgruppen. Das hängt damit zusammen, dass Kranke den Einsatz und das Pflichtbewusstsein sowie das Können der Ärzte außerordentlich schätzen. In der Vergangenheit haben Assistenzärzte es ertragen, dass sie viele schlecht bezahlte oder gar nicht bezahlte Überstunden geleistet haben, weil sie annehmen durften, dass sie nach der Facharztanerkennung in eine bessere Position kommen und dann wirtschaftlich gut gestellt sein würden. Dies hat sich geändert. Chefärzte bekommen relativ niedrig dotierte Festgehälter, in der Praxis eines niedergelassenen Arztes spielt die finanzielle Unsicherheit eine große Rolle. Es geht aber auch um die überhand nehmende Bürokratie.
DÄ: Warum gab es zu Ihrer Zeit als Assistenzarzt nicht solche Streiks wie jetzt?
Erdmann: Zu meiner Zeit ging es uns Universitätsassistenten sehr viel besser als heute! Die Patienten waren länger im Krankenhaus, ökonomische Zwänge, sie rasch „durchzuschleusen“, gab es nicht. Mir wurden damals alle Überstunden bezahlt, sodass ich im Monat etwa 1 000 DM zusätzlich zu meinem Gehalt bekam. Unsere Zukunft erschien uns gesicherter als heute. Und vor allem, wir hatten sehr viel weniger bürokratische Arbeiten zu erledigen. Ein 20-minütiges Gespräch mit einem Patienten und oft zusätzlich mit seinen Angehörigen war nicht nur möglich, sondern üblich. Die ärztliche Arbeit hat sich enorm verdichtet!

DÄ: Wie beurteilen Sie die Umsetzung der Arbeitszeitrichtlinie?
Erdmann: Die Umsetzung der Arbeitszeitrichtlinie könnte dazu führen, dass Ärzte an den Kliniken im 3-Schicht-Dienst arbeiten müssen. Dann würden die Assistenten entweder eine Woche Frühschicht, eine Woche Spätschicht, eine Woche Nachtschicht und dann eine Woche frei haben, oder sie müssten etwa montags früh, mittwochs früh, freitags spät und sonntags nachts anwesend sein. Möchten Sie auf einer derartigen Station in einer Klinik liegen, wo Sie Ihren Arzt nur sporadisch sehen und Ihre Krankengeschichte täglich dreimal erneut erzählen müssen? Die Qualität der Arzt-Patienten-Beziehung wird katastrophal aussehen im Schichtdienst. Erfahrene Oberärzte und Chefärzte wissen, dass bei jeder Übergabe des Dienstes etwa 30 Prozent der Information verloren gehen oder falsch registriert werden.

DÄ: Wie sehen Sie die Zukunft der Universitätsmedizin?
Erdmann: Die Universitätsmedizin wird nicht untergehen. Es gibt genügend junge Ärzte, denen Weiterentwicklung von Diagnostik und Therapie Lebensinhalt bedeutet. Ich sehe eher als Problem an, dass die Besten zuerst ins günstigere Ausland gehen werden.
DÄ-Fragen: Dr. med. Michael Feld
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