ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2006Psychische Störungen: Mehr Humanität als Anstoß für Ärzte
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Erfreulicherweise weisen die Autoren auf die Bedeutung der zunehmenden psychischen Erkrankungen auch im Zusammenhang mit der ökonomischen Situation hin . . . Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben auch unmittelbaren Einfluss auf die Behandlung, angefangen von den zunehmenden Kosten für die Patienten, z. B. durch Praxisgebühr und Zuzahlungen, bis hin zu therapeutischen Inhalten, wo mit einem glaubhaft von „Mobbing“ bzw. Belastungsreaktionen geplagten Patienten nicht mehr behutsam auf einen Stellenwechsel hingearbeitet werden kann im Sinne der Übernahme persönlicher Verantwortung für das eigene Schicksal zur Bekämpfung der Ohnmachtsgefühle. Vielleicht aus eigener Hilflosigkeit, Unzufriedenheit und psychischer Belastung z. B. durch die Praxissituation heraus vermeiden aber auch wir Behandler die Auseinandersetzung mit diesen Themen und die Beachtung der therapeutischen Beziehung, die umso mehr Bedeutung bekommt angesichts immer unsicherer sozialer bzw. emotionaler Beziehungen in Partnerschaft, Familie und Beruf, worauf im Beitrag hingewiesen wurde. Stattdessen sind wir damit beschäftigt, die Praxisgebühr und ihre Ausnahmebestimmungen zu beachten, uns mit den Bestimmungen und Verträgen für neue Versorgungsstrukturen zu befassen oder Vorschriften zu Qualitätssicherung und -management umzusetzen, die weit über sinnvolle Ziele hinaus zu mehr Bürokratie und Bearbeitung von Nebensächlichem führen, insbesondere in den oft kleinen, personallosen psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxen. Wo aber bleibt die „Qualitätssicherung“ in der Arzt-Patient-Beziehung? Monatelanges Warten auf Termine, stundenlanges Warten in der Praxis, eigene Wartezimmer für Privatpatienten, Fokussieren auf IGeL-Leistungen, nur wenige Minuten für das Gespräch, viel und teurer Aufwand für nicht nachvollziehbare Technik mit wenig Output, fremdwörtergetränkte Erklärungen ohne Blick für das Bedürfnis des Gegenübers,
allgemeine Vertröstungen, ärgerliches Ablehnen oder stille Verbündung durch übertriebene Atteste, all das trägt nicht zu einer aufrichtigen und offenen, manchmal dann vielleicht auch konflikthaften zwischenmenschlichen Beziehung bei, wie es sie sonst im wirklichen Leben auch gibt. Eine Entindividualisierung zeigt sich also im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich, aber auch im Medizinbetrieb. Die Betonung der Humanität durch die Autoren und der Appell nach mehr Beachtung der zwischenmenschlichen Beziehungen sollte daher gerade auch für uns in der alltäglichen Arbeit mit Patienten Anstoß sein. Allein die empfohlene frühzeitige Erkennung psychischer Erkrankungen durch Screeningverfahren und vermehrte Gabe von Antidepressiva führen vor diesem Hintergrund einer häufig interaktionell bedingten Störung kaum weiter, da Medikamente die auch im Beitrag der Autoren skizzierten wirtschaftlichen und sozialen Probleme kaum lösen können . . .
Dr. med. Andreas Meißner, Tegernseer Landstraße 49,
81541 München
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