ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2006Murderous Medicine. Nazi Doctors, Human Experimentation, And Typhus

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Murderous Medicine. Nazi Doctors, Human Experimentation, And Typhus

Dtsch Arztebl 2006; 103(21): A-1454

Baumslag, Naomi

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Geschichte: Analytische Distanz
Naomi Baumslag: Murderous Medicine. Nazi Doctors, Human Experimentation, And Typhus. Praeger Publishers, Westport, Connecticut, London, 2005, XXIX, 272 Seiten, 47,50 €
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geben die Zusammenhänge zwischen den Menschheitsverbrechen der NS-Diktatur und ihren gesundheitspolitischen Aspekten den Überlebenden, aber auch den Juristen, Medizinethikern und Historikern immer neue Rätsel auf. Nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, dass die epidemischen Massenkrankheiten eine entscheidende Scharnierfunktion innegehabt hatten. An erster Stelle stand dabei das Fleckfieber, weil es eine bedrohliche Realität war, zugleich aber auch wegen seiner epidemiologischen Voraussetzungen (etwa soziale Massenkatastrophen, Hungerkrisen, mangelnde Basishygiene) als bevölkerungspolitisches Selektionsinstrument sowie zur Tarnung daran anknüpfender völkermörderischer Praktiken genutzt werden konnte. Die „Steuerung“ des Fleckfiebers wur-de zu einem entscheidenden Herrschaftsinstrument im besetzten Osteuropa und innerhalb des Archipels der Konzentrationslager, und des-halb erlangten die Mediziner eine oftmals dominierende Stellung.
Als Folge der zielstrebig betriebenen Deprivation der jüdischen Bevölkerung und der KZ-Häftlinge wurde der Umschlag vom endemischen Vorkommen zur Fleckfieber-Massenepidemie billigend in Kauf genommen; zugleich musste er aber auch unter Kontrolle gehalten werden, um die deutschen Besatzer und das SS-Personal zu schützen. Die entscheidende Verknüpfung zum Menschheitsverbrechen war jedoch dadurch gegeben, dass die von den Deutschen praktizierten Desinfektionsverfahren zum industriellen Völkermord genutzt wurden: In mehreren Vernichtungslagern wurden die dorthin deportierten europäischen Juden unter Bedingungen vergast, die das mit der Blausäure („Zyklon B“) durchgeführte Verfahren zur Vernichtung der Läuse, des parasitären Überträgers des Fleckfiebererregers, kopierten.
Im Buch werden diese furchtbaren Kontexte systematisch ausgeleuchtet. Es wendet sich an ein breites Publikum und ist in eine allgemeinverständliche epidemiologie- und medizingeschichtliche Darstellung des Fleckfiebers eingebettet. Dabei werden alle wesentlichen Zusammenhänge auf dem aktuellen Forschungsstand vermittelt. Darüber hinaus beschreitet die Verfasserin in einem Kapitel über den Kampf der jüdischen Häftlingsärzte gegen das Fleckfieber und dessen Instrumentalisierung durch die Deutschen Neuland. Die analytische Distanz, die Naomi Baumslag, eine angesehene Pädiaterin der Georgetown University Medical School, dabei aufbringt, ist genauso bewundernswert wie ihre entschiedene Parteinahme für eine den Menschenrechten verpflichtete Medizin und Gesundheitspolitik. Damit knüpft sie an das Vermächtnis ihres Onkels Baruch Baumslag, eines litauischen Kommunalarztes, an, den die Nazis zusammen mit dem größten Teil ihrer Familie ermordet hatten.
Karl Heinz Roth
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