ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2006Geschichte der Medizin: Erfinder des Stethoskops

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Geschichte der Medizin: Erfinder des Stethoskops

Goddemeier, Christof

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Laënnec (1781–1826) am Bett eines Kranken im Necker Hospital, Paris. In der Hand hält er eine röhrenförmige Frühform des Stethoskops. Stich nach einem Gemälde in der Sorbonne Foto: picture-alliance/KPA/HIP
Laënnec (1781–1826) am Bett eines Kranken im Necker Hospital, Paris. In der Hand hält er eine röhrenförmige Frühform des Stethoskops. Stich nach einem Gemälde in der Sorbonne Foto: picture-alliance/KPA/HIP
Vor 225 Jahren wurde René Théophile Hyacinthe Laënnec geboren.

Was im Mittelalter das Uringlas war, ist heute das Stethoskop: Sinnbild des Arztes und ärztlicher Tätigkeit. Erfunden und beschrieben hat es vor knapp zweihundert Jahren der französische Arzt René Théophile Hyacinthe Laënnec.
Am 12. Februar 1781 wird Laënnec als Ältester von vier Geschwistern in Quimper in der Bretagne geboren. Als er fünf Jahre alt ist, stirbt seine Mutter, wahrscheinlich an Tuberkulose.
Während der Revolutionskriege erlebt der Zwölfjährige die Belagerung von Nantes, wo er mit seinem Bruder bei einem Onkel aufwächst. Zwei Jahre später, 1795, beginnt Laënnec, sich mit Medizin zu beschäftigen. Im Hotel-Dieu lernt er, wie man Wunden verbindet, und belegt die ersten Anatomiekurse. Sein Vater und die junge Stiefmutter versuchen, ihm den Arztberuf auszureden, „ein Beruf für Narren, verglichen mit dem Geld, das man als anständiger Geschäftsmann verdienen kann“. Doch Laënnec lässt sich nicht beirren. Ab 1801 setzt er seine Studien in Paris fort.
Nicht mehr direkt mit dem Ohr am Brustkorb
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entsprechen praktische Ärzte weitgehend noch dem Bild, das Molière von ihnen gezeichnet hat: begeisterte Anhän-
ger von Vermutungen und dunklen Lehrsätzen über die Ursachen von Krankheiten anstelle von exakter Beobachtung und Empirie. So sonderbar wie die Diagnosen sind auch die Behandlungen: Aderlass, Blutegel, Klistiere, Abführmittel. In Paris hat die Revolution jedoch gute Bedingungen für neue Formen von Forschung und Lehre geschaffen. Die alten Institutionen werden durch die École de Santé ersetzt, in der die klinische Forschung einen bedeutenden Aufschwung erlebt. Konsequent setzt man hier die Ideen von Giovanni Battista Morgagni in die Tat um und zieht den Befund an der Leiche zur Aufklärung und Abgrenzung von Krankheiten heran. Xavier Bichat beschreibt die in allen Organen wiederkehrenden Gewebearten und bringt damit die pathologische Anatomie ein gutes Stück voran. Laënnec hat die Wahl zwischen der Salpêtrière unter Philippe Pinel und der Charité unter Jean Nicolas Corvisart. Er wählt die Charité. Corvisart, Leibarzt Napoleons, erkennt den Wert der 1761 von Leopold Auenbrugger beschriebenen Perkussion und macht sie zur Grundlage der allgemeinen Diagnostik.
Seit Hippokrates haben Ärzte immer wieder über die Auskultation nachgedacht. Im Mittelalter halten manche von ihnen ihr Ohr direkt an den Thorax. Gaspard-Laurent Bayle, langjähriger Freund und Weggefährte Laënnecs, auskultiert auf diese Weise mit Bezug auf einen Text von Hippokrates den Herzschlag. Der Erfindung der indirekten Auskultation und des Stethoskops liegt nach Laënnecs eigenen Worten folgende Geschichte zugrunde:
„Ich wurde 1816 von einer jungen Frau konsultiert, welche die Zeichen einer allgemeinen Herzerkrankung aufwies (. . .) Das Alter und das Geschlecht der Erkrankten untersagten mir, mein Ohr direkt auf den Brustkorb zu legen. Ich erinnerte mich an ein allgemein bekanntes akustisches Phänomen, dass nämlich das Kratzgeräusch am Ende eines Baumstammes über viele Meter hinweg am anderen Ende sehr genau, ja sogar verstärkt zu hören ist. (. . .) Ich nahm daher ein Papierheft, rollte es fest zusammen, legte das eine Ende auf das Präcordium und das andere Ende an mein Ohr. Ich war erstaunt, wie deutlich ich die Schläge des Herzens hören konnte, deutlicher und genauer, als wenn ich mein Ohr direkt auf den Brustkorb gelegt hätte.“
Im August 1819 erscheint Laënnecs Hauptwerk in zwei Bänden, die „Abhandlung über die indirekte Auskultation“. Der Preis beträgt dreizehn Francs, und dank dem geschäftstüchtigen Verleger kann man für drei Francs auch gleich ein Stethoskop erwerben. Laënnec beschreibt nicht nur Phänomen und Gerät, sondern auch normale Atmung, Bronchialatmen, Rasselgeräusche sowie Herztöne, systolische, diastolische Geräusche und den Galopprhythmus bei Mitralstenose. Die neue Methode wird auch unkonventionell angewandt: unterstützend bei Taubstummen sowie zur Lokalisation von Frakturen, Leberabszessen und Blasensteinen. Zudem findet sich eine ausführliche Beschreibung von Lungen- und Brustfellerkrankungen: Bronchiektasen, Pneumonie, Lungeninfarkt, Emphysem und Tuberkulose. Laënnec leidet selbst an ihr. Die damals gängige Fülle von Heilmitteln ergänzt er um Ferien am Meer in warmem oder mildem Klima: Nizza, Hyères, Madeira, die Kanarischen Inseln und die Küste der Bretagne. Wenn Laënnec als erster sein Augenmerk auf die Rolle richtet, die psychische Faktoren wie Kummer und Enttäuschung für Entstehung und Verlauf der Erkrankung spielen, spricht er auch aus eigener leidvoller Erfahrung.
Laënnecs Entdeckung fand rasch Anerkennung
Laënnec ist nicht denkbar ohne die Bretagne, seine geliebte Heimat, der er zeitlebens verbunden bleibt. Deutlich und rasch verbessert sich seine angeschlagene Gesundheit, wenn er hier nur ein paar Tage frische Luft atmet und lange Spaziergänge unternimmt. Mit der ihm eigenen Selbstironie notiert er 1813: „Es ist in der Tat merkwürdig, besonders vor dem Hintergrund meiner schwachen Konstitution, dass ich über eine so außergewöhnliche Ausdauer im Gehen verfüge. (. . .) Doch unglücklicherweise nützt dieses Talent (. . .) einem Pariser Arzt wenig, der seine Tage im Sprechzimmer oder in der Droschke verbringt.“
Auenbruggers Perkussion brauchte über vierzig Jahre bis zu ihrer breiten klinischen Anwendung. Auch wenn sich sein Hauptwerk vorübergehend nicht so gut verkaufte – Laënnecs Entdeckung fand nahezu sofort große Zustimmung und Anerkennung. In der Medizingeschichte hat er zudem seinen Platz als Begründer einer modernen Wissenschaft der Atmungsorgane und ihrer Erkrankungen. Am 13. August 1826 starb René Théophile Hyacinthe Laënnec in seinem Haus in Kerlouarnec in der Bretagne. Dr. med. Christof Goddemeier
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