ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2006Chinesische Arzneipflanzen: Anbau hierzulande garantiert Qualität

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Chinesische Arzneipflanzen: Anbau hierzulande garantiert Qualität

Dtsch Arztebl 2006; 103(21): A-1442 / B-1228 / C-1180

Hummelsberger, Josef; Bomme, Ulrich; Friedl, Fritz

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Das Helmkraut gedeiht gut. Foto: Dr. Heidi Heuberger, LfL Freising
Das Helmkraut gedeiht gut. Foto: Dr. Heidi Heuberger, LfL Freising
Ein Pilotprojekt in Bayern zeigt die Vorteile der Pflanzenzucht in Deutschland.

Heilpflanzen spielen in der chinesischen Medizin eine zentrale Rolle. Eine kritische Öffentlichkeit nimmt von diesen aber meist nur wegen möglicher Verunreinigungen und Nebenwirkungen Notiz. Wirksamkeitsbelege existieren für einige Indikationen wie Reizdarm, Neurodermitis und Allergien, die klinische Erfahrung spricht für diese Methode – als Komplement und Chance. Mittlerweile wenden circa 1 000 speziell ausgebildete deutsche Ärzte (und zudem andere Heilberufe) chinesische Arzneimitteltherapie an, Tendenz steigend.
Großhändler versorgen die Apotheker mit importierter Ware, in spezialisierten Apotheken werden die ärztlichen Verordnungen gemischt und als Rezepturarzneimittel hergestellt. Der Import der Rohdrogen (getrockneter Pflanzenteile) vieler bei uns meist unbekannter Pflanzen aus Asien bereitet aber häufig Qualitäts- und Beschaffungsprobleme – vor allem im Hinblick auf eine gut dokumentierte „Entstehungsgeschichte“ – wie sie heute bei westlichen Heilkräutern wie Pfefferminze üblich ist. Der Untersuchungsaufwand für die Überprüfung der pharmazeutischen Qualität ist deshalb enorm. Durch einen Anbau von Heilpflanzen mit definierter Herkunft unter kontrollierten und dokumentierten Bedingungen können die Arzneimittelsicherheit und die allgemeine Qualität des Drogenmaterials wesentlich verbessert werden. Gleichzeitig wird der Umfang des bayerischen Heil- und Gewürzpflanzenanbaus durch die Schaffung neuer Anbaumöglichkeiten erweitert. Das Forschungsvorhaben entspricht damit den Kriterien einer nachhaltigen und umweltschonenden Landwirtschaft.
Um chinesische Arzneipflanzen unter kontrollierten Bedingungen anbauen zu können, beschäftigt sich seit 1999 die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in einem vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium und der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) finanziell geförderten interdisziplinären Projekt mit der systematischen Anbauforschung von 16 ausgewählten chinesischen Heilpflanzenarten (Tabelle). Auswahlkriterien waren: Schwierigkeiten bei der Drogenbeschaffung, hoher Drogenpreis und die potenzielle Standorteignung unter den hiesigen Klimabedingungen.
Dieses interdisziplinäre Forschungsprojekt der LfL ist in seiner Komplexität und Gründlichkeit in Europa bisher einmalig. Folgende Bereiche werden dazu ineinandergreifend bearbeitet:
- Saatgut- und Literaturbeschaffung
- detaillierte taxonomische Charakterisierung mittels DNA-Analysen
- züchterische Bearbeitung, Keimungsphysiologie, Wachstums- und Ernteverhalten, Erntetechnologie, Transfer in die Praxis
- vergleichende Qualitätsuntersuchungen
- vergleichende sensorische Untersuchungen
- Inhaltsstoffanalysen
- klinischer Wirksamkeitsvergleich chinesischer Arzneidrogen aus Importware und bayerischem Versuchsanbau.
Bei der Vielzahl der Ergebnisse soll hier nur ein Überblick über den gegenwärtigen Forschungsstand gegeben werden:
- Nach siebenjährigen Anbauversuchen ist festzustellen, dass die meisten der 16 untersuchten Arten in Südbayern erfolgreich kultivierbar sind. Mit guten Erträgen ist bei Angelica dahurica, Artemisia scoparia, Leonurus japonicus, Rheum palmatum, Salvia miltiorrhiza und Siegesbeckia pubescens zu rechnen, mit mittleren bei Astragalus membranaceus, Prunella vulgaris, Saposhnikovia divaricata und Scutellaria baicalensis
- Identitäten und Saatgut von Angelica sinensis, Prunella vulgaris, Salvia miltiorrhiza, Saposhnikovia divaricata, Scutellaria baicalensis, Siegesbeckia pubescens und Tribulus terrestris entsprechen den vom Chinesischen Arzneibuch geforderten Vorgaben. Bei Artemisia scoparia sind verschiedene Varietäten (in der chinesischen Pharmakopöe) zugelassen und hier differenziert worden. Von Bupleurum entspricht nur eine Herkunft den Vorgaben. Astragalus membranaceus wirft Probleme auf. Es kristallisierte sich aber heraus, dass doch einige der geprüften Herkünfte Astragalus mongholicus entsprechen, wie nun die aktuelle botanische Bezeichnung für die gewünschte Arzneidroge nach dem Chinesischen Arzneibuch lautet. Die unterschiedlichen Saatgutprovenienzen von Leonurus entsprechen alle L. japonicus.
- Inhaltsstoffmuster: Viele Herkünfte der untersuchten Pflanzenarten erwiesen sich als identisch zu den geprüften Mustern aus original chinesischen Drogen.
- Die quantitativen Inhaltsstoff-Analysen bestätigen, dass bei den meisten Arten gute Qualitäten im heimischen Anbau erreichbar sind. Teilweise hat sich gezeigt, dass die im Arzneibuch der Volksrepublik China zugrunde gelegten Analysemethoden nicht praktikabel oder nicht spezifisch genug sind (zum Beispiel Stachydrin bei Leonurus), um die geforderten Werte nachzuweisen.
- Qualitäts- und sensorische Untersuchungen: Nach den vorliegenden Ergebnissen ist davon auszugehen, dass auch unter Beachtung weiterer Qualitätsparameter, wie Asche, Mikrobiologie oder Schwermetalle, und sensorischer Eigenschaften Drogen mit hoher Qualität unter hiesigen Bedingungen gewonnen werden können. Häufig zeigten die Muster aus dem Versuchsanbau intensivere sensorische Eigenschaften als die sicherlich oft ältere Importware.
- Im Frühjahr 2005 wurde ein erster Pilot-Praxisanbau für zwei Handelsfirmen mit sieben chinesischen Arzneipflanzen in Bayern gestartet, der inzwischen ausgeweitet werden konnte.
Ein inländischer Anbau von Arzneipflanzen bietet viele Vorteile: Neben dem hohen Hygienestatus und Qualitätsstandard bei Anbau, Ernte und Aufbereitung sind es vor allem die strenge Pflanzenschutzmittel-, Arzneimittel- und Lebensmittelgesetzgebung, die etwa Schwermetall- oder Pestizidrückstände und die mikrobiologische Belastung auf ein Minimum reduzieren und leichter kontrollierbar machen. Der Einsatz menschlicher Fäkalien kommt nicht vor, die Kontrolle der Produktion ist jederzeit möglich.
Die Kommission Deutscher Arzneimittel-Codex, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wie auch die ärztlichen Fachgesellschaften sind sich der Problematik von Verwechslungen und Verunreinigungen bei importierter Ware und der daraus resultierenden eventuellen Gefährdung der Arzneimittelsicherheit sehr bewusst. Andererseits nimmt die Nachfrage deutlich zu, und chinesische Arzneidrogen können nun auch als „traditionelle pflanzliche Arzneimittel“ nach der entsprechenden EU-Richtlinie registriert werden, sofern sie die geforderten Voraussetzungen erfüllen. Wenn die Anwender (Apotheker und Ärzte) auf Verwendung solcher Arzneipflanzen aus einem dokumentierten, heimischen Anbau bestehen, erhöht dies wesentlich die Arzneimittelsicherheit wie auch die Akzeptanz dieser Therapieform durch Behörden und Krankenkassen.
Dr. med. Josef Hummelsberger
Internationale Gesellschaft für Chinesische Medizin
E-Mail: hummelsberger@tcm.edu
Prof. Dr. Ulrich Bomme, Freising
Dr. med. Fritz Friedl, Riedering
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