VARIA: Post scriptum

Die Neurologen

Dtsch Arztebl 2006; 103(20): [88]

Pfleger, Helmut

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An dieser Stelle habe ich schon des Öfteren zu ergründen versucht, worin das Geheimnis der besonderen Affinität der Neurologen zum Schachspiel liegt. Das Problem kommt mir aus gegebenem Anlass wieder in den Sinn. Zum einen hat der Chefarzt der Bamberger Neurologie, Prof. Dr. med. Peter Krauseneck, beim Ärzteturnier einmal mehr glänzend gespielt und den zweiten Platz erobert, zum anderen feiern wir in diesem Jahr Gedenktage zweier berühmter Neurologen: den 150. Geburtstag Sigmund Freuds und den Nobelpreis des Spaniers Santiago Ramón y Cajal vor 100 Jahren.
Sigmund Freud, ein „Gelegenheitsschachspieler“, äußerte sich zwar mehrfach zum Schach, lehnte aber eine psychoanalytische Auslegung des Schachspiels ab. Sehr wohl sagte er aber: „Es ist sehr traurig zu wissen, dass das Leben einem Schachspiel gleicht, wo ein einziger falscher Schritt uns zwingen kann, auf die Fortsetzung der Partie zu verzichten. Allerdings muss eingeschränkt werden, dass wir im Leben nicht damit rechnen können, eine zweite Chance zu erhalten.“
Noch wesentlich zwiespältiger stand Cajal dem Schach gegenüber. Bevor er nach Berlin ging und für seine neurologische Forschung 1906 den Nobelpreis bekam, war er in Barcelona von den 64 Feldern förmlich besessen. In seinen Memoiren schreibt er vom Schach als etwas, bei dem man „wenn nicht Geld, so doch Zeit und Geisteskraft verliert, die unendlich viel mehr wert seien“. Er bereitete sich intensiv vor, schlug seine Widersacher und konnte das ihn so erschöpfende Schlachtfeld befriedigt verlassen: „Dank meiner psychologischen Schläue befreite ich meinen bescheidenen, von so groben und sterilen Herausforderungen verführten Intellekt und konnte ihn, gänzlich und heiter, dem edlen Kult der Wissenschaft weihen.“ Voilà!
Ganz so weit ist Peter Krauseneck noch nicht, zuweilen lässt er sich noch (Gott sei Dank) von der Schachgöttin Caissa bezirzen. Manchmal allerdings auch von Trugbildern in hochgradiger Zeitnot. Hier hatte er, als Schwarzer am Zug, in der Spitzenpaarung der vorletzten Runde gegen den späteren Sieger Dr. med. Hannes Knuth, der jetzt zum vierten Mal hintereinander Landesmeister von Mecklenburg-Vorpommern wurde, noch circa zwei Sekunden gegen deren fünf beim Gegner auf der Uhr – Erregung pur! Um plötzlich voller Schrecken zu erkennen, dass nach seinem Damenopfer unmittelbar zuvor das beabsichtigte 1. . . . Sxf3+ 2. Kf1 Tf2 matt an der Deckung von f3 durch den Läufer c6 scheitert. „Neuronales Chaos“ (Krauseneck) und nach 1. . . . Lg6?? schneller Verlust. Wie hätte er stattdessen remis halten und so vermutlich das Turnier gewinnen können?

Lösung:
Mit der „Dauerschachschaukel“ 1. . . .Tg2+ 2. Kf1 (oder 2. Kh1 Th2+) Tf2+ 3. Kg1 Tg2+ usw; bis in alle Ewigkeit war es remis.
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