ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2006Die Träger der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft 2006

LAUDATIONES

Die Träger der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft 2006

Dtsch Arztebl 2006; 103(21): A-1444 / B-1231 / C-1182

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Aus Anlass des 109. Deutschen Ärztetages 2006 in Magdeburg sind mit der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft ausgezeichnet worden:

Sanitätsrat Dr. med. Wilhelm Ertz
Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. Erwin Kuntz
Prof. Dr. med. Carl Schirren

Die beim 56. Deutschen Ärztetag in Berlin gestiftete Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft wird seither jährlich an solche Ärzte verliehen, die sich durch ihre vorbildliche ärztliche Haltung, durch besondere Verdienste um Stellung und Geltung des ärztlichen Standes oder durch außerordentliche wissenschaftliche Leistungen hervorgetan haben. Nachstehend die Laudationes der Verleihungsurkunden im Wortlaut.

Sanitätsrat Dr. med. Wilhelm Ertz

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Wilhelm Ertz einen Arzt, der sich in fast 40 Jahren seines aktiven Berufslebens zunächst als praktischer Arzt, später als Facharzt für Allgemeinmedizin, als Berufs- und Gesundheitspolitiker, als sachverständiger Berater, als engagierter Vertreter der Allgemeinmedizin durch seine langjährige Tätigkeit in berufspolitischen Gremien, sein ehrenamtliches Mitwirken in ärztlichen Berufsverbänden und Körperschaften auf örtlicher, regionaler, Landes- und Bundesebene um die ärztliche Versorgung, die Aus-, Weiter- und Fortbildung, die Allgemeinmedizin, die Arbeit der Ethik-Kommission der Ärztekammer des Saarlandes, um das Gesundheitswesen und um das Gemeinwohl der Bundesrepublik Deutschland besonders verdient gemacht hat.
Wilhelm Ertz wurde am 30. Januar 1923 als Sohn des Kreisbaurates Wilhelm Ertz und dessen Ehefrau Johanna, geb. Steinmetz, in Neunkirchen/Saar geboren. Ab Ostern 1929 besuchte er vier Jahre lang die katholische Knaben-Volksschule in Neunkirchen/Saar und wechselte ab 1933 zum Reform-Realgymnasium in Neunkirchen/Saar, das später in Knaben-Oberschule umbenannt wurde, wo er den neusprachlichen Zweig besuchte. Nach Erlangung des Reifezeugnisses wurde er 1940 zum Militärdienst beim Fliegerausbildungsregiment 52 in Bromberg/War-
thegau als Sanitätsoffiziersanwärter einberufen. Nach Abschluss der Rekrutenausbildung wurde er zur Ärztlichen Akademie der Luftwaffe in Berlin-Wittenau zum Sommersemester 1941 versetzt. Das Medizinstudium absolvierte er an den Universitäten Berlin und Würzburg bis Kriegsende 1945; 1943 Physikum an der Universität Würzburg und im Oktober 1946 medizinisches Staatsexamen an der Universität Freiburg im Breisgau mit der Gesamtnote „sehr gut“. Am 14. Oktober 1946 wurde ihm die Approbation als Arzt erteilt. Von November 1946 bis Februar 1947 leistete er das damals noch vorgeschriebene „Landarztvierteljahr“ in der großen Landarztpraxis von Dr. med. Clemens Kammenhuber in Ottweiler/Saar ab. Im März 1947 wechselte Ertz an die Chirurgische Abteilung des Knappschaftskrankenhauses Neunkirchen/Saar unter Leitung des damaligen Chefarztes Dr. med. Paul-Nikolaus Lauxen. Diese unbezahlte Assistenzarztstelle versah Wilhelm Ertz bis Juni 1947.
Von Juli 1947 bis April 1950 war Wilhelm Ertz erster Assistenzarzt in der Chirurgisch-Gynäkologisch-Geburtshilflichen Abteilung des St. Josef-Krankenhauses Neunkirchen/Saar unter Leitung von Dr. med. Anton Jung, wo er zunächst eine chirurgische Weiterbildung begann, die er aber dann wegen einer Allergie aufgeben musste. Von September 1950 bis 1952 war er Volontärassistent an der Kinderklinik Neunkirchen-Kohlhof. Von Juli bis August 1950 war er als Assistenzarzt in der Landarztpraxis von Dr. Kammenhuber in Ottweiler/Saar tätig. Danach folgte eine Vertretungstätigkeit von April 1952 bis März 1953 in der Landarztpraxis des erkrankten Dr. Clemens Kammenhuber. Von April 1953 bis Ende März 1954 war er Volontärassistent, ab 1. April 1954 planmäßiger Assistenzarzt an der Inneren Klinik der Saarknappschaft in Sulzbach/Saar unter Leitung des damaligen Chefarztes Prof. Dr. med. Erich Kraus, wo er zuletzt Leiter der Inneren Ambulanz war. Am 1. April 1956 erhielt Wilhelm Ertz nach abgeschlossener internistischer Weiterbildung die Anerkennung als Internist. Die Anerkennung als Arzt für Allgemeinmedizin wurde ihm durch die Ärztekammer des Saarlandes am 10. Juli 1970 erteilt. Am 1. Mai 1957 ließ sich Ertz als Praktischer Arzt und Geburtshelfer, später als Facharzt für Allgemeinmedizin in Ottweiler/Saar nieder, eine Tätigkeit, die er bis zum 31. Dezember 1994 ausübte.
Schon während seiner Tätigkeit als Assistenzarzt der Saarknappschaft hat sich Wilhelm Ertz berufspolitisch engagiert. So war er zunächst Sprecher der Assistenzärzte. Bereits 1958 wurde er in die Kammerversammlung der Ärztekammer des Saarlandes als Delegierter gewählt. 1962 wählte ihn die damalige Kammerversammlung zum Beisitzer in den Vorstand. In diesem Amt wurde er durch Wiederwahl fünfmal bestätigt.
Während seiner fast 40-jährigen Tätigkeit im Vorstand der Ärztekammer hat Wilhelm Ertz zahlreiche Mandate und Ehrenämter innegehabt, die er zum Teil heute noch ausübt. Seit seiner erstmaligen Wahl in den Vorstand der Ärztekammer des Saarlandes 1962 hat er sein berufliches Wissen und seine Erfahrungen in verschiedenen saarländischen Kliniken und Arztpraxen stets in den Dienst der Kollegenschaft, der Patienten und des Gemein-
wohls gestellt. Seine bewundernswerte Schaffenskraft, seine Fachkompetenz, seine Entscheidungsfreude, sein meist unbürokratisches, korrektes Vorgehen und seine interkollegiale Kooperation brachten ihm weithin Anerkennung und Bewunderung. Mit großem Einsatz und Arbeitseifer war er fast 40 Jahre lang in Ottweiler als Facharzt für Allgemeinmedizin tätig. Dabei kam seine Liebe zum Hausarztberuf nicht nur den ihm anvertrauten Patientinnen und Patienten, sondern insbesondere auch den jungen Kolleginnen und Kollegen zugute, denen er Wissen und Fertigkeiten mit Disziplin, aber auch mit didaktischem Geschick und verblüffender Eloquenz vermittelte. In allen Fragen der Aus-, Weiter- und Fortbildung beeindruckte er als erfahrener Ratgeber. Seine Ratschläge waren stets fundiert, seine Arbeit überzeugte. Seine Geradlinigkeit, sein Mut auch zu unpopulären Entscheidungen und sein beharrliches Eintreten für medizin-ethische Grundsätze haben ihn geprägt.
Besonders engagiert hat sich Wilhelm Ertz in der ärztlichen Fortbildung; so ist er bereits 1966 zum Fortbildungsbeauftragten der Ärztekammer des Saarlandes gewählt worden. Ihm ist es mit zu verdanken, dass die ärztliche Fortbildung an der Saar Vorbildcharakter auch für andere Kammerbereiche gewann und der jährlich erscheinende Fortbildungskalender prägend war. Seine Anregungen und praktischen Vorschläge in den Fortbildungskursen und -seminaren vermittelten stets neues gesichertes Wissen und Erfahrungen aus der Medizin. Seine langjährige erfolgreiche Tätigkeit in der Fortbildung fand in der Verleihung der Ernst-von-Bergmann-Plakette durch die Bundes­ärzte­kammer im September 1972 eine verdiente Würdigung. Aktives Mitglied war Ertz von 1958 bis 1970 im Finanzausschuss der Ärztekammer des Saarlandes und in den Jahren 1962 bis 1966 im Facharzt-Berufungsausschuss.
Ein weiterer Schwerpunkt in seiner ehrenamtlichen sachverständigen Mit-
arbeit konzentrierte sich auf den Weiterbildungsausschuss, dem er seit 1970 angehörte und zu dessen Vorsitzenden er im Jahr 1980 berufen wurde, ein Amt, das er bis 1994 innehatte. Seinen Sachverstand brachte er auch in den Prüfungsausschuss für Arzthelferinnen im Saarland ein, dessen Vorsitzender er von 1985 bis 1991 war. 1972 wurde er auch in den Berufsbildungsausschuss der Ärztekammer berufen. Sein besonderes Augenmerk galt von jeher einer gründlichen Ausbildung des ärztlichen Assistenzpersonals. Nicht zuletzt aufgrund seines ehrenamtlichen und gemeinnützigen Einsatzes verlieh ihm die Regierung des Saarlandes am 24. April 1980 den Ehrentitel „Sanitätsrat“.
Wilhelm Ertz hat sich auch in Fachausschüssen und Gremien der Bundes­ärzte­kammer engagiert. Seit 1966 war er stellvertretendes Mitglied der Ärztekammer des Saarlandes im Senat für ärztliche Fortbildung und ab 1974 stellvertretendes Mitglied der Ständigen Konferenz „Film in der ärztlichen Fortbildung“. Außerdem war er Mitglied der Ständigen Konferenz „Ärztliche Weiterbildung“ sowie stellvertretendes Mitglied der Ständigen Konferenz „Gesundheitserziehung“ der Bundes­ärzte­kammer.
Für sein Engagement ist Wilhelm Ertz 1985 mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse ausgezeichnet worden, vor allem in Würdigung seiner Tätigkeit im Landesverband Saarland für Krebsforschung und -bekämpfung, dessen Mitbegründer er 1969 war (bis 1992 Mitglied des Vorstandes). Außerdem erhielt er das Ehrenzeichen des Deutschen Roten Kreuzes für seinen erfolgreichen Einsatz bei der Einbeziehung und Integration der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes und der Verflechtung zwischen Ärztekammer und der Fakultät. Darüber hinaus ehrte ihn die Medizinische Fakultät des Saarlandes am 22. Mai 1996 mit der Asklepios-Medaille. Der Saarländische Hausärzteverband verlieh ihm im Oktober 1998 den Ehrenpreis in Würdigung seiner Bemühungen um die wissenschaftliche Anerkennung und Förderung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen. Er ist zudem Träger der Carl-Erich-Alken-Medaille in Würdigung seiner Verdienste um die Ärztekammerarbeit und seiner Verdienste um die ärztliche Fortbildung (Oktober 1994). Ganz besonders interessiert hat sich Wilhelm Ertz auch für Fragen der Medizinethik. So war es folgerichtig, den geachteten Arzt und Berufspolitiker im Oktober 1983, als die Ethik-Kommission der Ärztekammer des Saarlandes gebildet wurde, zum Vorsitzenden zu wählen, ein Amt, das er in der Folge mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit ausfüllte. Fruchtbringend für die Arbeit der Ethik-Kommission waren sein medizinisches Wissen und Können und ein weises, abwägendes unbestechliches Urteils- und Entscheidungsvermögen.
Bei der Neukonstituierung der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Ärztekammer und den damit verbundenen Neuwahlen der Ausschüsse im Jahr 2000 gab er dieses Amt an seinen Nachfolger ab; er ist aber in der Ethik-Kommission bis heute noch als stellvertretender Vorsitzender tätig. In den zurückliegenden 22 Jahren seiner Tätigkeit hat er mit einem immensen Arbeitspensum eine stetig wachsende Zahl von Anträgen im Rahmen der Ethik-Kommissionsarbeit bewältigt. Sein abwägendes und stets an der Sache orientiertes Urteil in dieser schwierigen Materie haben ihn geradezu für die Lösung von Konfliktfällen in der Ethik-Kommission prädestiniert.
Wilhelm Ertz hat sich durch seinen unermüdlichen Einsatz als Arzt für Allgemeinmedizin und durch seine vorbildliche Haltung als aktiver Berufs- und Gesundheitspolitiker, als engagierter Vertreter der wissenschaftlichen Allgemeinmedizin, als Pionier der Medizinethik und als professioneller Fortbilder um die ärztliche Versorgung der Patienten, die Aus-, Weiter- und Fortbildung, als Vorsitzender der Ethik-Kommission der Ärztekammer des Saarlandes um die ärztliche Fortbildung, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Anschrift
Anton-Hansen-Straße 6
66564 Ottweiler



Foto: privat
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Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. Erwin Kuntz

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Erwin Kuntz einen Arzt, der sich in mehr als 40 Jahren seines Berufslebens durch sein Wirken als Arzt, Wissenschaftler, akademischer Lehrer und als ein unermüdlicher Aktivist und Pionier der ärztlichen Fortbildung um die ärztliche Versorgung der Patienten, um die Wissenschaft, die Forschung und Lehre und durch eine Fülle von ehrenamtlichen Tätigkeiten in akademischen Gremien, in Berufsverbänden, in Fachgesellschaften, in kulturellen, sozial-karitativen und in wissenschaftlichen Institutionen um die Fortbildung, die Selbstverwaltung, das Gesundheitswesen und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht hat.
Erwin Kuntz wurde am 21. Oktober 1922 in Kröffelbach (Kreis Wetzlar), Hessen, als Sohn des Lehrers Heinrich Kuntz und seiner Ehefrau Auguste, geborene Arabin, geboren. Die Volksschule besuchte er bei seinem Vater in seinem Geburtsort. Das Abitur legte er 1940 am Goethe-Gymnasium in Wetzlar ab. Bereits kurz danach wurde er zum Wehrdienst eingezogen und war fünf Jahre im Kriegseinsatz. Als Leutnant der Reserve kehrte Erwin Kuntz nach Kriegsende zurück und nahm im Oktober 1945 an der Philipps-Universität Marburg das Medizinstudium auf. Er legte dort alle Examina wie auch das medizinische Staatsexamen 1951 mit der Note „sehr gut“ ab. Die Promotion erfolgte unmittelbar danach mit der Note „summa cum laude“ über das Thema „Die physikalisch-physiologischen Grundlagen und die Anwendbarkeit der Lichtbogenprobe“ (bei Prof. Dr. med. Horst Schwalm, Universitätsfrauenklinik Marburg).
Im Oktober 1951 begann Erwin Kuntz an der Medizinischen Universitätsklinik in Gießen (bei Prof. Dr. med. Hans Bohn) seine Weiterbildung auf dem Gebiet der Lungen- und Bronchialheilkunde (Facharzt-Anerkennung am 12. August 1958) und auf dem Gesamtgebiet der Inneren Medizin (Facharzt-Anerkennung am 25. Januar 1962). Sein klinischer Schwerpunkt lag auf allen seinerzeit verfügbaren bioptischen und endoskopischen Techniken dieser beiden Fachbereiche; er baute die Endoskopie-Abteilung der Klinik auf. Im Laufe dieser Tätigkeiten wechselte Erwin Kuntz in sein späteres Forschungs- und Lehrgebiet, die Gastroenterologie, und insbesondere die Hepatologie. Er habilitierte sich 1964 an der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen mit dem Thema „Die klinische Aktivitätsbeurteilung der Lungentuberkulose“. Gleichsam als ein Überblick über seine bisherige endoskopische Schwerpunkttätigkeit hielt er seine Antrittsvorlesung zum Thema „Der Stellenwert der Thorakoskopie und Laparoskopie in der Inneren Medizin und Pneumologie“. Für seine Habilitationsschrift, die 1964 als Monographie publiziert wurde, erhielt er den „Franz-Redeker-Preis“, verliehen durch das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose. Eine Einmaligkeit ist die erneute Verleihung des „Franz-Redeker-Preises“ im Jahr 1966 für seine klinische Studie über „Die Pleuraergüsse. Differentialdiagnose, Klinik und Therapie“, die 1966 als Monographie verlegt wurde. Bis 1968 war Erwin Kuntz als Oberarzt an der Medizinischen Universitätsklinik (Direktor: Prof. Dr. med. Hans Adolf Kühn) und als Dozent an der Krankenpflegeschule tätig. 1969 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt.
Als er 1968 zum Chefarzt am Diakonie-Krankenhaus in Schwäbisch Hall gewählt wurde, übernahm er nicht nur die Medizinische Klinik mit seinerzeit mehr als 170 Betten, sondern auch die Leitung der Krankenpflegeschule und der Balneologischen Abteilung. Die Medizinische Klinik konnte mit allen technischen Bereichen neu aufgebaut und das gesamte Spektrum der Gastroenterologie und der Inneren Medizin angeboten werden. Eine Besonderheit spiegelt seine fachliche Anerkennung und menschliche Wertschätzung als „Chef“ wider, indem er und seine damaligen ärztlichen Mitarbeiter sich nun seit mehr als 30 Jahren jährlich „reihum“ zu einem Haller Wochenende treffen. Die so oft kritisierte hierarchische Struktur, initiiert und geprägt von der klinischen Verantwortlichkeit des Chefarztes, kann sich durchaus auch als lebenslange Freundschaft bewähren, wie das Beispiel Erwin Kuntz zeigt.
Bereits 1968 war Erwin Kuntz in das Planungsgremium des Klinikneubaus in seiner Heimatstadt Wetzlar als medizinischer Berater berufen worden. Hier erarbeitete er das Konzept der organisatorischen Strukturen, Versorgungseinheiten und Organisationsabläufe. Seitdem blieb er in den Arbeitsgruppen der Planungskonzeption und in Zusammenarbeit mit den Klinikarchitekten und den medizintechnischen Unternehmen. Das Klinikum Wetzlar mit seinen fast 700 Betten, seinen großzügigen Anlagen und modernsten Einrichtungen galt seinerzeit als Vorzeigemodell. Erwin Kuntz wurde zum Chefarzt der Medizinischen Klinik II (Gastroenterologie, Innere Medizin) gewählt und war, wie auch als Ärztlicher Direktor, bis 1988 in Wetzlar tätig.
Während seiner 17-jährigen Tätigkeit an der Medizinischen Universitätsklinik Gießen und den nachfolgenden 20 Jahren als Chefarzt konnte sich Erwin Kuntz als Vollblut-Kliniker mit breiten fachärztlichen Weiterbildungen, auch in der Labormedizin und Gastroenterologie, entfalten. Unermüdlich blieb er an allen medizinischen Neuheiten und Entwicklungen interessiert, um sie nach ausreichender Bewährung in seine Klinik einzuführen. Hierbei blieb er getreu einer ihm in der Studienzeit gewidmeten Lebensweisheit „Prüfe aber alles und das Gute behalte“. Sein dynamischer Geist, seine große Belastbarkeit, seine optimistische und beharrliche Zielstrebigkeit sowie sein kreativer Weitblick hatten auch eine Basis in einem weiteren Lebensgrundsatz, geprägt von dem Theosophen Angelus Silesius: „Es ward uns nicht gegeben, auf einer Stufe auszuruhen.“ Hierbei kam ihm seine sportliche Ausbildung in der Jugend und Studienzeit zugute. Seine Beliebtheit bei seinen Patienten war für seine Mitarbeiter ein beispielhaftes Erlebnis.
Erwin Kuntz gilt seit 1954 als Pionier und Aktivist der ärztlichen Fortbildung. Bereits 1957 berief ihn Prof. Dr. med. Albert Schretzenmayr als Referent in die Fortbildungskongresse der Bundes­ärzte­kammer in Grado, danach in Meran, Davos, Montecatini und Badgastein. In Grado führte er erstmals 1964 für seine Seminarteilnehmer Multiple-Choice-Fragen ein. Gleichzeitig wurde er vom Berufsverband Deutscher Internisten e. V. als Seminar- und Kursleiter in Bad Kleinkirchheim, Teneriffa, Pörtschach, Mallorca, Meran und Prag eingesetzt, ebenso wie bei den Medica-Kongressen in Düsseldorf, Montreux und Baden-Baden. So wurden mehr als 80 Wochenseminare oder -kurse erreicht sowie mehr als 30 Podiumsdiskussionen und Hauptreferate. Von 1960 bis 1998 hat er darüber hinaus mehr als 1 350 Fortbildungsvorträge in Deutschland und 230 ärztliche Fortbildungsveranstaltungen im Ausland durchgeführt. Während seiner Tätigkeit in Schwäbisch Hall hat er fünf Fortbildungstagungen, in Wetzlar 15 Fortbildungstagungen sowie bundesweit sechs Wochenendseminare für klinische Oberärzte eingerichtet und geleitet. Als wissenschaftlicher Kongressleiter organisierte er die Deutschen Gesundheitstage in Köln (1983, 1984), zwölfmal den Seminar- und Praktikumskongress in Meran (1991 bis 2002), Lindau (1995, 1996), Bad Hersfeld (2001) und in Kassel (2003).
Seine wissenschaftlichen Tätigkeiten dokumentieren sich in Monographien (1964, 1966) sowie im Lehrbuch über „Erkrankungen der Gallenblase und Gallenwege“ (1974). Sein Lehrbuch „Praktische Hepatologie“ erschien 1998, dem die erste englische Auflage „Hepatology. Principles and Practice“ (2002) und die zweite englische Auflage 2006 (906 Seiten) folgten. Darüber hinaus ist er Herausgeber von vier Broschüren, vier Lehrbuchbeiträgen, 34 Buchbeiträgen und als Koautor von acht Taschenbüchern sowie von mehr als 150 Publikationen. Als wissenschaftlicher Mit-regisseur eines Leber-Lehrfilms in englischer und japanischer Sprache erhielt er für diesen Film beim 5. Internationalen Filmfestival für Medizin in Rom 1991 die Goldmedaille.
Eine außerordentliche Ehre wurde Erwin Kuntz zuteil, als er aufgrund seiner klinisch-experimentellen Untersuchungen über die Toxizitätsminderung von
Streptomycin 1957 als junger Assistenzarzt zu zwei Vorträgen vor der Akademie der Wissenschaften in Budapest eingeladen wurde. Seitdem besteht eine fast 50-jährige Freundschaft mit ungarischen Institutionen und den Universitäten Debrecen sowie Szeged. Für seine über 25-jährige Tätigkeit als Gastdozent an der Medizinischen Universitätsklinik Debrecen erhielt er 1986 die „Ehrenmedaille pro universitate“ und 1989 die Ehrendoktorwürde der Universität Debrecen. Erwin Kuntz ist Ehrenmitglied der Ungarischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Träger der „Geza-Hetenyi-Medaille“. Er ist Stifter einer Library Foundation der Medizinischen Fakultät Debrecen und eines Förderpreises („Alapitvany Kuntz“) für junge Gastroenterologen, der seit 1990 verliehen wird.
Als langjähriges Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie für Medizinische Fortbildung und Umweltmedizin, Bad Nauheim, stiftete Erwin Kuntz für seine Heimatregion den „Preis für Naturschutz und Landschaftspflege im Lahn-Dill-Kreis“. Dieser Preis, bei hohen Anforderungen, wurde zweimal verliehen (1994, 1995).
Erwin Kuntz gründete 1987 das „Medizinisch-Christliche Hilfswerk e. V.“, das er bis heute als 1. Vorsitzender leitet. Mit diesem karitativen Hilfswerk konnten seitdem erhebliche Finanzmittel zur Verbesserung der medizinischen und hygienischen Situation in christlichen Hospitälern in Entwicklungsregionen sowie große Anstrengungen für die fachliche Weiterbildung von Pflegepersonal, technischen Mitarbeitern oder Lehrkräften erbracht werden. Seit 1983 ist Erwin Kuntz Mitglied des Akademischen Rates der Humboldt-Gesellschaft. 1996 war er Mitgründer der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft für Medizin und seitdem Vorstandsmitglied sowie Präsident.
Das umfangreiche und vielgestaltige Lebenswerk von Erwin Kuntz wurde vielfach ausgezeichnet. So wurde ihm von acht nationalen und internationalen Fachgesellschaften die Ehrenmitgliedschaft und von drei Gesellschaften die Ehrenpräsidentschaft verliehen. 1974 erhielt er von der Bundes­ärzte­kammer die „Ernst-von-Bergmann-Plakette“. 1983 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet. Seine Heimatstadt Wetzlar würdigte seine Verdienste 1984 mit der Verleihung des
„Ehrentellers der Stadt Wetzlar“. Darüber hinaus erhielt er unter anderem die „Ehrenplakette der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen“ in Silber (1987), die „Peter-Jeschke-Medaille“ (1988) und die „Ehrenmedaille“ der Deutschen Akademie für Medizinische Fortbildung. Sein Lebenswerk wurde 1999 mit der Verleihung des „Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland“ und 2004 mit der Verleihung des „Großen Verdienstkreuzes der Republik Italien (Commendatore)“ gewürdigt.
Erwin Kuntz hat sich durch seine vorbildliche Haltung als Arzt, Kliniker, Wissenschaftler und akademischer Lehrer, als engagierter, unermüdlicher professioneller ärztlicher Fortbilder und Pionier der ärztlichen Fortbildung,
als Internist und Hepatologe, als Mitglied von akademischen Gremien und der Selbstverwaltung um die ärztliche Versorgung, die ärztliche Fortbildung, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Anschrift
Auf dem Kronberg 6
35582 Wetzlar


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Prof. Dr. med. Carl Schirren

Die deutschen Ärztinnen und Ärzte ehren in Carl Schirren einen Arzt, der sich in mehr als 40 Jahren seines aktiven Berufslebens durch sein Wirken als Wissenschaftler, akademischer Lehrer und als Pionier der Andrologie in Deutschland um die ärztliche Versorgung der Patienten, um die Wissenschaft, die Forschung und Lehre und auch durch seine engagierte Tätigkeit in akademischen Gremien, in Berufsverbänden, in Fachgesellschaften und als Fortbilder um die Selbstverwaltung, das Gesundheitswesen und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht hat.
Carl Schirren wurde am 24. Juni 1922 als ältester Sohn des Facharztes für Dermatologie Dr. med. Carl Georg Schirren und seiner Ehefrau Annelise, geb. Reuter, in Kiel geboren. Die Adresse – Schlossgarten 13 – in Kiel ist für viele untrennbar mit dem Namen der Familie Schirren verbunden, deren Dermatologentradition bereits vor drei Generationen vom Urgroßvater von Carl Schirren, Carl Schirren senior, 1889 an der Chirurgischen Universitätsklinik in Kiel begründet wurde.
Carl Schirren besuchte nach vier Grundschuljahren die Kieler Gelehrtenschule von 1932 bis 1940 und wurde als Oberprimaner im Alter von 18 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen. Von 1940 bis 1945 war Carl Schirren im Kriegseinsatz; er wurde bei Fronteinsätzen fünfmal, zum Teil schwer, verwundet. Zuletzt war er Oberleutnant der Reserve in einer Aufklärungsabteilung und Chef einer Schwadron.
Bereits während des Zweiten Weltkrieges war er ein Semester lang an der Universität Kiel immatrikuliert. Nach Kriegsende nahm er erneut das Medizinstudium an der Universität Kiel auf; hier legte er im Mai 1951 das medizinische Staatsexamen ab. Unter Prof. Dr. med. Felix von Mikulicz-Radecki wurde er mit einer Dissertation zum Thema „Die Eröffnung des Cervicalkanals bereits am Ende der Schwangerschaft“ zum Dr. med. promoviert (ebenfalls Mai 1951).
Einem „Landvierteljahr“ in der Praxis von Dr. med. Hans Poth in Burg/Dithmarschen folgten die erste Etappe seiner Weiterbildung an der II. Medizinischen Klinik des Universitätsklinikums Eppendorf zu Hamburg unter Prof. Dr. med. Arthur Jores und ein weiterer Abschnitt der Weiterbildung an der Hautklinik des Universitätsklinikums Eppendorf unter Leitung von Prof. Dr. med. Dr. Joseph Kimmig. 1957 schloss Carl Schirren die Weiterbildung mit der Anerkennung als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Hamburg ab.
Bereits während der ersten Stationen seiner ärztlichen Berufsausübung und zu Beginn seiner Weiterbildung hospitierte Carl Schirren in den Jahren 1952 bis 1956 in der Landarztpraxis Dr. Poth und in
einer dermatologischen Facharztpraxis, um Erfahrungen bei der praktischen und allgemeinärztlichen Tätigkeit zu sammeln. Nach abgeschlossener Weiterbildung absolvierte er im Frühjahr 1958 einen mehrwöchigen Studienaufenthalt in Großbritannien. Dort lernte er Untersuchungsmethoden bei Infertilität des Mannes kennen und studierte neuere operative Verfahren, die er später am Universitätsklinikum Eppendorf zu Hamburg eingeführt hat.
Nach fast zehn Jahren wissenschaftlicher und klinischer Tätigkeit habilitierte sich Carl Schirren 1960 an der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg im Fach Haut- und Geschlechtskrankheiten mit der Habilitationsschrift zum Thema „Experimentelle und klinische Untersuchungen zur Diagnostik der Fertilitätsstörungen des Mannes und ihrer Therapie mit Hormonen“ und wurde zum Privatdozenten ernannt. Auf Antrag Schirrens wurde die Venia legendi später erweitert auf „Dermatologie, Venerologie und Andrologie“.
Bereits während seines Medizinstudiums wurden die Interessen Carl Schirrens für Fragen der Reproduktionsmedizin dadurch geweckt, dass er bei einem niedergelassenen Gynäkologen in Kiel famulierte und später auch bei gynäkologischen Operationen assistierte. Um Kenntnisse in seinem Interessengebiet zu vertiefen und sich gynäkologisch weiterzubilden, kam er auch zur Erarbeitung seiner Dissertation an das St. Franziskus-Hospital in Flensburg zu Prof. Dr. med. Felix von Mikulicz-Radecki, der ihn für praktische Geburtshilfe interessierte und ihn wissenschaftlich anleitete. Infolge der Berufung von Felix von Mikulicz-Radecki nach Berlin und wegen seiner schweren Kriegsverletzung an der linken Hand wechselte Carl Schirren von der Gynäkologie zur Dermatologie.
Mit der Berufung von Prof. Dr. med. Dr. Joseph Kimmig auf einen Lehrstuhl für Dermatologie an der Universität Hamburg am 1. April 1951 bewarb sich Carl Schirren als Assistenzarzt des neu berufenen „Chefs“. Die Begegnung mit Kimmig und dessen Förderung waren maßgeblich, um Carl Schirren noch mehr für Fragen der Fortpflanzungsmedizin zu interessieren. Schirren setzte seine Erkenntnisse und Erfahrungen in die Tat um, indem er ein andrologisches Labor gegründet und aufgebaut hat. Daraus entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit der Universitätsfrauenklinik in Hamburg, die sich über Jahrzehnte bewährt hat.
Von 1960 bis 1971 war Schirren Oberarzt an der Universitätshautklinik in Hamburg, wo er für 60 Betten verantwortlich war. Neben dieser leitenden Tätigkeit hat Carl Schirren mehrere Jahre auch in der Allergieabteilung, im Mykologischen Laboratorium und in der Universitätsambulanz gearbeitet.
Carl Schirren wurde am 12. September 1966 durch die Universität Hamburg zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Am 21. Januar 1971 ist er zum Abteilungsvorstand und zum Professor der Universität Hamburg berufen worden. Ein Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn und seines wissenschaftlichen Wirkens war die Gründung des Zentrums für Reproduktionsmedizin im Universitätskrankenhaus Hamburg am 1. März 1983, dessen erster Direktor Carl Schirren wurde. Vier Jahre später folgte ihm Prof. Dr. med. Gerhard Bettendorf, der damalige Direktor der Frauenklinik der Universität Hamburg, in der Leitung des Zentrums. Zusammen mit Bettendorf trieb Carl Schirren die Entwicklung des Zentrums voran und erreichte auch durch seine guten Kontakte zur Bürgerschaft finanzielle Zuwendungen als Starthilfe. Als geschäftsführender Direktor des Zentrums für Reproduktionsmedizin strebte Carl Schirren eine räumliche Zusammenlegung der Abteilungen für Frauenheilkunde und des Zentrums für Reproduktionsmedizin unter dem Dach der Universitätsfrauenklinik an. Schirren hielt einen Verbund vor allem aus organisatorisch-wissenschaftlichen Gründen für notwendig, ein Anliegen, das einer Sisyphusarbeit gleichkam, die schließlich wegen des Widerstandes der akademischen Gremien der Universität und des Bestrebens, die Frauenklinik als eigenständige Klinik zu erhalten, misslang.
Im Rahmen seiner wissenschaftlich-praktischen Tätigkeit hat Carl Schirren stets besonderen Wert auf eine breite Basis seines Spezialgebietes gelegt. Besonderes Augenmerk richtete er deshalb auf die Kooperation und die Interdisziplinarität und pflegte dort Kooperationen, wo sich die Interessen seines Faches mit denen der Dermatologie und der Venerologie verbanden. Dies betrifft insbesondere die Beziehungen der Andrologie zur Inneren Medizin und zur Endokrinologie, die gemeinsame Bearbeitung und Erforschung seltener Krankheitsbilder und venerologischer Fragen. Aus dieser Arbeit entstand Carl Schirrens Hauptvorlesung über „Haut-
erscheinungen bei inneren Erkrankungen“ und die auch für Studenten anderer Fakultäten offene Vorlesungsreihe „Sexualpädagogik“.
Im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere wandte sich Carl Schirren immer mehr seinem eigentlichen Spezialgebiet, der Andrologie, zu. So hat er für diesen relativ jungen Wissenschaftszweig im Rahmen der Dermatovenerologie Initiativen entwickelt, in deren Mittelpunkt die Einrichtung einer andrologischen Ambulanz in Hamburg stand, aus der dann die Abteilung für Andrologie im Rahmen der Universitätshautklinik hervorging. Dank seines unermüdlichen Einsatzes und seiner guten Verbindungen zu anderen Mitstreitern gelang es Carl Schirren, eine andrologische Arbeitsgruppe innerhalb der Dermatologie in Deutschland aufzubauen, die später die Sektion „Andrologie“ der Deutschen Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität e.V. bildete. So wurde es möglich, andrologische Anliegen und wissenschaftliche Schwerpunkte gleichgewichtig mit denen der Gynäkologie in der Fachgesellschaft zu vertreten. Dank seines beharrlichen Einsatzes und seiner Hartnäckigkeit gelang es Carl Schirren, während der Jahrestagungen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft e.V. spezielle andrologische Symposien zu organisieren und durchzuführen, die zum Teil von ihm selbst geleitet wurden oder an deren Leitung er beteiligt war.
Der große Einsatz und das vorbildliche Engagement für sein Spezialfach hatten dazu geführt, dass die Andrologie im Fachgebiet Dermatologie immer stärker verankert wurde. Inzwischen hatten sich an anderen Universitäten andrologische Arbeitseinheiten und Abteilungen gebildet. Auf Anregung Carl Schirrens ist 1967 die Deutsche Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität e.V. gegründet worden, die ihn zum Vizepräsidenten und 1970 zum Präsidenten wählte. Dieses Amt hatte er bis 1975 inne, von 1975 bis 1979 war er Vizepräsident. Durch die Arbeit in seiner Fachgesellschaft gelang es Carl Schirren, auch im internationalen Raum Gehör zu finden. Er war Initiator und Mentor bei der Gründung von Fachgesellschaften im Ausland, die ihn wiederholt zu Studienreisen, Gastvorlesungen und einer Honorarprofessur (in Japan) einluden und ehrten. So trugen ihm seine Aktivitäten u. a. die Ehrenmitgliedschaft der Ungarischen Urologischen Gesellschaft, der Polnischen Dermatologischen Gesellschaft, der Türkischen Dermatologischen Gesellschaft, der Deutschen Gesellschaft zum Studium der Fertilität und Sterilität e.V. und des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e.V. ein. Zugleich ist er mit der Ehrenpräsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Andrologie e.V. geehrt worden.
Das wissenschaftliche Engagement und seine guten Verbindungen zu Verlagen führten 1969 zur Gründung der Zeitschrift „andrologia“, deren Alleinherausgeber Carl Schirren bis 1973 war. Von 1974 an ist diese Zeitschrift aufgrund einer internationalen Übereinkunft zum Organ des Internationalen Komitees für Andrologie erklärt worden, dessen Vizepräsident Carl Schirren bis 1974 war. Carl Schirren wurde zum Herausgeber der Zeitschrift gewählt. 1978 ist er zum Leiter des Herausgeberkollegiums dieser Fachzeitschrift berufen worden. Diese überaus wirkungsvolle, aber auch kräftezehrende Arbeit führte Carl Schirren 25 Jahre lang bis zum Jahr 1990 erfolgreich fort.
Stets war Carl Schirren bemüht, seine Interessen- und Arbeitsgebiete mit wissenschaftlichem Tiefgang zu beackern und interdisziplinär zu verbinden. So waren Schwerpunkte seiner Arbeit die Beziehungen zwischen Hauterkrankungen und endokrinen Störungen, Stoffwechselstörungen und deren Auswirkungen auf die Haut, die Andrologie, die Mykologie, die Venerologie und schließlich sein Hobby, aber auch sein akademisches Interessengebiet: die Medizingeschichte.
Neben seiner engeren ärztlichen Tätigkeit, seiner Lehr- und Forschungs-
tätigkeit und als Pionier der Andrologie engagierte er sich auch in Fachgesellschaften und in der ärztlichen Berufspolitik. Diesen Schritt hat er bewusst getan, weil er der Überzeugung war, dass die Andrologie nur durch die Verbindung von Wissenschaft und Praxis nachhaltig gefördert werden könne. Sein besonderes Engagement galt deshalb auch der Organisation und Leitung von Fortbildungsseminaren für Fachärzte, so zum Beispiel im Auftrag und im Namen des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e.V., für den er zahlreiche andrologische Fortbildungsveranstaltungen durchführte. Diese Aktivitäten führten dazu, dass sich der Wissensstand der Ärzte generierte und mehrte und die Urologen sich verstärkt dem praktischen Anliegen der Andrologie zuwandten.
Bereits 1967 ist er zum korrespondierenden Mitglied, 1972 zum ordentlichen Mitglied der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, einem Fachausschuss der Bundes­ärzte­kammer, berufen worden (bis 1978).
Carl Schirren ist wiederholt von nationalen und internationalen Gremien, durch Berufsverbände und durch den Bundespräsidenten gewürdigt worden. So zeichnete ihn der Panamerikanische Kongress für Andrologie im März 1978 durch die Stiftung einer „Carl-Schirren-Lecture for Andrology“ aus. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre an einen Vertreter der Wissenschaft verliehen. Bereits 1961 erhielt er für seine wissenschaftliche Monographie „Fertilitätsstörungen des Mannes“ den durch die Paul-Martini-Stiftung verliehenen Martini-Preis. Anlässlich seines 75. Geburtstages erhielt er die Friedrich-Schiller-Medaille der Universität Jena.
In Würdigung seiner langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit beim Aufbau und Einsatz in der Elternarbeit in Schleswig-Holstein und für seine Tätigkeit als langjähriger Vorsitzender des Elternbeirates und des Landesschulbeirates und für sein bildungspolitisches Engagement in der Arbeit der evangelischen Familienbildungspflege wurde Carl Schirren 1973 mit der Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt.
Auch nach seiner Pensionierung im September 1987 blieb Carl Schirren aktiv, vor allem auf dem Gebiet der Fortbildung für Internisten, Dermatologen und Andrologen. Außerdem engagierte er sich bei der Organisation und Durchführung von Fortbildungsseminaren in Estland, Lettland und in Litauen (1996 bis 1998).
Vom umfangreichen und fruchtbaren wissenschaftlichen Schaffen und Wirken zeugen etwa 800 Publikationen und Buchbeiträge (so ist sein Buch „Praktische Andrologie“ in der vierten Auflage erschienen) und zahlreiche Artikel in in- und ausländischen Fachzeitschriften und die Mitherausgeberschaft der Fachzeitschriften „Fortschritte der Andrologie“, „Fortschritte der Fertilitätsforschung“, „Große Scripta“ und in „Folia Dermatologica“.
Auch für die internationale Kooperation hat sich Carl Schirren engagiert. So ist er unter anderem Gründungsmitglied des Niels-Stensen-Symposiums, eines Zusammenschlusses dänischer und norddeutscher Dermatologen, mit dem Anspruch von grenzüberschreitenden wissenschaftlichen Kooperationen, einer Verbindung, die sich jährlich zweimal in Dänemark oder in Deutschland trifft.
Carl Schirren hat sich durch seine vorbildliche Haltung als Arzt, als Wissenschaftler, als akademischer Lehrer, als Pionier der Andrologie in Deutschland, als Mitglied von wissenschaftlichen Gremien, von Fachgesellschaften, von Berufsverbänden und als wissenschaftlicher Berater und Gutachter um die ärztliche Versorgung, die Wissenschaft, das Gesundheitswesen, die ärztliche Selbstverwaltung und um das Gemeinwohl in der Bundesrepublik Deutschland in hervorragender Weise verdient gemacht.

Anschrift
Buurnstraat 13
25938 Midlum/Föhr

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