ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2006Kaiserschnitt-Studie der GEK: Ein schmerzhafter Schritt

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Kaiserschnitt-Studie der GEK: Ein schmerzhafter Schritt

Rieser, Sabine

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Foto: Barbara Krobath
Foto: Barbara Krobath
Einer Befragung nach wünschen sich nicht mehr Frauen als früher einen Kaiserschnitt – wohl aber bessere Informationen von Hebammen und Ärzten über die Folgen.

Einer Studie im Auftrag der Gmünder ErsatzKasse (GEK) zufolge kann nur bei wenigen Frauen mit einem Kaiserschnitt davon ausgegangen werden, dass sie diesen Eingriff gewünscht haben. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Behauptung, es seien die Frauen selbst, die den Anstieg der Kaiserschnittraten verursachen, ein Mythos ist“, berichtete Prof. Dr. phil. Petra Kolip vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen Ende April. Im Fall der befragten GEK-versicherten Frauen sind nur zwei Prozent der Eingriffe Wunschkaiserschnitte gewesen.
Kolip und Dr. med. Ulrike Lutz hatten 2004 über die GEK Mütter angeschrieben, die ihre Kinder zuvor durch Kaiserschnitt zur Welt gebracht hatten. Ausgewertet wurden circa 1 300 Antworten (48 Prozent Rücklaufquote). Im Fall des primären Kaiserschnitts gaben 60 Prozent der Frauen an, sie seien der Empfehlung von Arzt oder Ärztin gefolgt. 41 Prozent nannten eine ungünstige Lage des Kindes als Grund, 39 Prozent Angst um das Kind, 31 Prozent Komplikationen während der Schwangerschaft. Mit den Informationen zum Ablauf eines Kaiserschnitts im Vorfeld waren die meisten Frauen zufrieden (85 Prozent). Über die Folgen fühlten sie sich dagegen teilweise schlecht beraten (25 Prozent).
Bei der sekundären Sectio antworteten 39 Prozent der Frauen, ausschlaggebend für den Eingriff seien schlechte Herztöne des Kindes gewesen. 37 Prozent nannten die protrahierte Geburt beziehungsweise einen Geburtsstillstand als Grund. In dieser Situation fühlte sich nur knapp die Hälfte der Frauen gut in die Entscheidung einbezogen, rund ein Viertel nur ansatzweise. Gleichwohl erklärten rund 90 Prozent der Frauen rückblickend, sie würden unter identischen Umständen wieder per Kaiserschnitt entbinden.
„Wir schaffen es oft nicht, die Frauen davon abzubringen“
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich der Anteil an Entbindungen durch Kaiserschnitt an allen Geburten in den letzten zehn Jahren von 17 auf rund 27 Prozent erhöht. Die Autorinnen der Studie weisen darauf hin, dass die Ursachen dafür vielfältig sind. Auch werde die Diskussion darüber „selbst aufseiten der Mediziner und Medizinerinnen teilweise sehr kontrovers geführt“. Als Gründe für mehr Kaiserschnitte als früher werden häufig ein höheres Alter der Schwangeren diskutiert, eine stärkere Beachtung der körperlichen Folgen einer vaginalen Geburt, aber auch fehlende Strukturen zur Betreuung von Risikoschwangeren und eine geringe Nutzung des Hebammenwissens. Verwiesen wird auch darauf, dass eine komplikationslose Schnittentbindung Krankenhäusern mehr Geld bringt und zudem leichter planbar ist als eine vaginale Geburt. Auch veränderte geburtshilfliche Fähigkeiten von Hebammen und Ärzten und die Sorge vor Haftungsprozessen spielen eine Rolle.
Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, hält die Studienergebnisse der GEK für interessant, aber für nicht repräsentativ. Wunschkaiserschnitte nehmen nach seinem Eindruck zu. „Wir Ärzte haben kein Interesse daran, diesen Wunsch zu fördern, aber wir schaffen es oft nicht, die Frauen davon abzubringen“, betont der niedergelassene Gynäkologe. Dabei spielten vorgefasste Meinungen und die Angst vor körperlichen Veränderungen eine wichtige Rolle. „Wir plädieren dafür, das Thema in die öffentliche Diskussion zu bringen“, sagt Albring. Solange aber echte Wunschkaiserschnitte von den Krankenkassen bezahlt würden, sei nicht mit einem Rückgang zu rechnen.
Helga Albrecht, Präsidentin des Bundes Deutscher Hebammen, hält dagegen Wunschkaiserschnitte für Ausnahmen. Allerdings gebe es Schwangere, „die sehr ängstlich sind und für alles Sicherheit haben wollen“. Zudem gebe es eine neue Bequemlichkeit von Frauen, die deshalb schlecht mit einer nicht planbaren und einschätzbaren Geburt umgehen könnten. Dass viele Frauen sich unzureichend über die Folgen eines Kaiserschnitts informiert fühlen, könne man nicht den Hebammen anlasten. In Geburtsvorbereitungskursen werde die Sectio besprochen, betont Albrecht: „Aber man merkt eben, dass viele Schwangere etwas anderes als eine normale Geburt ausblenden.“ Sabine Rieser
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